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Juli 28, 2011 / jeschko

Filmverstehen kann man lernen // 37. Sommerfilmschule in Uherské Hradiště

„Ins Kino zu gehen, heisst, sich Jemands Vision hinzugeben“, so der amerikanische Filmtheoretiker und Yale-Professor Dudley Andrew, der in diesen Tagen im Rahmen der 37. Sommerfilmschule in Uherské Hradiště (zu deutsch Ungarisch Hradisch) zur Vorlesung lädt. Die Aussage mag zwar zunächst banal erscheinen, jedoch verhält es sich mit ihr nicht anders als mit jedem Filmanfang: er bieten einen Einstieg. Um die Film gewordenen Visionen nicht nur zu bewundern, sondern auch zu besprechen und besser zu verstehen, bietet die nach dem Karlsbader Filmfestival zweitrenomierteste Filmschau Tschechiens ein breitgefächertes Programm, das, neben Filmvorführungen, auf die Begegnung von Filmemachern und Publikum und themenspezifische Vorträge setzt. Organisiert wird dies von der Assoziation der Tschechischen Filmklubs (AČFK) in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Filmarchiv und den zahlreichen Kinos und Kultureinrichtungen der Stadt Uherské Hradiště.

Film pauken statt Goldene Palmen

Traditionell verzichtet die Sommerfilmschule unweit der slowakischen Grenze auf Trophäen und rote Teppiche. Statt um Goldene Palmen und Silberne Löwen, die viele der geladenen Filmemacher ohnehin bereits erhalten haben, konkurrieren die geladenen Gäste der Sommerfilmschule vielmehr um die ungeteilte Aufmerksamkeit der Besucher, die sich für die Beschaffenheit der Projektionen und der Welt dahinter interessieren. Neben Film-Ikonen wie Emir Kusturica und Aki Kaurismäki, denen die Sommerfilmschule, zusammen mit dem amerikanisch-österreichischen Kult-Filmer Billy Wilder, eine umfangreiche Retrospektive widmet, sind diesjährig auch weniger bekannte Akteure des rumänischen und thailändischen Films wie Andrei Ujica und Apichatpong Weerasethakul vertreten. Besucher der Filmvorführungen und der sogenannten „Meisterklassen“ haben die Gelegenheit Regisseure persönlich zu treffen und mehr über deren Motive und die Hintergründe der Filmproduktion zu erfahren.

Fokus Rumanien

Das in sechs Sektionen unterteilte Kulturprogramm widmet sich in seinem Länderschwerpunkt mit über 30 Filmen dem europäischen Nachbarn Rumänien. Mit „Videogramme einer Revolution“ und „Die Autobiographie des Nicolae Ceausescu“ bespiegelten am Eröffnungswochenende die Werke des rumänischen Regisseurs Andrei Ujica, heute Professor für Film an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, die diktatorische und revolutionäre Vergangenheit des jungen EU-Mitgliedslandes anhand zahlreicher Originalaufnahmen aus Regimezeiten. An das Schicksal Sergei Krikalevs hingegen erinnerte am Sonntagmorgen die als rumänische Version des Kubrik-Klassikers „2001: A Space Odysee“ geltende Weltraumdokumentation „Out of the Present“. Das Jahr 1991, also jene Zeit, in der sich die Sowjetunion endgültig ihrem Ende neigte, verbrachte der Kosmonaut in der Schwerelosigkeit und Stille der Raumstation MIR – vor dem Panorama des blauen Planeten.

Fokus Visegrad

Ein weiterer Schwerpunkt, der die Filmszenen Polens, Ungarns, Tschechiens und der Slowakei ins Licht rückt, bildet das Programm Visegrad Horizont. Besondere kleinere Produktionen haben hier Gelegenheit auf ein Publikum zu treffen, das sich weniger für große Namen als für die filmisch verarbeiteten Themen interessiert. Auch der slowakische Filmemachers Adam Hanuljak, der in seinem Film „Protected Territory“ die geistig behinderten Schauspieler des Passagentheaters Banská Bystricas (zu deutsch Neusohl) auf ihrer U.S.-Tournee porträtiert hat, bestätigt, dass das Publikumsinteresse gemessen an den Rückfragen und der Bereitschaft zur Diskussion deutlich höher als auf Filmveranstaltungen in der benachbarten Slowakei sei. Auf dokumentarisch unterhaltsame Art fördert Hanuljaks Film jenen Eindruck zu Tage, dass auch die Freiheitsgrade und Barrieren der Menschen mit Behinderungen gleichermaßen hausgemacht sind.

Tschechiens Filmklubs haben Tradition

Dass die Filmklubszene in Tschechien eine besondere Tradition hat, zeigt auch der Blick in die Geschichte. Selbst zu Zeiten des kommunistischen Regimes konnten die verstaatlichten, von der Zensur betroffenen Vereine immer wieder Programme erstellen, die nicht immer mit der offiziellen Ideologie in Einklang standen. Gegen Ende der 1980er verzeichneten die 250 Filmklubs der Tschechoslowakei gar über 100 000 Mitglieder. Auch wenn dies mit daran gelegen haben mag, dass die staatliche Ideologie ohnehin eine öffentliche Beteiligung an den Produktionsmitteln des Films vorsah, verdankt sich das anhaltende Interesse am Film auch dem Wissen um seine diskursiven Qualitäten. Nicht zuletzt – und dies ist vermutlich unter den Vorzeichen einer sich globalisierenden Welt noch wichtiger – ermöglicht die Filmkunst durch die Betonung des Visuellen auch dort zumindest vorläufiges Verständnis, wo die Übersetzbarkeit von Sprache sich als schwierig erweist.

Dass die diesjährige Sommerfilmschule mit ihren Konzertbühnen, Verkaufsständen und von Rucksacktouristen bevölkerten Strassen wie ein Stadtfest daherkommt, und trotz omnipräsenter Sponsorenbanner tatsächlich kein Marketing-Event mit kollateraler Bürgerbeteiligung ist, sondern eine von öffentlichen und privaten Sponsoren mitfinanzierte Weiterbildung im Medium Film, davon können sich Besucher noch bis zum 31. Juli ein Bild machen.

37. Sommerfilmschule Uherské Hradiště 22. bis 31. Juli 2011 , täglich von 8.30 bis nach Mitternacht, Tageskarte: 250 Kronen, www.lfs.cz

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