Kritische Gegenwart in alten Gemäuern // Die Pressefotos des Jahres im Altstädter Rathaus

Zum 16. Mal nun jährt sich die unter der Schirmherrschaft des Tschechischen Präsidenten und des Prager Bürgermeisters stehende Ausstellung der Preisträger des Czech Press Photo Awards 2010. In acht verschiedenen Kategorien wie Nachrichten, Sport, Natur und Umwelt wurden jeweils drei Preise sowohl an tschechische als auch slowakische Pressefotografen verliehen. Explizit bedankte sich für die Berücksichtigung des östlichen Nachbarn auch der diesjährige Gewinner des Hauptpreises Martin Bandžák. Der in Bratislava und Phnom Penh ansässige Slowake, Mitbegründer und Direktor der Hilfsorganisation „Magna Children At Risk“ gewann mit dem Portrait eines haitianischen Mädchens, das nach der Erdbebenkatastrophe in einem Krankenhaus untergebracht war. Die aus internationalen Größen der Fotografiewelt besetzte Jury begründete ihre Wahl mit der Einfachheit und der Emotionalität der Aufnahme, die die Erinnerung an die Katastrophe und das andauernde Leid der Haitianer wachhielte.

Vor allem Fotos von Menschen sind es, die die Abstraktionen der täglichen Berichterstattung hier auf ein verständliches Maß herunterbrechen und das Bewusstsein für empathische Momente empfänglich machen. Der kritisch-deskriptive, nicht selten auch an die „embedded journalists“ des Irakkriegs erinnernde Blick der Fotografen setzt jedoch nicht nur auf Mitgefühl und humanitäre Bildpolitik, sondern bedient sich, wie die Fotoserie „Absurdistan“ zeigt, auch der humorvollen Distanz zwischen Objekt und Betrachter. Ihr Urheber Libor Fojtík, Gewinner in der Kategorie „Alltagsleben“, widmet sich in seinen Miniaturen Schauplätzen wie Erotikmärkten, Politikertreffen oder einem Hasenrennen auf dem Altstädter Ring und deckt deren komische Seite auf. „Auch die tschechische Politik ist absurd“, konstatiert der für die tschechische Tageszeitung Hospodářské Noviny arbeitende Fotograf, der auch den politischen Rahmen des Eröffnungsabends für ein Brimborium hält. Zwischen investigativer und künstlerischer Fotografie, zwischen Aufklärung, Anmut und Abenteuer verläuft die dünne Grenze der hier versammelten Werke. Auf die Frage, ob Fotografie ästhetische Mittel in den Dienst der Aufklärung stellen sollte oder ob sie gar nicht anders kann, sei erwidert: Entdecken geht dem Aufdecken voraus.

Czech Press Photo Awards 2010, Kreuz- und den Rittersaal des Altstädter Rathauses, 19. November 2010 bis 31. Januar 2011, geöffnet: täglich 9 bis 18 Uhr, www.czechpressphoto.cz

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Tschechisches Original trifft auf andalusische Gelassenheit // Auf eine Zigarette im Café Sladkovsky

Schon beim Betreten des Lokals fallen sie ins Auge die grün-roten Fliesen, die den langen Weg von Marrokko in diesen öffentlich noch etwas unterbelichteten Teil Prags hinter sich haben. Per Zug sind sie vor gut einem Jahr nach Hamburg und von dort aus mit dem Auto in die Sevastopolská 17 gebracht worden. Zu dieser Zeit glich das Café Sladkovský noch einer Baustelle. Völlig entkernt und von Grund auf erneuert wurden die Räumlichkeiten, die an diesem frühen Freitagabend sowohl von jungen Eltern, studentischen Pärchen und Kindern bevölkert sind. Letzteren steht hier ein separiertes Spielzimmer zur Verfügung – sicherlich eine Ausnahme in der Prager Kneipenlandschaft.

Aber nicht nur jene Fliesen, auch die Tapas-Auslage, die Weine und die vielversprechenden Angebote zur Nahrungsaufnahme zeugen von dem geglückten Vorhaben mediterrane Lebensart ins ins Tschechische zu übersetzen. Viel Wert wird zudem auf die Zubereitung eines wahrhaft aromatischen Kaffees gelegt, zu dem auf Anfrage hausgemachter Käsekuchen oder Apfelstrudel gereicht wird. Zum Repertoire der in Zukunft italienisch dirigierten Küche gehören unter anderem auch Indisches Hühnchen, Arabisches Hummus, Rindfleisch- und vegetarische Burger, Pasta und frisch zubereitete Salate. Aber nicht nur für den größeren Appetit ist hier gesorgt, auch das ab 11.30 Uhr erhältliche Frühstück, hat, je nach Präferenz, Toasts, Sandwiches oder englische Deftigkeit zu bieten.

Den Skeptikern sei bei derartigem Eklektizismus gesagt: Die Gemütlichkeit, die sich bei einem spanischen Reserva, einem Ježek oder einem ungefilterten Rychtář breit macht, war schon vorher da. Denn die verschiedenen kulinarischen und gestalterischen Anleihen, die Bistro mit Café und Wohnzimmer verbinden, erzeugen nicht nur eine geeignete Atmosphäre für Gespräche, für die Zeitungslektüre oder eine Partie Schach, sondern locken gelegentlich auch Literaten und Musiker auf die nicht vorhandene Bühne. Dem Team um Geschäftsführer Michal Mahdák geht es folglich nicht nur um’s Geld verdienen, sondern auch um einen Beitrag zur Stadtteilkultur. Viva la Vrsovice!

Café Sladkovsky, Sevastopolská 17, Prag 10 (Vršovice), geöffnet: täglich bis ~ 1 Uhr, www.cafesladkovsky.cz, www.startvrsovice.cz