Skip to content
Dezember 10, 2010 / jeschko

Graffiti goes Museum // Die Domestizierung der tschechischen Strassenkunst

Während Plakatforscher sich heute einig sind, dass die Bedeutung des Posters sich durch die Verbreitungstechniken des Internet verändert habe, erfasst seit einiger Zeit auch die aerosolbasierte Strassenkunst eine Transformation. Bisher, und noch immer, ist sie vor allem im öffentlichen Raum von Städten anzutreffen und sorgt für die Erregung der Gemüter. Graffiti polarisiert. Ob es sich hierbei um Kunst, um blosse Reviermarkierungen oder um eine mit hohem Kostenaufwand zu beseitigende Schmiererei handelt, entscheidet wie immer der Betrachter – und hängt nicht selten davon ab, ob man der Besitzer oder lediglich Betrachter der bemalten Flächen ist.

Spätestens mit den medienwirksamen Auftritten des britischen Künstlerphantoms „Banksy“ hat sich etwas verändert in der öffentlichen Wahrnehmung der Strassenkunst. Seine Anleihen bei der Gegenwartskultur (Pulp Fiction, Guantanamo), die die Wiedererkennung und Zuordnung im Stadt- und Mediendschungel erleichtern, sein Schmuggel eigener Werke in das Pariser Louvre und seine Anonymität sorgen nicht nur dafür, dass das Zeichenrepertoire der Streetart und der Kreis der Eingeweihten sich stetig verallgemeinert, sondern auch für den sanften Wiederanschluss des Rätselhaften an die Produktionszyklen der Aufmerksamkeitsindustrie.

Während Graffiti und Breakdance seit jeher zum Zeichenbestand der Hip-Hop-Kultur zählen, und sich – Pop sei Dank – längst Weg in die Kinderzimmer des Mittelstands gebahnt haben, dürfte das Interesse von Museums- und vor allem von staatlicher Seite relativ neu sein. Der diesjährige tschechische Expo-Auftritt in Shanghai liefert hierfür ein eindrückliches Beispiel. So wurden die polizeilich bekannten Streetart-Künstler Masker, Pasta, Tron, Skarf, Cryptic 257 und Point verpflichtet den tschechischen Staat mit einer transportablen Streetart-Ausstellung zu vertreten. Für den unbedarften Betrachter städtischer Graffitikunst ist dies eine nette Geste an die häufig verkannte und kriminalisierte Kunstform. Hardliner hingegen deuten den Handschlag mit dem Establishment als Zeichen der Käuflichkeit.

Straßenkunst & Akademie

Wenn das Verbotene plötzlich erlaubt und sogar erwünscht ist, kommt der Verdacht der Vereinnahmung auf. Während Ideale und Seelen jedoch nur schwer materiell zu fixieren sind, mag die Entscheidung für eine Ausstellung auch der Konservierung dienen. Schließlich ist jedem Graffiti im Stadtraum das Verfallsdatum immer schon eingebaut. Der Vandalismus gegen die Strassenkunst geht nicht nur von den Sandstrahlern der Stadtreinigung aus, sondern auch vom Konkurrenzprinzip der Sprayerszene selbst, deren Ehrencodizes wie auch der Klimaschutz keinem gemeinsamen Regelwerk unterstehen. Die Berufung der Streetart auf den Werkkontext Ausstellung ist daher kein Zufall, sondern auch der Absicht geschuldet museale Kunstkonventionen in Anspruch nehmen zu können, die den Erhalt und die Wahrnehmung des Kunstwerkes als solches garantieren. Dass die fünf, noch bis zum 31. Dezember im DOX zu sehenden Graffiti-Künstler für ihre Installationen gar Wände eingerissen und wieder roh aufgemauert haben, holt den Charme der Strasse zurück in die Miniatur. Nach langer Zeit entdeckt auch die tschechische Kulturpolitik die Strassenkunst und wird sie vermutlich verändern – oder zumindest zeitweise institutionalisieren. „Wenn das Museum an Bedeutung gewinnt, dann so, wie die Wüste wächst: Es rückt vor, wo das Leben weicht, und plündert, ein wohlmeinender Pirat, die zurückgebliebenen Wracks“, so der französische Kunsthistoriker Jean Clair a.k.a. Gérard Régnier. Vielleicht ist es auch nur die Kälte des Winters.

DOX – Zentrum für zeitgenössische Kunst (Poupětova 1, Prag – Holešovice), www.doxprague.org

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s