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November 12, 2010 / jeschko

Krypten der Moderne // Das Ökotechnische Museum in Prag-Bubeneč bietet Raumerfahrungen besonderer Art

Beim Anblick des Mutterschiffs, dem Hauptgebäude der ehemaligen Abwasserreinigungsanlage in Bubeneč, fällt auf, dass seinen Erbauern kein reiner Funktionsbau vorschwebte als es um die Unterbringung der verschiedenen Klärstufen ging. Es muss ihnen bewusst gewesen sein, dass hier Geschichte geschrieben und das um 1900 modernste Klärwerk Europas gebaut wird. Ein solches Selbstbewusstsein widerspricht jedoch dem gewöhnlicherweise etwas demütigen Ingenieursgeist – lauert doch bereits der nächste Fehler im Detail. Auch der in England geborene Konstrukteur Sir William Heerlein Lindley, der 1882 in Frankfurt am Main eine ähnlich wegweisende Anlage in Betrieb genommen hatte, entdeckte solche Details und nutzte die Fehleranalyse, um der Entsorgungswissenschaft einen lange Zeit uneingeholten Innovationsschub zu verpassen. Dass mit der wenige Jahre später auch in Bubeneč einsetzenden Elektrifizierung die meisten der überdimensionalen und surreal anmutenden Riemensysteme hinfällig wurden, liest sich heute als Fußnote in der Geschichte der vom Fortschritt überholten Anlage. Auch die zwei funktionstüchtigen Dampfmaschinen wurden seit der Elektrifizierung nur noch für den Betrieb der Hochwasserpumpen eingesetzt. Heute bewegen sich ihre Kolben, Pleuel und Schwungräder nur noch zu Anschauungszwecken, aber auch im Leerlauf lässt sich dieses insektenhaft anmutende Zusammenspiel von Gliedmaßen, Schmierung und Riemen bewundern.

Sperrlich, aber effektvoll beleuchtete Wendeltreppen führen den Besucher in den unterirdischen vorderen Ostflügel. An diesem der Anlage etwas vorgelagerten Ort wurde ankommendes Abwasser aus der Stadt genutzt, um ein meterhohes Wasserrad zum Drehen zu bringen. Dieses wiederum übertrug die Drehung auf einen Ventilator, mit dessen Sog erzeugender Wirkung der bestialische Gestank über den verschiedenen Klär- und Sammelbecken abgesaugt und in einen der beiden Backsteintürme abgeleitet wurde. Diese auch dem Laien einleuchtende, weil rein mechanische Form der Kraftübertragung findet sich an den verschiedensten Stellen der Anlage auf anschauliche Weise wieder – auch wenn die im Original Lindleys über Riemen erfolgte Verkopplung der verschiedenen Anlagenbereiche gekappt ist.

In der unterirdischen Haupthalle, deren Wände von dem darüberliegenden Gebäude gehalten werden, liegen zwei der insgesamt drei mechanischen Klärstufen. Der zunächst manuell, später mit einem elektrisch betriebenen Rechenkamm beseitigte grobe Unrat wurde in einem ersten Klärgang aufgenommen und auf Schienenwaggons verladen. Hierbei handelte es sich um nicht weiter zu verarbeitbaren Restmüll – dem einzigen, den die gegen Ende der 1920er Jahre für 300.000 Prager zuständige Anlage auszusortieren hatte. In einem zweiten Becken, wurde der zum keilförmigen Boden gesunkene Sandschlamm abgepumpt und konnte nach dem Trocknen für Zwecke der Bauwirtschaft verwandt werden. In den sich hieran anschließenden 90 Meter langen Sedimentationsbecken kamen dann schließlich auch die bis dahin im Wasser schwebenden Fäkalien zur Ruhe und konnten, nachdem sie auf den Boden gesunken waren, abgepumpt, auf Schiffe verladen und als Dung an die Landschaftwirtschaft verkauft werden. Hieran lässt sich ablesen, dass bereits das Abwasserwesen dieser Zeit nicht allein im Zeichen der dringend notwendigen Verbesserung der Hygiene, sondern auch der gewinnbringenden Lösung von Entsorgungsproblemen offen gegenüber stand – ein Ansatz, den auch die heutige, aufgrund von EU-Auflagen boomende Recyclingindustrie für sich entdeckt.

Keineswegs lässt sich der Aufenthalt in den Katakomben des Museums jedoch auf den technischen Teil der Abwasserbeseitigung reduzieren. Vielmehr ist es die besondere Atmosphäre, die von den aus Backstein gemauerten Tunnels und Schächten ausgeht. Hier wurden nicht einfach Stoffwechselendprodukte durch irgendwelche Becken und Kanäle geleitet. Der technischen Innovation entsprechend hat man auf eine aufwendige architektonische Form gesetzt, die sich neben einem mehrdimensionalen Tunnelsystem sowohl gemauerte Rundbögen als auch Simse leistet. Wie die Kirchen oder Speicher der Backsteingotik mutet der Unterwelt hier etwas Sakrales an, dessen Wirkung das Museum einmal jährlich durch den weitgehenden Verzicht auf elektrische Beleuchtung und das Aufstellen tausender Teelichter verstärkt. Wer wissen möchte, aus welchen ästhetischen Gründen der vierte Teil von Mission Impossible unter anderem in den Mauern des Ökotechnischen Museums in Bubeneč gedreht worden sein könnte, sollte selbst einmal dort vorbeischauen.

www.ekotechnickemuseum.cz

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