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Juni 30, 2011 / jeschko

Interventionen gegen das Einerlei // 5. Prag-Biennale regt zu Bewegung in der Murmel an

> Friederike Feldmanns „Inline“ im Ausstellungsteil „Erweiterte Malerei“. Foto: praguebiennale.org

Selbstbewusst präsentiert sich die derzeitige Kunst- und Fotografieschau im Süden der Stadt und verspricht nicht weniger als die Abkehr vom Event-Einerlei jener Biennalen, die sich über die Jahre in politisch korrekte Gruppenschauen mit aufgeblasenen Budgets in zweistelliger Millionenhöhe verwandelt haben. Dass die früher in der Karliner Ausstellungshalle anzutreffende Prag-Biennale hier einen Unterschied macht, signalisiert auch der Umzug in das etwas außerhalb, unweit der Moldau gelegene Hochhaus des früheren Flugzeugmotorenherstellers Microna.

Über drei Stockwerke erstreckt sich die von Giancarlo Politi, Helena Kontova, Nicola Trezzi und 14 weiteren Kuratoren betreute, in drei Haupt- und 13 Untersektionen gegliederte Ausstellung, die, wie bereits 2009, zusammen mit der Prag-Foto-Biennale stattfindet und Werke von über 170 Künstlern zeigt. Besondere Beachtung erfahren hierbei Vertreter der italienischen und der indischen Kunstszene, wobei der Ausstellungsteil „Crossroads: India Escalate“ den gesellschaftlichen Wandel Indiens auf sensible Weise erfahrbar macht und sich auch als Referenz auf die erstmalige Teilnahme Indiens an der diesjährigen Venedig-Biennale versteht.

Wenig Licht, viel Tunnel

Im Kellergeschoss befindet sich der vorwiegend von tschechischen und slowakischen Künstlern bespielte und über massive Eisentüren zu begehende Ausstellungsteil „…wahrzunehmen im Dunkel der Gegenwart…“. Den ironischen Ausweichmanövern vieler künstlerischer Zeitgenossen wird hier, wie auch in großen Teilen der Ausstellung, mit einem manchmal finsteren, verstörenden, aber immer überzeugenden Blick auf die Gegenwart entgegnet – ohne dabei belehrend zu sein.

Schon am Eingang erwartet den Besucher eine Audio-Installation, die durch die Simulation von Trittschall und SMS-Empfangstönen mit den gewöhnlichen Hörerfahrungen bricht und in positiver Weise für Verunsicherung sorgt. Denn die nun beginnende Reise reicht von der Abgrunderfahrung, wie sie Ladislav Vondráks in einem Kohlenkeller gedrehte Videoperformance vermittelt, über Eva Koťátkovás „Parallele Biographie“ bis hin zu Alexandra Vajds und Hynek Alts Höhlenaufnahmen, die das Thema dieses Ausstellungsteils auf den Punkt bringen.

Anders als eine Prager Filiale, die mit der Losung „Pizza Go Home“ mit unfreiwilliger Komik für den eigenen Lieferservice wirbt, besticht der Ausstellungsteil „Fokus Italien“ durch die Eloquenz seiner unter dem Titel „Die Krise der festen Überzeugung“ vereinten Ton- und Videoinstallationen. Rudina Hoxhajs „Il Narratore“, Luca Bolognesis „Who we are“ und Marco Strappatos Remake des Dokumentarfilms „Blind Child“ zeigen wie intelligent und anschaulich zugleich konzeptionelle Kunst sein. Bolognesi ließ die in der ersten Person Plural verfassten Unternehmensleitbilder verschiedener multinationaler Konzerne von einem professionellen Sprecher einsprechen und vereint die Wohlfahrtsversprechen des höheren Managements so zu einem höchst absurden Mantra. Auch Davide Valentis „Cirriculum Vitae“, das den eigenen Lebensweg der Jahre 2011 bis 2073 skizziert, besticht durch eine allen Werken immanente Wendung, die leicht daherkommt und das Gewohnte in einen völlig neuen Kontext stellt.

Figur & Abstraktion 

Unter dem Ausstellungstitel „Erweiterte Malerei“ unternimmt die 5. Prag Biennale zudem eine Standortbestimmung der zeitgenössischen Malerei und stellt vor allem Werke von jungen internationalen Künstlern zur Schau, die nicht ausschließlich in der Malerei verhaftet sind, sondern sich mit dem medialen Erbe dieser Kunstgattung auseinandersetzen und hierbei das Verhältnis von Figuration und Abstraktion neu ausloten. In „Die Notwendigkeit der Abstraktion“ präsentieren sich Berliner Künstler wie Friederike Feldmann und Frank Nitsche stellvertretend für die neueren Ansätze der zeitgenössischen deutschen Malerei.

www.praguebiennale.org

> Polens höchstgelegenes Schwimmbecken. Foto: Adam Lach / Napo Images 

In der zweiten Ausgabe der zeitgleich stattfindenden Prag Foto-Biennale sind die Bildbeiträge junger Fotografen aus aller Welt vertreten, die sich unter dem Arbeitstitel „Romantisches Konstrukt“ mit der Geschichte und der Tradition der Fotografie beschäftigen. Schwerpunkt der diesjährigen Fotografieausstellung bildet die polnische Fotografie, vertreten durch Künstler wie Adam Lach, Krysztof Pijarski und Albert Zawada.

Fast unmöglich ist es, alle vertretenen Künstler gleichermaßen mit einem einzigen Besuch zu würdigen. Wahrhaft Kunstinteressierten empfiehlt es sich daher durchaus ein zweites Mal zu kommen und sämtliche Perlen dieser ungeschminkten Kunstschau in Augenschein zu nehmen. Alle Texthinweise sind ins Englische übersetzt.

Prag Biennale 5 & Prag Biennale Foto 2

Československého exilu 4, Prag 4 (Modřany), geöffnet: mittwochs bis sonntags 12 bis 19 Uhr (montags und dienstags nur nach telefonischer Vereinbarung +420 774 572 689), Eintritt: 150 Kronen (ermäßigt 70 Kronen), www.praguebiennale.org, bis zum 11. September (Finissage)

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