Filmverstehen kann man lernen // 37. Sommerfilmschule in Uherské Hradiště

„Ins Kino zu gehen, heisst, sich Jemands Vision hinzugeben“, so der amerikanische Filmtheoretiker und Yale-Professor Dudley Andrew, der in diesen Tagen im Rahmen der 37. Sommerfilmschule in Uherské Hradiště (zu deutsch Ungarisch Hradisch) zur Vorlesung lädt. Die Aussage mag zwar zunächst banal erscheinen, jedoch verhält es sich mit ihr nicht anders als mit jedem Filmanfang: er bieten einen Einstieg. Um die Film gewordenen Visionen nicht nur zu bewundern, sondern auch zu besprechen und besser zu verstehen, bietet die nach dem Karlsbader Filmfestival zweitrenomierteste Filmschau Tschechiens ein breitgefächertes Programm, das, neben Filmvorführungen, auf die Begegnung von Filmemachern und Publikum und themenspezifische Vorträge setzt. Organisiert wird dies von der Assoziation der Tschechischen Filmklubs (AČFK) in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Filmarchiv und den zahlreichen Kinos und Kultureinrichtungen der Stadt Uherské Hradiště.

Film pauken statt Goldene Palmen

Traditionell verzichtet die Sommerfilmschule unweit der slowakischen Grenze auf Trophäen und rote Teppiche. Statt um Goldene Palmen und Silberne Löwen, die viele der geladenen Filmemacher ohnehin bereits erhalten haben, konkurrieren die geladenen Gäste der Sommerfilmschule vielmehr um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Besucher, die sich für die Beschaffenheit der Projektionen und der Welt dahinter interessieren. Neben Film-Ikonen wie Emir Kusturica und Aki Kaurismäki, denen die Sommerfilmschule, zusammen mit dem amerikanisch-österreichischen Kult-Filmer Billy Wilder, eine umfangreiche Retrospektive widmet, sind diesjährig auch weniger bekannte Akteure des rumänischen und thailändischen Films wie Andrei Ujica und Apichatpong Weerasethakul vertreten. Besucher der Filmvorführungen und der sogenannten „Meisterklassen“ haben die Gelegenheit Regisseure persönlich zu treffen und mehr über deren Motive und die Hintergründe der Filmproduktion zu erfahren.

Fokus Rumanien

Das in sechs Sektionen unterteilte Kulturprogramm widmet sich in seinem Länderschwerpunkt mit über 30 Filmen dem europäischen Nachbarn Rumänien. Mit „Videogramme einer Revolution“ und „Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu“ bespiegelten am Eröffnungswochenende die Werke des rumänischen Regisseurs Andrei Ujica, heute Professor für Film an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, die diktatorische und revolutionäre Vergangenheit des jungen EU-Mitgliedslandes anhand zahlreicher Originalaufnahmen aus Regimezeiten. An das Schicksal Sergei Krikalevs hingegen erinnerte am Sonntagmorgen die als rumänische Version des Kubrik-Klassikers „2001: A Space Odysee“ geltende Weltraumdokumentation „Out of the Present“. Das Jahr 1991, also jene Zeit, in der sich die Sowjetunion endgültig ihrem Ende neigte, verbrachte der Kosmonaut in der Schwerelosigkeit und Stille der Raumstation MIR – vor dem Panorama des blauen Planeten.

Fokus Visegrad

Ein weiterer Schwerpunkt, der die Filmszenen Polens, Ungarns, Tschechiens und der Slowakei ins Licht rückt, bildet das Programm Visegrad Horizont. Besondere kleinere Produktionen haben hier Gelegenheit auf ein Publikum zu treffen, das sich weniger für große Namen als für die filmisch verarbeiteten Themen interessiert. Auch der slowakische Filmemachers Adam Hanuljak, der in seinem Film „Protected Territory“ die geistig behinderten Schauspieler des Passagentheaters Banská Bystricas (zu deutsch Neusohl) auf ihrer U.S.-Tournee porträtiert hat, bestätigt, dass das Publikumsinteresse gemessen an den Rückfragen und der Bereitschaft zur Diskussion deutlich höher als auf Filmveranstaltungen in der benachbarten Slowakei sei. Auf dokumentarisch unterhaltsame Art fördert Hanuljaks Film jenen Eindruck zu Tage, dass auch die Freiheitsgrade und Barrieren der Menschen mit Behinderungen gleichermaßen hausgemacht sind.

Tschechiens Filmklubs haben Tradition

Dass die Filmklubszene in Tschechien eine besondere Tradition hat, zeigt auch der Blick in die Geschichte. Selbst zu Zeiten des kommunistischen Regimes konnten die verstaatlichten, von der Zensur betroffenen Vereine immer wieder Programme erstellen, die nicht immer mit der offiziellen Ideologie in Einklang standen. Gegen Ende der 1980er verzeichneten die 250 Filmklubs der Tschechoslowakei gar über 100 000 Mitglieder. Auch wenn dies mit daran gelegen haben mag, dass die staatliche Ideologie ohnehin eine öffentliche Beteiligung an den Produktionsmitteln des Films vorsah, verdankt sich das anhaltende Interesse am Film auch dem Wissen um seine diskursiven Qualitäten. Nicht zuletzt – und dies ist vermutlich unter den Vorzeichen einer sich globalisierenden Welt noch wichtiger – ermöglicht die Filmkunst durch die Betonung des Visuellen auch dort zumindest vorläufiges Verständnis, wo die Übersetzbarkeit von Sprache sich als schwierig erweist.

Dass die diesjährige Sommerfilmschule mit ihren Konzertbühnen, Verkaufsständen und von Rucksacktouristen bevölkerten Strassen wie ein Stadtfest daherkommt, und trotz omnipräsenter Sponsorenbanner tatsächlich kein Marketing-Event mit kollateraler Bürgerbeteiligung ist, sondern eine von öffentlichen und privaten Sponsoren mitfinanzierte Weiterbildung im Medium Film, davon können sich Besucher noch bis zum 31. Juli ein Bild machen.

37. Sommerfilmschule Uherské Hradiště 22. bis 31. Juli 2011 , täglich von 8.30 bis nach Mitternacht, Tageskarte: 250 Kronen, www.lfs.cz

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Von Kickflips und Liptricks // 17. Skateboard World Cup auf der Moldauinsel Štvanice

Prag ist das diesjährige Pflichtreiseziel für Rollsportfans. Unter den europäischen Austragungsorten der Skateboarding-Worldcup-Serie geniesst die Hauptstadt schon seit Jahren einen ausgezeichneten Ruf. Am kommenden Wochenende werden rund 150 Profi-Fahrer aus 25 verschiedenen Ländern auf der Moldauinsel Štvanice erwartet, darunter so prominente Namen wie Mike Vallely, Dustin Dollin und Chima Fergusson aus den Vereinigten Staaten sowie Chris Pfanner aus Österreich. Tschechische Rollsportfans dürfen sich zudem über die Darbietungen des Vorjahressiegers Maxim Habanec und den Czech-Sk8-Champion-2010 Lukas Danek freuen. In den drei Kategorien „street“, „bowl“ und „bester Trick“ erwartet die männlichen Erstplatzierten ein Preisgeld in Höhe von 30 000 US-Dollar. Im Wettkampf der Frauen, der einzig im Bereich „street“ ausgetragen wird, geht es um 2 500 US-Dollar.

Aber nicht nur aufgrund der Höhe des Preisgelds lockt der „Mystic Sk8 Cup 2011“ alljährlich Weltklasse-Fahrer ins Stadtzentrum – auch in diesem Jahr ist zu erwarten, dass die von Radek Teichmann in Kooperation mit den Skateboard-Ikonen Dave Duncan und Brian Patch erdachten Parcours und Rampen es den Fahrern ermöglichen die mit Superlativen kaum mehr zu beschreibenden Standards aufs Neue zu überbieten. Denn, und das zeichnet den Sport – und nicht Rödelheims Hardreimer aus: es geht immer noch höher, schneller und weiter. Der Prager Wettkampf ist hierbei bekannt für den überdachten, über 1000 Quadratmeter großen Streetparcours und seine bestens präparierten Strecken, die die Fahrer zu immer wieder neuen Trick-Kombinationen animieren.

Sportereignis mit Festivalcharakter

Vielfalt verspricht auch das Rahmenprogramm des 17. Mystic Sk8 Cup, das dem Sportereignis seinen spezifischen Festivalcharakter gibt. Erstmals gibt es nun auch eine Live-Übertragung der Wettkämpfe auf Großleinwand. Besucher – gerade auch jene mit Kindern – bleiben somit auch abseits der sämtlich überdachten Wettkampfstätten Teil des Geschehens. Neben den Verkaufsangeboten der Kleidungs- und Nahrungsmittelindustrie, warten auf interessierte Besucher sowohl Graffiti-Workshops als auch Live-Konzerte und DJ’ing tschechischer und internationaler Interpreten wie zum Beispiel DJ Robot, DJ Mucho und DJ Bidlo, Notes from Prague, Wifebeaters, Rocket Dotz und Los Chilakillerz. Die sämtlich auf der Insel vereinten Veranstaltungen des Rahmenprogramms in der sogenannten „Relax- und Partyzone“ umfassen hierbei nicht nur eine Live-Bühne und inseleigene Liegewiesen, sondern auch einen Skate-Club und den Partytruck eines namhaften Kräuterlikörherstellers. Das Wettkampfprogramm beginnt am Freitag 15 Uhr mit der Vor-Qualifikation in der Kategorie „street“ und endet am Sonntag um 20 Uhr mit der Preisverleihung. Für den musikalischen Ausklang sorgen DJ Milosh und die Gruppe Gerda Blank aus Großbritannien.

Live-Übertragung im Internet

Allen Interessenten, die es nicht zur Insel schaffen, steht auf der Homepage des Veranstalters – wie schon in den Vorjahren – ab Samstag 14 Uhr ein Livestream zur Verfügung, der sowohl Qualifikationen und Finals als auch Kommentare und Interviews von Fahrern, Veranstaltern und Jury mit englischen Untertiteln überträgt. Am Ende eines jeden Wettkampftages wird hier zudem eine Video-Zusammenfassung der sportlichen Höhepunkte zu sehen sein.

Mystic Sk8 Cup 2011

Insel Štvanice, Prag 7 (Holešovice), Live-Übertragungen und Informationen über Programm und Tickets unter www.mysticsk8cup.cz, 15. bis 17. Juli

Eintritt: 650 Kronen (3-Tagesticket, VVK: 550 Kronen), Ticket an der Tageskasse ab 200 Kronen

Medienkunst trifft auf nackten Beton // Die audiovisuelle Vermessung der Trafačka-Arena

20 tschechische und internationale Künstler aus den Bereichen avantgardistische Musik, Medienkunst und Film kommen in diesen Tagen in der Prager Trafačka-Arena zusammen, um die Bandbreite der audiovisuellen Kunst auszuloten und experimentell zu erweitern. Fünf Tage lang wird das frühere Trafogebäude, das sich heute zu den wenigen alternativen Kunsträumen der Stadt zählt, mit Bildern und Geräuschen bespielt, ohne dass im Vorhinein bereits klar wäre, wohin die Reise geht. Denn bei „Echofluxx“, das seinen Namen der Akustik des leeren Trafogebäudes und dem künstlerischen Selbstverständnis der Fluxusbewegung verdankt, zählt das Experiment, das Spiel, die schöpferische Idee – und weniger das Endprodukt. Dabei widerspricht die für Ausstellungen und Parties genutzte Halle dem gewöhnlichen Anspruch an einen Ausstellungsraum für auiovisuelle Kunst. Er ist nicht transparent oder bleibt hintergründig, sondern er reagiert und wird gezielt zum Bestandteil des Kunstwerks erhoben. Hiervon versprechen sich die Ausstellungsmacher Dan Senn, Anja Kaufmann und Stanislav Abrahám ganz besondere Ergebnisse. Der Komponist und Filmemacher Phill Niblock, der das Festival am Dienstag eröffnet hat, komponiert gezielt Musik, um die akustischen Strukturen und Unebenheiten von Räumen zu entdecken. Anders als der Orgelspieler in der Kirche treffen die Künstler hierbei auf Raumstrukturen, die nicht für die Beschallung konzipiert sind, aber über akustische Qualitäten verfügen, die es bei einem Besuch gemeinsam aufzufinden gilt.

Echofluxx 11 – Festival für Experimentelle Musik und Neue Medien

Trafačka, Kurta Konráda 1, Prag 9 (Vysočany), geöffnet: ab 19 Uhr, Eintritt: frei, www.efemera-ephemera.org, 12. bis 16. Juli

Snoozle-Raum auf der Rollbahn // Alan Parkinsons begehbare Luftskulpturen auf dem Flughafen Letňany

Bereits 37 Länder haben die per Druckluft betriebenen Skulpturen Alan Parkinsons seit 1992 bereist und damit so manches Kinder- und Erwachsenenherz höher schlagen lassen. Seine aufblasbaren Zeltkonstruktionen, die über Höhlengänge verschiedener Größen, Formen und Farben miteinander verbunden sind, laden den Besucher zum Verweilen und zum Genießen des dargebotenen Farbrausches ein. Auch zur Meditation nutzen Gruppen die ruhige und warme Atmosphäre der „Mirazozo“ genannten Leuchtkörper, die in allen erdenklichen Farben strahlen und den einen oder anderen Besucher an die innenarchtitektonischen Wunschträume der 1970er Jahre erinnern.

Der 1970 auf der Kölner Möbelmesse gezeigte Entwurf „Visiona II“ des dänischen Designers Verner Panton, der einzelne Raumkomponenten zu einer einzigen farbenfrohen Wohnlandschaft zusammenfließen lässt, scheint hier Pate gestanden zu haben. Unterscheidungen zwischen Sitz- und Entspannungsflächen sind auch in den aufblasbaren Höhlensystemen Alan Parkinsons nicht mehr möglich. So oder so ähnlich muss die visuelle Realität Albert Hoffmanns in seinem LSD-Selbstversuch und mit ihm einer ganzen Generation von Drogenprobanden ausgesehen haben. Parkinsons Objekt gewordene Vision macht hierbei jedoch einen erfreulichen Unterschied: sie entfaltet ihre Wirkung auch ohne die Einnahme bedenklicher Präparate und überbietet die Ästhetik psychedelischer Tapetenmuster bei Weitem. Denn „Mirozozo“ ist begehbar und möchte erkundet werden.

Ein wenig erinnert dies an den biblischen Jona, der vom Wal verschlungen wurde und die Zeit im Inneren des Wals zur Einkehr und zum Gebet nutzte, um am dritten Tag wieder an Land ausgespien zu werden. So kann es auch kein Zufall sein, dass zwei weitere Konstruktionen Parkinsons die Namen Levity II und Levity III tragen – Namen, die sowohl Leichtigkeit und Ungezwungenheit bedeuten, aber zugleich auch an den Leviathan, das Seeungeheuer der jüdisch-christlichen Mythologie erinnern. „Was mich motiviert zu entwerfen, ist die Schönheit des Lichts und der Farben in den Beleuchtungskörpern, die mich immer wieder umhaut. Diese Strukturen erzeugen ein Bewusstsein, das unserer Alltagswahrnehmung auf angenehme Weise zuwiderläuft und den menschlichen Sinn für Wunder weckt“, so der Erfinder Alan Parkinson, Kopf der selbsternannten „Architekten der Luft“.

Für die fünf verschiedenen, aus Spezialkunststoff hergestellten Zeltstädte, die ähnlich wie eine Hüpfburg mit Druckluft aufgeblasen und auf Spannung gehalten werden, sammeln Parkinson und sein Team Inspirationen aus der Natur und der gothischen und islamischen Baukunst. Schneckenformen treffen hier auf das kontemplative geometrische Design einer Moschee. Ferner entdecken Kenner die Verwandtschaft zum sogenannten „Snoezelen-Raum“, einem Raumkonzept, das auf die Erfindung holländischer Zivildienstleistender der 1970er Jahre zurückgeht und heute zu Therapie- und Entspannungszwecken in Kindergärten und Altersheimen eingesetzt wird. Wer trotz ausgezogener Schuhe und trotz der Tatsache, dass sich immer nur 80 Personen gleichzeitig im Inneren des „Luminariums“ aufhalten dürfen, nicht zur Ruhe kommt, sollte es mit Bauchatmung versuchen. Empfohlen wird die Anreise mit öffentlichen Vekehrsmitteln. Zudem ist „Quix Luminarium“ mit dem Rollstuhl befahrbar.

Quix Luminárium

Hůlkova 16, Prague 9 (Kbely), geöffnet: 10 bis 20 Uhr, Eintritt: 160 Kronen (ermäßigter Eintritt für Familien: 2 Erwachsene + 2 Kinder 500 Kronen), www.luminarium.cz, 15. bis 18. Juli 2011