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Dezember 31, 2014 / jeschko

Signalfeuer gegen das Vergessen // Museum Montanelli würdigt verfemte Kunst des 20. Jahrhunderts

Zwar weiß man heute, dass Künstler während des Nationalsozialismus aufgrund ihrer Herkunft, ihres Stils, ihrer politischen Überzeugung oder ihres Menschenbildes Berufsverbot hatten und für Abweichungen von der geltenden Doktrin nicht selten mit dem Leben bezahlten. Weniger bekannt ist jedoch, was aus jenen Werken geworden ist, die den nationalsozialistischen Bildersturm überstanden haben. Beschämt stellt man bei der Betrachtung der Exponate des Zentrums der verfolgten Künste des Solinger Kunstmuseums fest, dass die von den Nazis beanspruchte künstlerische Deutungshoheit, wie sie sich spätestens in der 1937er Ausstellung “Entartete Kunst” in Münchens Hofgarten-Arkaden ausdrückte, bis heute nachwirkt. Viele der damals verfemten Werke, die nicht vernichtet oder ins Ausland verkauft wurden, wurden nie wirklich rehabilitiert und sind damit auch wenig bekannt. Ausgehend von der Frage, warum es so gute Künstler gibt, von denen man gar nichts weiß, sind es vor allem Privatsammler wie Gerhard Schneider, aus dessen Sammlung ein Großteil der zu sehenden Exponate stammt, die dafür sorgen, dass vormals verfemte Künstler wieder in ihr Recht gesetzt werden.

Dem Anliegen ebendieser Rehabilitierung ist die neue Ausstellung im Museum Montanelli gewidmet. Insgesamt finden sich hier 68 der auf der Münchener Ausstellung von den Nazis diffamierten 118 Ausstellungsstücke wieder. Gerade die Künstlergeneration Mitteleuropas, die nach 1900 geboren wurde und sich vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten keinen Namen machen konnte, wird von den meisten Ausstellungsmachern bis heute weitesgehend übergangen. “Wir sind das einzige Institut”, so Rolf Jessewitsch vom Solinger Zentrum der verfolgten Künste, “das sich um diesen Teil der künstlerischen Zeitgeschichte kümmert.” Jessewitsch betont, was die Künstler neben ästhetischen und thematischen Merkmalen untereinander eint und für die Beleuchtung im außerdeutschen Kontext, und somit auch in Tschechien, interessant macht: ”Die Ausstellung zeigt, dass die Künstler dieser Zeit vernetzt waren. Die Künstler dieser Zeit hatten einen Nationalismusgedanken völlig überwunden.” Bildhauerin Milly Steger, eine Freundin der deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Avandgardistin des literarischen Expressionismus Else Lasker-Schüler, unterhielt beispielweise intensive Beziehungen nach Prag und Wien.

Auch wenn die Ausstellung sich nicht als historisch begreift, erhält der Besucher Antworten auf die Frage, wie Künstler den erlebten Wahnsinn künstlerisch umsetzten. Es zeigt sich, neben Meisterwerken von Carl Rabus und Eric Isenburger, die eindeutig in den Bildkosmos der Modernen Malerei und Druckgrafik gehören, dass die Betonung der Zeitgeschichte in Georg Netzbands Kohlezeichnungen und in Otto Herrmanns Lithographien die künstlerische Eigenständigkeit berührt. Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, gab Theodor W. Adorno zu denken. Für den heutigen Betrachter besitzen die im Museum Montanelli nachzuvollziehenden künstlerischen Bezüge zur menschenverachtenden Realität der Jahre 1933-1945 jedoch auch einen geschichtspädagogischen Wert, weil sie helfen, sich mit der Düsternis dieser Zeit zu konfrontieren.

Wie die wiederzuentdeckende Moderne Kunst in den 1930er Jahren zwischen Impressionismus und Neuer Sachlichkeit oszillierte, zeigt sich zudem an der Gegenüberstellung Otto Nagels “Berliner Straßenszene” und Teo Gebürschs “Berliner Gartenhäuser”. Die zur gleichen Zeit sehr verbreitete künstlerische Betätigung im Bereich Druckgrafik, die etwa zwei Drittel der Ausstellung ausmacht, erklärt der Solinger Museumsdirektor Jessewitz damit, dass sich Künstler hiermit “nicht nur gegen den Stil, sondern auch gegen die soziale Funktion von Kunst gestellt” haben. Dies bestätigt auch die vom deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin begründete Kunsttheorie, die der Reproduktionstechnik und der mit ihr assoziierten Kunstformen eine demokratische Funktion zuschreibt. Kunstwerke der Druckgrafik waren Flugblatt, Zeitung und Appell zugleich. Benjamin starb 1940 im spanischen Portbou auf der Flucht vor der Gestapo.

Dreams and Nightmares, bis 22.5., Museum Montanelli (Nerudova 13), geöffnet: dienstags bis samstags 12-18 Uhr, sonntags 12-16 Uhr, Eintritt 80 CZK (ermäßigt 40 CZK), www.muzeummontanelli.com

Dezember 24, 2014 / jeschko

Dein Fernseher lügt // Retrospektive des Prager Künstlerkollektivs Jednotka in der Fotograf Gallery

> Öffentlichkeitswirksame Live-Übertragung aus einem Gebüsch: From the Bush, 1996.

Vermutlich treffen die aus menschlichem Kot geformten Schriftzeichen an der Wand der Fotograf Gallery nicht Jedermanns Geschmack. Angenehmerweise handelt es sich hierbei jedoch, wie beim Großteil der Ausstellungsobjekte, nur um eine Fotoserie, die einen Einblick in die Schaffensphase der Prager Künstlervereinigung Jednotka geben. Dass die dokumentierten Kunstaktionen der 1990er und frühen 00er Jahre sich ohnehin nicht in erster Linie an Schöngeister, sondern an die für Irritationen empfänglichen Gehirne von Durchschnittsbürgern richten, machen auch die Medien-Prothesen des wohl prominentesten Jednotka-Mitglieds Krištof Kintera deutlich.

Mr. TV bezeichnet den Hauptdarsteller einer Aktion aus dem Jahr 1998, in der ein Mensch den Kopf gegen einen Fernseher eingetauscht hat. Kintera hat hierfür einen Kofferfernseher so umgebaut, dass er über den Kopf gestülpt werden kann und zugleich das übliche Fernsehprogramm ausstrahlt. Passanten, die der fleischgewordenen Mattscheibe im öffentlichen Raum begegneten, konnten diese zudem nach Belieben umschalten. Was sich hier zunächst als gelungener Witz auf nervige Zeitgenossen und deren technologische Handhabung gebiert, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine beissende Kritik am allzu ungefilterten Medienkonsum eines allzu aufnahmebereiten Publikums.

Mit Humor und drastischen Mitteln der Überzeichnung auf das hinzuweisen, was oft unbemerkt bleibt in einer vom Fernsehen geprägten Kultur, zum Beispiel die unhinterfragte Einübung von Verhaltens- und Denkweisen, das ist eines der nicht durchweg lösungsorientierten Ziele von Jednotka. So ist auch die fekale Fotoserie nicht lediglich ein pseudo-anarchischer, ins Leere zeigender Gestus von auf Krawall gebürsteten Teenagern, sondern, im Gegenteil, ein aus anthropologischer Sicht völlig legitimer Versuch der Systematisierung eines kulturellen Phänomens – kulturell, weil es nicht die Scheiße selbst ist, die es zu dem macht, was sie ist, sondern der menschliche Umgang mit ihr. Angesichts der TV-Werbungen für Wasch- und sonstige Reinungsmittel, in denen die Welt in reinstem Weiß und ohne jeden Makel erstrahlt, scheint vielleicht nicht die Erinnerung an Stoffwechselendprodukte selbst interessant, aber die Erinnerung an die durch Werbung verdrängten Wirklichkeitsbereiche. Auf Umwegen schließen Jednotka damit auch an die surrealistische Tendenz in der modernen tschechischen Kunst an, indem sie das ausgraben und an die Oberfläche holen, was in den unbeobachteten Klärstufen des Oberstübchens gährt.

1994 versammelte Jednotka mit der Aktion The Bible 74 Personen in der Prager Fakultät für Rechtswissenschaft, um dort die Gründungslektüre des Christentums zu verlesen. Genau 15 Minuten dauerte die präzise synchronisierte und unangekündigt stattfindende Massenlesung, deren Zeitplan nicht zufällig an Warhols Diktum der 15 Minuten Berühmtheit erinnert. Würde die Erfolgsgeschichte der Bibel – das meistverkaufte Buch der Welt – seit jeher auf den Verwertungskriterien der Medienmoderne beruhen, gäbe es sie nicht. Zumindest ständen Bibelfans dem Dadaismus bedeutend näher als der christlichen Doktrin. Aber steht die Fusion von konzeptfreiem Dada und Bibel zu einem ausgewachsenen Mainstreamphänomen tatsächlich noch aus? Manche nennen das schlichtweg CDU.

Atmosphärisch signalisiert die in einem Alt-Prager-Hinterhof gelegene Fotograf Gallery, dass die hier ausgestellte Kunst ohne Scheinwerferlicht und samtene Teppiche auskommt. Wer sich dem personell keineswegs rigide konzipierten Kollektiv anschließen möchte, sollte sich dessen Kunstauffassung anschließen können: Mitglieder von Jednotka streben individuell und gemeinsam nach maximaler Realitätswahrnehmung, gefolgt von der Umsetzung – bis zum Schluss.

Jednotka: A.S.S.S. ABELLO, S.A., bis 25 Mai, Fotograf Gallery (Školská 28, Prag 1), geöffnet: dienstags bis freitags 12-18 Uhr, Eintritt frei, www.fotografgallery.cz

November 24, 2014 / jeschko

Im Nahen Osten nichts Neues? // Künstler der Region und Mittel(ost)europas beleuchten den Nahostkonflikt

> Madame Tussauds lässt grüßen: bettlägriger Ariel Scharon aus Wachs

Was die Kuratorinnen Tamara Moyzes und Zuzana Štefková unter dem Ausstellungstitel Middle East Europe für das DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst zusammengetragen haben, fordert – nicht nur aus Anlass der kürzlich errungenen UN-Vollmitgliedschaft Palästinas – zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart des Nahost-Konflikts heraus. Insgesamt 42 Künstler aus Israel, Palästina, den Visegrád-Ländern, Deutschland und der Schweiz zeigen künstlerisch-politische, drastische und ironische Positionen, die von sehr unterschiedlichen Konflikterfahrungen geprägt sind – und ohne Massenmedien nicht denkbar wären.

Radovan Čerevkas Info-Grafik aus der Serie “Reutersdrama” macht deutlich, dass der Nahostkonflikt nicht nur seit Jahrzehnten je eigene Nachrichtendossiers besetzt, sondern zum komplexitätsreduzierenden Modell für die Konfliktberichterstattung überhaupt geworden ist. Dies wäre kaum eine Sache der politischen Kunst, wenn von solchen modellhaften Darstellungen nicht auch die weitere Meinungsbildung ausginge. Einen ganz ähnlichen Mechanismus beschreibt auch Ihab Jadallahs Kurzfilm “The Shooter”, demzufolge die Darstellungs- und Erzählformen des Western-Kinos mit den Inszenierungsabsichten des palästinensischen Friedenskämpfers zusammengehen. Jadallahs Aussage geht jedoch noch weiter: sämtliche Bewohner Palästinas seien Schauspieler in einer von internationalen Medienunternehmen gedrehten Dauernachrichtensendung.

Modell und Wirklichkeit

Auch die Ausstellung in Prags angesehener Kunsthalle versteht sich als ein Modell, und zwar für die politische Kunst. Politische Kunst wie das Video “Beyond Guilt”, das die in Alltag und Medien verbreitete Kriegsrhetorik selbst in erotischen Gesprächen unter israelischen Teenagern aufspürt, oder Yael Batamas Film über die fiktive Wiederansiedlung von drei Millionen Juden in Polen oder die dreiteilige Videoinstallation Jumana Mannas, die die ungeklärte Territorialfrage Palästinas aufgreift und auf poetische Weise mit dem Jenseits verbindet.

Eine zentrale, von den Kuratorinnen aufgeworfene Frage lautet: Wie korrespondiert die künstlerische Konfliktverarbeitung mit der Herkunft, mit persönlichen Erlebnissen und mit der Konfliktwahrnehmung durch die Massenmedien? Zwei so unterschiedliche Werke, wie die des Tschechen Ivan Voseckýs und der Israelis Yossi Attia und Itamar Rose veranschaulichen die These von der besonderen künstlerischen Standortabhängigkeit bei der Bearbeitung des Themas Nahostkonflikt. Während Vosecký sich 2009 einen Namen machte, in dem er in Hollywood-Manier an prominenter Stelle, über dem Prager Letna-Tunnel, den Schriftzug “Izrahell” an- und somit seinen Umut über die israelische Siedlungspolitik zum Ausdruck brachte, erörtert das israelische Duo vor laufender Kamera zusammen mit Einwohnern der palästinensischen Stadt Taybeh die Möglichkeiten eines gemeinsamen Jüdisch-Arabischen Staates – und eines gemeinsamen zukünftigen Sündenbocks.

Einen Höhepunkt hinsichtlich der optischen Darbietung stellt die bereits im israelischen Herzliya-Museum ausgestellte und daraufhin kontrovers diskutierte Installation “Kafka in Israel” des Berliner Künstlers Volker März dar. Seiner Fiktion zufolge starb Kafka nicht etwa 1924 in Prag an Tuberkulose, sondern emigrierte nach Palästina und führte mit dem Künstler einen jahrzehntelangen Briefwechsel, in dem er das globale Geschehen und die Geschichte Israels kommentiert. März vereint Literatur, Skulptur, Malerei, Fotografie, Film und Musik zu einem dissonanten und näher zu erforschenden Gesamtkunstwerk.

Middle East Europe, bis 20. April, DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst (Poupětova 1, Praha 7), geöffnet: Mi.-Fr. 11-19, Sa.-Mo. 10-18 Uhr, Eintritt 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), http://www.doxprague.org

Mai 27, 2014 / jeschko

Industriekultur von Oberhausen bis Pennsylvania // Bernd und Hilla Becher in Prag

Ohne sie wäre der deutschsprachige Kulturkosmos um einige seiner wichtigsten Protagonisten ärmer. Die Rede ist von der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Mit ihr verbinden sich so berühmte Namen wie Heinrich Heine, Joseph Beuys und das Neanderthal. Unweit des Ruhrgebiets und des dichtesten Straßennetzes Deutschlands gelegen, wurde auch ihr angestammtes Liedgut um den Titel Autobahn der Düsseldorfer Popgruppe Kraftwerk erweitert.

Was hat das nun mit den 97 im Prager Rudolfinum ausgestellten Schwarz-Weiß-Fotografien Bernd und Hilla Bechers zu tun, die mit ihren minutiös abgelichteten Stahlhütten und Kohlebergwerken knapp 40 Jahre westeuropäische und nordamerikanische Industriekultur dokumentieren? Auch sie waren in Düsseldorf aktiv, haben in und außerhalb der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie an Deutschlands sozialem und künstlerischen Klimawandel mitgewirkt und ein schulemachendes, konzeptionelles Fotografieverständnis etabliert, das der „Neuen Sachlichkeit“ der 1920er und 30er Jahre nahesteht.

Kraftwerks „Autobahn“-Hit versteht sich hierbei erst auf den zweiten Blick als Interpretationshilfe des Becherschen Fotografiestils. Unbefriedigend, zu emotional und spaßorientiert erschien Kraftwerk das Bild vom coolen, autofahrenden, gar amerikanisierten Individuum, das zu aufgedrehter Gitarrenmusik lässig Zigarette raucht. Als deutschtypische Chiffre rückten sie das Sujet „Autobahn“ und die Sache in den Blick: von Kraftfahrzeugen befahren und von Radios beschallt, aber von Menschen unbelebt.

„Neue Sachlichkeit“ und alte Industrieanlagen

Eine konsequent sachbezogene Perspektive durchdringt auch das fotografische Werk der Industriearchäologen Becher. Als handele es sich um die dokumentarische Ansicht der Überreste einer vergangenen Kultur. Sehr vereinzelt auf Abbildungen auftauchende Menschen und Autos scheinen lediglich dazu zu dienen, die gigantischen Maßstäbe der zunehmend vom Fortschritt überholten Industrieanlagen zu verdeutlichen. Aufnahmen von Oberhausens Gutehöffnungshütte und der Zeche Concordia veranschaulichen wie Wohnhäuser und Straßen überragende Türme, Transportschächte und Stahlrohrsysteme sich zu urbanen Landschaften ausgeweitet haben. Hierbei mag sich Mancher an H.R. Gigers nachparadiesische Malerei erinnert fühlen – und wüsste man nichts von den Menschen im Pütt, wäre dies ein vorstellbares Ende der Welt. Die ins Bild gesetzten industrienahen Arbeitersiedlungen im südlichen Wales hingegen bieten – wie die seriell gefertigten Rohlinge der Hütten –  ein faszinierendes Panorama des Immergleichen. Ein Merkmal, das auch die ein oder andere Aufnahme des international beachteten Becher-Schülers Andreas Gursky kennzeichnet.

„Das Spannende des Themas liegt für uns in der Tatsache begründet, dass Gebäude, die im Prinzip dieselbe Funktion haben, in einer solchen Vielfalt unterschiedlicher Formen existieren“, so begründeten Bernd und Hilla Becher in der Vergangenheit ihr typologisches Fotografiekonzept. Auch die etwa DIN A3 großen Aufnahmen in Prags Rudolfinum machen deutlich, dass die Bechers Fotografie als Sprache verstanden haben, mit der sich Phänomene darstellen, systematisieren und vergleichen lassen. Neben der Einteilung in Stahlhütten und Zechen der Untersuchungsländer Deutschland, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien und den U.S.A. ließe sich die Ausstellung auch mit Begriffen wie Monumentalskulptur, Requiem, Sakralarchitektur und Landschaftsfotografie ordnen. Was die nüchtern sortierte Foto-Ausstellung ausmacht, ist: sie dokumentiert, zeigt und lässt sehen, ohne dem Betrachter gleich eine Deutung anzuempfehlen.

Zudem enthält die Fotoserie auch eine stille Referenz auf den Fotografen Andreas Feininger. Wie in Feiningers Porträt der Manhattener Skyline nahmen auch Bernd und Hilla Becher einen Friedhof und in einem weiteren Bild einen Autofriedhof mit in das Porträt einer amerikanischen Stahlhütte auf. Ein Anflug von Pathos trotz selbst verordneter „Neuer Sachlichkeit“ – oder eine Szene, wie sie nur in der Wirklichkeit spielt? Auf der Venedig-Biennale 1990 wurde dem Fotografen-Duo Becher der Preis für Skulptur verliehen und damit eine Wirkung über den Fotografiebereich hinaus bescheinigt. Abgesehen von der lästigen Frage der Disziplingrenzen ist das kaum verwunderlich, denn der geschulte Blick stellt wohl für die meisten Kunst- und Bewußtseinsformen die wesentliche Ressource dar.

In Siegen geboren, richtete Bernd Becher sein Augenmerk schon früh auf die Zechen und Hütten seiner Heimatregion, deren nunmehr historische Bedeutung sich bereits in den 1950er Jahren abzeichnete. Ein Thema, das den späteren Fotografieprofessor bis zu seinem Tod 2007 und seine Frau Hilla Becher bis heute nicht loslässt.

Kuratiert wird die Ausstellung von Heinz Liesbrock in Zusammenarbeit mit dem Josef-Albers-Museum Quadrat Bottrop.

Bernd & Hilla Becher: Kohlebergwerke. Stahlhütten., bis 3.6., Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12 – Prag 1), geöffnet: täglich außer montags und donnerstags 10 bis 17.30 Uhr, donnerstags bis 19.30 Uhr, Eintritt: 120 Kronen (ermässigt 70 Kronen), weitere Informationen über Ausstellung und Begleitprogramm unter www.galerierudolfinum.cz

April 5, 2014 / jeschko

Hinter den Spiegeln // Fotografien Shirana Shahbazis im Prager Rudolfinum

Gleich beim Betreten der Kleinen Galerie des Prager Rudolfinums bietet sich dem Besucher ein ungewöhnliches Foto dar. Ein etwa acht Quadratmeter großes Stillleben auf pechschwarzem Grund hängt dort, arrangiert aus Zitronen, Muschelschalen und angeschnittenem Weißbrot. Dem ersten Eindruck und der relativen Unschärfe des Bildes nach, handelt es sich hier um ein niederländisches Gemälde des 17. Jahrhunderts. Aber welcher Fotograf fertigt eine mittelmäßige Aufnahme an und präsentiert sie dann im Großformat?

Der Fotograf ist eine Fotografin, sie heisst Shirana Shabazi, und die Unschärfe auf dem Bild hat einen Grund: wir sehen ein im Studio abfotografiertes Gemälde, das die Künstlerin zuvor in Auftrag gegeben hat. Zur Beantwortung der Frage, warum sie das macht, bedarf es eines Blicks in die Bilder- und Ideenwelt der Künstlerin. Die 1974 in Teheran geborene und heute in Zürich lebende Künstlerin bewegte sich zunächst im Genre der Reisefotografie, porträtierte formschöne Landschaften und Menschen im Alltag. Heute siedelt sie die Bilder dieser Schaffensphase nahe der Kitschgrenze an, betont aber, dass dieselbe zugrunde liegende Bildfaszination auch ihr heutiges Werk durchdringt. Ein konzeptionelleres Werk, das die Lust an Komposition und Form zelebriert – und auf wesentliche Motive reduziert.

Von figurativ und naturistisch über ausschnitthaft bis abstrakt: exemplarisch stehen die 18 unter dem Ausstellungstitel „Andererseits“ im Rudolfinum vereinten Bilder für eine Fotografie, die sich – wie man im Feuilletonsprech sagt – nach sich selbst befragt. Im Gegensatz zur Medientheorie, die funktionelle Fragen mit Blick auf die technischen Apparate beantwortet, laden Shahbazis Bilder jedoch zum Verweilen auf der Bildebene ein. Landschaftliche Formen und Panoramen des Außenraums werden in studiokompatible Miniaturen überführt. Wir sehen durchkomponierte Stillleben, ein in Grautönen strahlendes Gefieder, einen schillernden Kristall mit Fangarmen, Gebirgsreliefe in Schwarz-weiß und geometrisch angeordnete Farbmuster.

 

Inspiration für die Anfertigung ihrer übergroßen Stillleben sammelte Shahbazi in Teheran, wo handgemalte Werbeplakate aus Kostengründen üblich waren. Die mit der großformatigen Fotografie bereits im Eingangsbereich aufgeworfene Frage nach der Echtheit, ob es sich um ein Gemälde handelt oder um eine Fotografie, ist nur eine von Vielen, die beim Gang durch die Austellung aufkommt. So banal die Feststellung klingen mag: den Beweis, dass die Qualität eines Fotos mit der Auswahl des Motivs beginnt, führt Shirana Shahbazi so virtuos wie überzeugend. Der mit einem Frauenporträt bedruckte Stickteppich im hinteren Galerieraum behandelt schließlich die Digitalfotografie und deren kleinste Bildentität. Wie es für die Fotografie Bildpunkte braucht, benötigt es für die Verarbeitung visueller Eindrücke Zeit. Für die von David Korecký überarbeitete Version der von Urs Stahel kuratierten Ausstellung „Much Like Zero“ des Fotomuseums Winterthur sollte man sie sich nehmen.

Shirana Shahbazi: Andererseits, bis 3.6., Kleine Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12 – Prag 1), geöffnet: täglich außer montags und donnerstags 10 bis 17.30 Uhr, donnerstags bis 19.30 Uhr, Eintritt: 80 Kronen (ermässigt 50 Kronen), weitere Informationen über Ausstellung und Begleitprogramm unter http://www.galerierudolfinum.cz

März 15, 2014 / jeschko

Im Hindernisparcour der Kunst // Ein Treffen mit Krištof Kintera (der vor Kurzem den tschechischen Kunstpreis „Persönlichkeit des Jahres“ erhalten hat)

Ausgerüstet mit Stichsäge und Aluminiumprofilen bewegt sich ein Handwerkstrupp durchs Treppenhaus der Stadtbücherei Prag. Es sind die Vorbereitungen für Krištof Kinteras Solo-Ausstellung, die in diesen Tagen für vermehrtes Material- und Personenaufkommen sorgen, am Altstädter Marienplatz Nummer eins. Zwischen den Stockwerken kommen die Blaumänner zum stehen. Die Plastiktüte eines Obdachlosen, der sich hier aufgewärmt hat, ist beim Abgang am Geländer aufgerissen. Deren Inhalt liegt nun über sämtliche Stufen verteilt. Vor sich hin murmelnd, liest der etwa 60-Jährige ein paar dreckige Kleidungsstücke auf, steckt sie zurück in die Tüte und verschwindet in die klirrende Kälte, hinaus auf die Straße.

Dorthin, wo auch prominentere Werke des 38-jährigen Krištof Kintera zuhause sind. Für seine zum Gedenkobjekt umfunktionierte Straßenlampe, mit dem Titel “Willensprobe – Memento Mori”, an der Nuslebrücke im Prager Folimanka Park, wurde Kintera nun mit dem Kunstpreis “Persönlichkeit des Jahres 2011” geehrt. Seit 10 Jahren wird der auf die Initiative des Egerer Stadtgaleriedirektors Marcel Fiser zurückgehende Preis vergeben. Dass die Installation die zehnköpfige, vom Magazin Art & Antique und dem Kunstportal artalk.cz ernannte Fachjury überzeugt hat, liegt vor allem an ihrer gesellschaftlichen Relevanz, thematisiert sie doch ein trauriges und weitgehend verdrängtes Kapitel des Prager Alltags. Schätzungen zufolge haben sich seit 1973, dem Jahr der Errichtung der Brücke im Prager Stadtteil Nusle, 200 bis 300 Menschen durch den Sprung in die Tiefe das Leben genommen.

“Es ist positiv, dass eine Realisation im öffentlichen Raum gewonnen hat. Kinteras Statue ist sehr interessant und wichtig, weil sie auf das Problem des Prager Monuments verweist”, so Jurymitglied Hana Rousová. Für welche künstlerischen Zwecke sich die üblicherweise rigide an Straßenverläufe angepasste Straßenbeleuchtung eignet, hat Kintera schon vor Jahren im holländischen Tiburg für sich entdeckt, wo er eine handelsübliche Straßenlampe zum Spotlight einer Heiligenstatue umbaute.


Ohne das Einverständnis der Behörden wären Kinteras Installationen jedoch nicht von großer Dauer. “Das war auch das größte Problem mit der Installation in Nusle”, so Kintera. “Ohne meine persönliche Bekanntschaft zu einer Person in der Stadtverwaltung hätte das nicht geklappt.” Die Grenzen des Erlaubten zu testen und die der Kunst zu erweitern, gehört fest zu Kinteras künstlerischem Selbstverständnis, was sich auch während der Vorbereitungen zu seiner Ausstellung in der Prager Stadtbücherei zeigt. Dankbar, aber unbeeindruckt von der Größe und Qualität des Ausstellungsraums, verlangt Kintera von der Galerieverwaltung einen hinter Rigipswänden verborgenen Korridor für Besucher zugänglich zu machen. Um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, hat er bereits mit dem Hammer ein Loch in die Wand geschlagen.

“Hier möchte ich einen Durchbruch machen, aber vor einigen Tagen war ein Sicherheitsbeauftragter von der Stadt da und hat Bedenken angemeldet. Der hat auch gefragt, ob ich ein Sicherheitszertifikat für meine Kunstwerke habe.” Kintera grinst für einen Moment, macht aber sofort deutlich, dass es ihm ernst ist. Ihn jetzt mit Sicherheitsbedenken zu konfrontieren sei absurd, weil die Galerie schon lange wüsste, dass er zum Beispiel ein unter 50 000 Volt Spannung stehendes Werk ausstellen werde. Ganz so kompromisslos wolle er sich jedoch nicht zeigen. “Wir werden eine Lösung finden, notfalls sperren wir einen Seitenraum ab, den Besucher dann zwar nicht betreten, aber anschauen können.” Ein Sicherheitszertifikat für Kunstwerke zu verlangen, klingt tatsächlich etwas restriktiv. Zugleich scheint Kintera jedoch gerade solche Bedenken und Einwände als Ansporn und Legitimierung für seine künstlerischen Sonderwege zu nutzen.

Kintera, der zur den erfolgreichsten Künstlern Tschechiens zählt und unter anderem an “Entropa”, David Černýs skandalösem Werk für die tschechische EU-Ratspräsidentschaft 2009, beteiligt war, betont seine Unabhängigkeit. “Wenn ich in der Ausstellung auf bestimmte Werke aus Sicherheitsgründen verzichten soll, dann werden wir meine Sachen hier wieder abtransportieren, dann war’s das. Ich brauche diese Ausstellung nicht.” Kintera zeigt auf eine aus Blei gefertigte Kabine, die während der Ausstellung das Zuhause seiner Filmfigur “Plumbuman” (zu deutsch Klempnermann) sein wird: “Was kann ich dafür, wenn jemand mit seiner Zunge überprüfen will, wie die Bleiverkleidung schmeckt? Das ist nicht mein Problem.”

Schon 1996 kommentierte Kintera das gängige Anfassverbot in Galerien und Museen mit seinem Werk “Do not touch”, drei in den Betonboden eingelassene Kreissägen, deren Sägeblätter bedrohlich und ohne jede Schutzvorrichtung rotierten. Für die Ausstellung in der Stadtbücherei hat er sich vorgenommen den Eingangsbereich umzubauen. “Normalerweise kommt man hier durch die Eingangstür und schluckt erstmal, weil die Stimmung so gedämpft ist, rechts der Bezahltresen, vorne das Wachpersonal. Um das zu ändern werden wir die Decke etwas abhängen und einen für Prag typischen, vietnamesischen Kaufladen nachbauen, durch den sich der Besucher ersteinmal durchzwängen muss.”

Fast wäre Kintera Berufsathlet geworden, Hürdenläufer. Das war ihm jedoch zu langweilig. Hürden zu suchen und dann zu überwinden, hat sich jedoch auch als Motiv für sein künstlerisches Schaffen bewährt. Für den Fall, dass der Sicherheitsbeauftragte ernst machen und tatsächlich Ausstellungsstücke verbieten will, hat er bereits vorgesorgt. Schmunzelnd deutet Kintera auf einen über vier Meter hohen, aus Straßenlampen gefertigten Kronleuchter: “Hier in dem Stahlrohr haben wir einen 100-Kronen-Schein deponiert. Nicht viel, aber die Geste zählt.”

Krištof Kintera – Ergebnisse der Analyse, 29.2. bis 13.5., Galerie der Hauptstadt Prag (Stadtbücherei, 2. Stock, Mariánské náměstí 1, Eingang Valentinská), geöffnet: täglich 10-18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), www.ghmp.cz, www.kristofkintera.com

> find the fast-and-humpy-translated english version below:

In the obstacle course of arts // A Meeting with Krištof Kintera – Czech Republic’s art personality of the year 2011

Equipped with a jigsaw and aluminum profiles, a group of handcrafts moves through the stairway of the Prague Municipal Library. Where the preparations for Kristof Kinteras solo exhibition take place these days, providing increased material and passenger traffic, at the Old Town Maria Square number one. Between the floors the group of Blue Men stops. The plastic bag of a homeless man who has warmed himself here, torned open while passing the stair-rail. The content is now distributed across the stairs. Muttering to himself, the about 60-year-old collects his clothes, puts them back into the bag and disappears into the bitter cold, out to the streets.

To where also prominent works of the 38-year-old Kristof Kintera have their existence. For his to a memorial converted street lamp, with the title „Of One’s Own Volition – Memento Mori“, at the Nusle Bridge in Prague’s Folimanka Park, Kintera was now been honored with the Art Award „Personality of the Year 2011“. Going back to the initiative of Cheb’s Municipal Gallery Director Marcel Fiser the prize has been awarded for already 10 years. That the installation convinced the ten jury members, appointed by the magazine Art & Antique and the Art Portal artalk.cz, is also because of its social relevance, focussing on a sad and largely repressed chapter of Prague’s daily life. It is estimated that since 1973, the year of construction of the bridge in Prague Nusle, 200 to 300 people took their lifes by jumping to the depth.

„It is positive that a realization has won in the public domain. Kinteras statue is very interesting and important because it points to the problem of the Prague monument”, says jury member Hana Rousová. Kintera already proved the usually rigidly road course following streetlamp as a means for artistic purposes several years ago in the Dutch city of Tilburg, where he modified a street lamp into a Spotlight of a saint statue.

Without the consent of the authorities Kinteras installations were not of great duration. „That has also been the biggest problem with the installation in Nusle“ says Kintera. „Without my personal acquaintance with a person in the city government it would not have worked out.“ To test the limits of what is permissible and to expand the limitis of art, is part of Kinteras self-understanding, which can be recognized also during the preparations for his exhibition at the Prague Municipal Library. Thankfully, however, unimpressed by the size and quality of the exhibition space, Kintera requires the management of the gallery to make a hidden corridor behind plasterboard walls accessible for visitors. In order to emphasize his desire, he already made a hole in the wall.

Testing and expanding the limits of arts

„Here I would like to make a breakthrough, but a few days ago, a security officer was here, and raised concerns. He also asked if I have a safety certificate for my art works.“ Kintera smiles for a moment, but immediately makes sure that it’s serious. To confront him with safety concerns now is absurd, because the gallery knows for a long time that he would also issue a 50 000 volt art work. Nonetheless he shows openess towards a compromise: „We will find a solution, if necessary, we will block off a side room, then the visitor can not enter, but watch.“ To require a safety certificate for works of art, sounds, politely said, restrictive. At the same time Kintera uses such concerns and objections as an incentive and legitimacy for his specific artistic ways.

Kintera, who is one of the most successful artists in the Czech Republic and was also envolved in „Entropa,“ David Cerny’s scandalous art work for the Czech EU Presidency in 2009, emphasizes his independence. „If I should be forced to abandon certain works from the exhibition for security reasons, then we’ll move my stuff away form here, and that’s it. I don’t need this exhibition.“ Kintera points to a cabin made of lead, which will be the home of his character invention „Plumbuman“ during the exhibition. „What can I do if someone wants to check with his tongue, how the lead lining tastes? That’s not my problem.“

Back in 1996 Kintera commented gallery and museum conventions with his work „Do not touch“, three concrete embedded buzzsaws, which blades rotated threatening and without any protective device. For the exhibition at the public library, he wants to remodel the entrance area. „Usually you step in and directly have to swallow, because it’s so subdued – the payment counter on the right, the guards in front. To change this we will lower the ceiling and rebuild a Prague typical Vietnamese grocery store, through which the visitor will have to pass through.“

When he was young Kintera would have almost become a professional athlete. Thanks god he didn’t. To seek and overcome obstacles has nonetheless also become a motive for his artistic work. If the security officer unsheathes and wants to prohibit exhibition pieces, Kinteras team is prepared. Pointing to a four meters high chandelier made of street lamps Kintera says: „Here in the top of the steel tube, we have deposited a 100-Crown note. Not much, but a gesture that will be understood.”

Kristof Kintera – Results of the analysis, 29.2. to 13.5.2011, City Gallery Prague (City Library, 2nd floor, Marianske namesti 1, entrance via Valentinská), open: daily 10-18 o’clock, Admission: 120 CZK (reduced 60 CZK), www.ghmp.cz, www.kristofkintera.com

Januar 15, 2014 / jeschko

Lego-System-Kunst // Retrospektive Radek Kratinas im Haus zur Steinernen Glocke

19_Radek Kratina na počátku 70. let

Lange hat die umfassende Werkschau des tschechischen Künstlers Radek Kratina auf sich warten lassen, und dass, obwohl dieser sich ohne Weiteres in die Ahnenreihe der konstruktivistischen, konkreten oder kinetischen Kunst der 1960er und 70er Jahre fügt. 1999 verstorben und zu Lebzeiten mit Ausstellungsverboten belegt, wird der Name Kratina bis heute in kaum einer Hitlist des internationalen Kunstbetriebs geführt. Etwas bekannter mag da der in Berlin lebende tschechische Künstler Rudolf Valenta sein, der 1967 zusammen mit Kratina den tschechoslowakischen „Klub der Konkretisten“ gründete.

Programm dieser Vereinigung, das zur selben Zeit auch andernorts in Europa Konjunktur hatte, war, künstlerische Form– und Farbgebungen auf wesentliche Elemente zu reduzieren. Was die russischen Formalisten, die schweizer Konstruktivisten oder die Dada–Bewegung im frühen 20. Jahrhundert an Innovation freisetzten, an neuen Design– und Bauprinzipien hervorbrachten, sollte nach dem historisch bedingten Rückfall in vormoderne Zeiten wieder Gegenstand des künstlerischen Schaffens sein. Wie die als Sonderlinge belächelten Konkreten Poeten im Westdeutschland der 1960er Jahre sich den Lego–Systemkomponenten der Literatur zuwandten, also den Buchstaben und Lauten, arbeiteten Konkrete Maler und Bildhauer mit geometrischen Grundformen und komplementären Farbfolgen.

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Mit einsetzender Normalisierung in der Tschechoslowakei, wurde auch der Künstler Radek Kratina marginalisiert, da er nach Logik der geltenden Doktrin ein westlich–dekadentes Kunstverständnis vertrat. Vielfarbene Quader oder monochrome Karos sind nach wie vor Themen der Malerei und Bildhauerei, die naturalistischer veranlagte Betrachter herausfordern. Kratinas offensichtlicher Gefallen an geometrischen Formen und monochromer Farbgebung kommt jedoch gar nicht streng formalistisch daher, sondern spielerisch. Ein Spiel, das wiewohl kein abstraktes, sondern ein durch und durch gegenständliches ist.

Die Reliefs aus Alltagsobjekten wie Streichhölzern und Buchstabennudeln, die gemäldehaften dreidimensionalen Setzkästen und vertikal emporragenden Metallskulpturen, die Kratina „Variablen“ genannt und je aus immergleichen Bauelementen nach dem immergleichen Bauprinzip zusammengesetzt hat, zeigen, dass hier vor den historischen Wänden der Hauptstadtgalerie, das Werk eines Modernen gewürdigt wird.

Radek Kratina (1928 – 1999) Dům U Kamenného zvonu, Galerie hlavního města Prahy / Haus zur Steinernen Glocke, Galerie der Hauptstadt Prag (Staroměstské náměstí / Altstädter Platz 13, Praha 1), geöffnet: dienstags bis sonntags 10 bis 20 Uhr, Eintritt: 120 Kronen (ermäßigt 60 Kronen), www.citygalleryprague.cz, bis 19. Mai 2013