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Juli 3, 2011 / jeschko

Die Schärfung des Blicks // Fotografie-Klassiker Andreas Feininger in der Städtischen Galerie Prag

„Ich denke, dass ich in der Art und Weise, wie ich die Welt betrachte, mehr mit einem Wissenschaftler gemein habe als mit einem Künstler“, so zitiert die zur Zeit am Altstädter Ring gezeigte Retrospektive den Fotografen Andreas Feininger. Beim Gang durch die Ausstellungsräume, die die von Kurator Thomas Buchsteiner ausgewählten Werke aus dem Archiv des Friedrichshafener Zeppelin-Museums zeigen, wird deutlich, woher diese Einschätzung rührt. Es ist der unbedingte Wille zur Präzision, der die hier versammelten Schwarz-Weiss-Aufnahmen der 1920er bis 1980er Jahre als einmalige Dokumente der Zeitgeschichte und als Klassiker der Fotografie auszeichnet. Bekannt ist der Bauhausschüler Feininger vor allem durch die Aufnahmen der New Yorker Skyline der 1940er Jahre und durch das von ihm verfasste Lehrbuch „Die hohe Schule der Fotografie“ – bis heute ein Standardwerk des Fotografie. Dass er Fotograf geworden ist und heute in einem Atemzug mit dem Bauhaus-Pionier László Moholy-Nagy genannt wird, ist nicht selbstverständlich.

Der in den 1920er Jahren in Weimar und Zerbst zum Tischler und Architekten ausgebildete Sohn des Bauhauslehrers und Malers Lyonel Feininger hatte eigentlich andere Pläne. Auch wenn der junge Feininger die Fotografie schon früh für dokumentarische Zwecke genutzt und in der eigenen Dunkelkammer experimentiert hat, wurde aus dieser Leidenschaft erst später ein Beruf. Erst als seine Pläne in Hamburg als Architekt zu arbeiten nicht glücken wollten, beginnt der tagsüber als Schaufensterdekorateur arbeitende Feininger seine nächtlichen Streifzüge durch die Hamburger Speicherstadt. Die 1930/31 geschossenen Fotos, die neben den New-York-Aufnahmen die heutige Assoziation Feiningers mit dem Sujet der Stadt begründen, brillieren durch das gekonnte Spiel von Licht und Dunkelheit.

Über die Alltagswahrnehmung hinaus

Auch den kleinsten Lichtquellen vermochte Feininger hier höchste Wirkung zu entlocken und trotz der eingangs erwähnten wissenschaftlichen Einstellung zur Fotografie und den fotografierten Objekten, finden sich in der Ausstellung zahlreiche Beispiele, die ihre besondere Wirkung gerade dadurch erzielen, dass sie das Kunstvolle nicht gänzlich getilgt haben. Die nebelverhangene Skyline von Manhattan, die surreal anmutenden Schatten unter den Eisenbahntrassen von Harlem und ganz besonders Feiningers Naturaufnahmen entfalten ihre Wirkung irgendwo an der magischen Grenze zwischen dokumentarischer und künsterlischer Fotografie. Ein wichtiges Merkmal seines Werkes ist hierbei jedoch, dass die Magie von den Objekten selbst und nicht von der Manipulation des Fotografen ausgeht. Diese Sachlichkeit ist es, durch die in Feiningers Aufnahmen Städte zu Landschaften, Schatten zu Schleiern und Rückenwirbel zu monumentalen Skultpuren werden, ohne ins Poetische abzudriften. Feininger selbst sagt: „Die Silhouette einer großen Stadt kann wie das Werk eines Giganten erscheinen, ihre Wolkenkratzer wie Grabsteine eines prähistorischen Volkes.“ Beim Betrachten seiner Panoramen, die häufig auch durch ihre schiere statistische Qualität bestechen, wie zum Beispiel die von Menschenmassen bevölkerte Aufnahme von „Coney Island“ aus dem Jahre 1949, weiss der Besucher, was Feininger hiermit meint.

Gerade bei Feiningers Aufnahmen von industriellen Produktionsstätten, Kriegs- und anderem technischem Gerät tritt die Genialität seiner Arbeitsweise hervor, die nichts dem Zufall überlässt und Raum für die Projektionen des Betrachters lässt. So sind seine Aufnahmen nicht erzählend, sondern geben Einblicke in eine tendenziell wenig belebte, aber immer objekthafte Welt. Durch die in den 1940er Jahren gemachten Aufnahmen von den Fördertürmen eines kalifornisches Ölfelds und einer Produktionsstätte für Flugzeugpropeller vermittelt Feininger Einblicke in die visuelle Realität des vergangenen Industriezeitalters. Es entsteht der Eindruck, dass hier ein unabhängiger Standpunkt außerhalb der Geschichte, außerhalb der Massengesellschaft dieser Tage eingenommen wurde – auch das macht die Aufnahmen aus heutiger Sicht so interessant.

Wie auch Moholy-Nagy oder Karl Blossfeldt, der sich mit seinen „Urformen der Kunst“ in den Mikrokosmos der Blätter, Blüten und Halme begeben hat, um Vorbilder und Techniken für das Kunsthandwerk zu finden, liefern auch die hier zu sehenden Naturaufnahmen Feiningers erstaunliche Einblicke in die Beschaffenheit des Mikrokosmos. Einblicke, die auch in der heutigen Diskussion um die Verbindung von Natur und Technik nichts an Aktualität eingebüsst haben – und so auch nicht das Werk Andreas Feiningers.

Andreas Feininger „That’s Photography“

Staroměstské náměstí 13, Prag 1 (Altstadt), geöffnet: dienstags bis sonntags 10 bis 20 Uhr, Eintritt: 120 Kronen (ermäßigt 60 Kronen), www.ghmp.cz, 24. Juni bis 23. Oktober 2011

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