„Unbedingte Wahrheiten gibt es nicht“ // Warum Rudolf Steiners Werk (nichts) an Aktualität eingebüßt hat

Noch bis zum 12. September zeigt das DOX – Zentrum für zeitgenössische Kunst eine Ausstellung mit dem Arbeitstitel „Rudolf Steiner und die zeitgenössische Kunst“. Die in Kooperation mit dem Kunstmuseum Wolfsburg und Stuttgart organisierte Ausstellung beruht zum einen auf der Feststellung, dass der mit Disziplingrenzen nur schwer zu fassende Philosoph, Architekt, Soziologe, Humanist, Visionär und Anthroposoph Rudolf Steiner auch ein wichtiger Ideengeber für zahlreiche zeitgenössische Künstler war – und immer noch ist. Jedoch veranschaulicht die Ausstellung anhand von Skizzenbüchern und Tafelskizzen zwar eindrücklich Steiners künstlerisch-wissenschaftliche Methode und seinen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst. Offen bleibt jedoch die Frage, warum der lange Zeit als Esoteriker und Mystiker verschmähte Anthroposoph und Begründer der Waldorfschulen nun eine so umfassende Rehabilitierung erfährt.

150 Jahre Rudolf Steiner

Eine Antwort liefert das Datum – schließlich ist die Werkschau in der Prager Kunsthalle nur eine von vielen Veranstaltungen im Steiner-Jahr 2011. Exakt vor 100 Jahren legte Steiner, der im März diesen Jahres 150 Jahre alt geworden wäre, mit seiner Prager Vorlesungsreihe über „Okkulte Physiologie“ den Grundstein für eine Heilkunst, die sich heute als Ergänzung zur Schulmedizin versteht, die die Einheit von Körper und Geist betont und Geld mit dem Verkauf homoöpathischer Mittel verdient.

Betreiben Ärzte offiziell anthroposophische Medizin, so verordnen diese ihren Patienten in der Regel homöopathische Lösungen, deren pharmakologische Wirkung mit naturwissenschaftlichen Mitteln nur schwer zu messen ist. Und auch in der anthroposophischen Landwirtschaft ist eine gewisse Offenheit gegenüber der vierten Dimension von Vorteil: Wollen Landwirte Ackerland nach biologisch-dynamischen Kriterien bewirtschaften, so müssen diese sich nicht nur an die Mondphasen halten, sondern ihren Böden besondere Präparate zukommen lassen.

Das Zauberwort für die Zubereitung homoöpathischer Präparate lautet Potenzierung. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem der Ausgangsstoff stark mit Wasser verdünnt wird – eine Methode, die, bezogen auf das Beispiel Landwirtschaft, gleich zwei Probleme löst. Zum einen lassen sich trotz der nur wenige Milliliter fassenden Arzneifläschchen gleich mehrere Hektar Land beträufeln, zum anderen wird die unangenehme Frage der messbaren Wirkung hinfällig, denn bei entsprechender Verdünnung sind die Ausgangsstoffe häufig auch nicht mehr nachweisbar. Hokuspokus nennt man dies im Volksmund.

Zu einfach wäre es jedoch, zu behaupten, dass derartige Praktiken grundsätzlich ohne Wirkung seien. Aus der Placebo-Forschung weiss man, dass schon die Praxis der Einnahme eine heilende Wirkung haben kann. In Gesellschaften, in denen ein wissenschaftlich-rationales Selbstverständnis dominiert, sorgen solche Beobachtungen jedoch vor allem – und zum Glück für das kritische Bewusstsein – für Irritation. Dinge und Phänomene analysieren und rational erklären zu können, und Wirkungen auf bestimmte Ursachen zurückführen zu können, gehört unverzichtbar zum Selbstbild moderner Gesellschaften dazu – auch wenn viele unserer Praktiken ebenso durchzogen sind von Mythen, Ritualen und Glaubensangelegenheiten, die erst durch Brechungen des Intellekts als solche hervortreten.

Hokuspokus und erweiterter Kunstbegriff

Steiners universelle Weltanschauung, die sich besonders mit den natürlichen Lebensgrundlagen und dem Verhältnis von Geist und Materie befasst, hebt besonders auf die spirituelle und soziale Bedeutung der Künste und der Kunsterziehung ab. Joseph Beuys hat, als bekennender Anhänger der Steiner’schen Kosmologie, für einen erweiterten Kunstbegriff plädiert und den Begriff der sozialen Plastik geprägt. Auch die Gesellschaft wird bei ihm zu einem Kunstwerk, das von den kreativen Handlungen der Gesellschaftsmitglieder positiv mitgeprägt werden kann. Diesem und Steiners Ansatz der anthroposophischen Kunstpädagogik verdankt sich nicht zuletzt auch die Existenz der in Tabor ansässigen Akademie der sozialen Kunst.

Die Rolle des modernen Schamanen übernehmend, schreckte Beuys auch nicht davor zurück, sich künstlerisch auf Figuren der germanischen Mythologie beziehen, so zum Beispiel auf Freya, die nordgermanische Göttin der Liebe und Ehe. Angesichts des mythologischen und rhetorischen Programms der Nationalsozialisten, sorgen solche Bezüge, auch wenn diese unter gänzlich veränderten Vorzeichen zu verstehen sind, immer noch für Unbehagen. Auch Steiners Anthroposophie, die zu Zeiten des Nationalsozialismus verboten war, basiert auf einer eigens erdachten Mythologie, die der anthroposophischen Praxis als quasi zeitloser Bezugsrahmen dient. Diese Perspektive, die sich eher am langsamen Fortschreiten der Erdgeschichte als an Trends und Moden der Moderne orientiert, mag auch der Grund sein, warum nicht wenige Zeitgenossen in Zeiten der vielbeschworenen Krisen Steiners interdisziplinäre Denkart  für inspirierend halten – und nicht zuletzt für hilfreich bei der Suche nach spiritueller Bedeutung.

Was die verschiedenen diesjährigen Veranstaltungen zu Ehren Rudolf Steiners tatsächlich rehabilitieren, ist jedoch weniger die Person und das Werk Steiner, als vielmehr die Idee der Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt, zwischen Körper und Geist. Dieses Bewusstsein kann helfen die Aufmerksamkeit auf die einfachen Zutaten eines guten Lebens zu lenken.

Die morgentliche Meditation über Herkunft und Zusammensetzung des Frühstücksbrots zum Beispiel erfordert zwar Zeit und Interesse – Ressourcen, die üblicherweise knapp sind –, sie kann aber auch zu der profanen und zugleich erhellenden Einsicht führen, dass die Dinge des täglichen Gebrauchs nicht einfach, wie von Zauberhand, da sind, sondern von Menschen und Maschinen unter mehr oder weniger vernünftigen slash nachhaltigeren Bedingungen hergestellt werden.

Im Vergleich zu den ironischen Spielarten der Moderne wirken solche Überlegungen zwar etwas schlicht und wie die von Steiner angeregte Tanzkunst der Eurythmie auch etwas naiv. Dass es für die Orientierung eines verantwortbaren Lebenstils nicht unbedingt eines Dogmas bedarf, davon zeugt auch Rudolf Steiners eigene Aussage aus dem Jahr 1899: „Unbedingte Wahrheiten gibt es nicht.“

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Migration ins Unterbewusstsein // Tschechiens Surrealisten zu Zeiten des sozialistischen Regimes

„Du musst deine Augen schließen, sonst siehst du gar nichts.“ Mit diesen Worten beginnt Jan Švankmajers Film „Alice“ aus dem Jahr 1988. Der für seine skurrilen Animationsfilme bekannte Filmemacher, der noch so unbelebte Alltagsobjekte auf virtuose und verstörende Weise zum Leben erweckt, liefert mit seiner freien Adaption des Kinderbuchklassikers Alice im Wunderland indirekt auch die Arbeitshypothese der surrealistischen Kunst: der menschliche Erfahrungsbereich geht weit über die unmittelbare Wahrnehmung und die Grenzen des menschlichen Verstandes hinaus, er schließt das Unwirkliche, das Traumhafte und Unterbewusste mit ein.

Besonders ist an den tschechischen Surrealistengruppen um Karel Teige und Vlatislav Effenberger, dass der Künstlerbewegung durch den politischen Terror und die Zensur der Nachkriegsjahre auch eine gegenrevolutionäre Funktion zukam, während die Bewegung in Paris etwas an Fahrt verlor. Dass auch die Ausstellung „Surrealistische Ausgangspunkte (1948 – 1989) – Aufbrüche, Kehrtwenden, Überschneidungen“, die zur Zeit im Museum der Tschechischen Literatur, im historischen Hvězda-Sommerpalast (Letohradek Hvězda) im Tiergarten des Prager Stadtteil Liboc zu sehen ist, die Schaffensphase der Surrealisten zu Zeiten des sozialistischen Regimes beleuchtet, ist daher von großer Bedeutung, da es besonders die Nachkriegs- und nicht allein die 1930er Jahre waren, die dem tschechischen Surrealismus sein Alleinstellungsmerkmal gaben.

Fliegende Brüste und innerer Widerstand

Das Programm der tschechischen Surrealisten kann zwar auch unabhängig von den Beschränkungen konkreter politischer Doktrinen verstanden werden, da es sich schon gegen das Normalverständnis von Realität und eine rein rationale Interpretation von Welt richtet. Zugleich aber geben Werke wie Václav Tikals „Rabbi Löw – Denkmal der zu Tode Gefolteren“ nicht nur Einblicke in tieferliegende Befindlichkeiten und Ängste, sondern zeugen von einer in dieser Kunstrichtung häufig anzutreffenden, impliziten moralischen Haltung, die auch Josef Istlers Skulptur „Fisch voller Zähne“ kennzeichnet. Istlers stählerne Skulptur, die einen gestrandeten Fisch mit nach innen gerichteten Zacken zeigt, kann als Ausdruck einer inverten Phänomenologie gelesen werden, die sich mit den Selbstzerfleischungstendenzen des unterdrückten Individuums beschäftigt.

Als stilbildend für die surrealistische Bearbeitung erotischer Motive können zudem die Fotocollagen Karel Teiges und Albert Marenčin gelten. In Traumlandschaften schweben vom Körper abgelöste weibliche Rundungen. Rätselnd steht man vor Schwarz-Weiß-Kompositionen, deren mehr oder weniger uneindeutige Objektbeziehungen und Magie sich langsam vor dem inneren Auge entfalten. Psychoanalytisch beobachtet, sieht man, dass hier nicht nur unterdrückte politische, sondern auch erotische Phantasien, einen künsterlischen Ausdruck gefunden haben.

Besonders die Aktivitäten der Gruppe UDS, zu dessen Mitgliedern auch der Kurator der Ausstellung, Stanislav Dvorský zählte, bildeten in den Vorwehen des Prager Frühlings eine wichtige Gruppe des intellektuellen und künsterlischen Widerstands. Mit der Ausstellung „Symbole des Monströsen“ wandten sich Künstler wie Alois Nožička, Věra Linhartová und Jaroslav Hrstka erstmals an eine breitere Öffentlichkeit, verbanden sich mit der nach Andre Brétons Tod neugegründeten Pariser Surrealistengruppe und organisierten im Frühling des Jahres 1968 eine dreiteilige internationale Ausstellung surrealistischer Kunst in Prag, Brünn und Pressburg.

Sämtliche Informationen der Ausstellung sind in tschechischer Sprache.

Hvězda Sommerpalast

Orbora Hvězda, Prag 6 (Liboc), geöffnet: 10 bis 18 Uhr (außer montags), ab Oktober 10 bis 17 Uhr, Eintritt: 90 Kronen (ermäßigter Eintritt 45 Kronen), www.pamatniknarodnihopisemnictvi.cz, bis 30. Oktober 2011

„Unbekannt macht ungeliebt“ // Prags erste Parade der Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen

In Brünn fand 2008 Tschechiens erste große Queer-Parade statt. Queer, das sind per Definition zum Beispiel jene, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht der geltenden Norm entsprechen. Damals, wie im Jahr 2010, schafften es in Brünn vor allem rechtsextreme Abweichler in die Nachrichten, während der Staat unterdessen das Recht auf gleichgeschlechtliche Partnerschaft bereits besiegelt hatte. Jörg Kösters hat sich mit Czeslaw Walek und Bastiaan Huijgen über die Organisation des Prague Pride 2011 und seine Zielgruppe unterhalten.

PZ: Wie laufen die Vorbereitungen für den Prague Pride?

Czeslaw Walek (C.W.): Perfekt, wir haben mit der Idee eines Festivals begonnen und heute ist es ein Festival, das über 72 Veranstaltungen haben wird und wir erwarten eine große Zahl an Besuchern, sowohl für das Programm als auch für die Parade und das Konzert auf der Insel Ostrov. Das bringt natürlich einige logistische Probleme mit sich, aber wir kriegen das hin.

PZ: Bietet das Programm des Prague Pride auch Raum für kleinere Organisationen?

C.W.: Das Nebenprogramm wird zu 90 Prozent von kleineren Gruppen organisiert, das sind überwiegend kleinere LGBT-Organisationen (Organisationen, die sich für die Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen einsetzen Anm. d. Red.) und Menschenrechts-Organisationen oder Klubs, die sich entschlossen haben, sich dem Prague Pride anzuschließen, jedoch eigene Themen zur Sprache bringen. Wir thematisieren besonders das Thema Transsexuelle Identität und LGBTs im Alter, weil wir glauben, dass diese Gruppen häufig übersehen werden, nicht nur in der LGBT-Gemeinschaft, sondern auch in der Gesamtgesellschaft.

PZ: Geben die jüngsten homophoben Äußerungen des Vaclav-Klaus-Beraters Petr Hajek für Sie Anlass zur Reaktion?

C.W.: Wir müssen uns mit diesen Polemiken nicht auseinandersetzen, das führt in die falsche Richtung. Wer jedoch auf diese ungeheuerlichen Aussagen reagieren sollte, dass sind die politischen Parteien und deren Stellvertreter.

PZ: Werden Sie von prominenten Persönlichkeiten unterstützt?

C.W.: Sehr froh sind wir über die Beteiligung der Bürgermeister der Stadt Prag und dem Stadtteil Stadtteil Prag 1, die wahrscheinlich nicht an der Parade teilnehmen werden, die Veranstaltung aber offiziell unterstützen. Das ist sehr wichtig, wie auch bei der gestrigen Diskussion zu vernehmen war, da unser Anliegen sehr emotionale Reaktionen hervorruft. Zudem haben wir ein Unterstützungsschreiben des früheren Premierministers Jan Fischer erhalten.

PZ: In der Gründungserklärung des Prague Pride e.V. nennen sie als Hauptmotiv die sinkende gesamtgesellschaftliche Zustimmung für die LGBT-Gemeinschaft. An anderer Stelle begründen Sie die Wahl für ein Festival und gegen eine politische Demonstration mit der wachsenden Zustimmung für die LGBT in der Tschechischen Republik. Was denn nun?

C.W.: Erstere Einschätzung geht auf eine Studie der Chicagoer Universität zurück, nach der Tschechien zu den vier Ländern in Europa zählt, in denen die Unterstützung für LGBT sinkt. Das besagt aber nicht, dass die tschechische Gesellschaft nicht tolerant gegenüber der LGBT-Gemeinschaft wäre. Die Idee von Prague Pride ist, sich besser kennenzulernen. Eine rein politische Veranstaltung oder Demonstration schreckt die meisten Leute ab. Um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, laden wir die Leute ein, um Spaß mit uns zu haben.

Bastiaan Huijgen (B.H.): Natürlich ist die Situation für LGBT in Tschechien ziemlich gut, nicht wie in Polen oder Kroatien. Die eigentliche Frage war, wo befindet sich Tschechien auf der Skala zwischen reinen Protestveranstaltungen, wie in Russland oder in Warschau, und Festivals wie in Köln oder Amsterdam. Wir dachten es ist Zeit für ein festlicheres Format, auch weil unbekannt ungeliebt macht und der Protestmarsch mit Bannern häufig ein unnötiges „Die gegen uns“ erzeugt. Wer mit uns feiert, wird uns wie ganz normale Leute kennenlernen. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Integration und Toleranz.

C.W.: Das heißt nicht, dass es auf der Parade keine Banner geben wird, es wird Workshops geben, auf denen jeder sein eigenes Transparent herstellen kann. Daher kommt auch dem Nebenprogramm eine wichtige Rolle zu, da dort die Probleme betont werden, die die LGBT-Gemeinschaft hier hat. Es ist im Vergleich der verschiedenen europäischen Prides ein Mix zwischen Ost und West.

Schwule sind nicht so tolerant“

PZ: Die Philosophin Judith Butler hat den Preis des Christopher-Street-Days in Berlin 2010 abgelehnt, da von Teilen der dort vertretenen LBGT-Gemeinschaft eine Diskriminierung muslimischer Minderheiten ausginge. Ist die LGBT-Gemeinschaft und deren Forderung nach mehr Toleranz also nicht gegen eigene Formen der Intoleranz gefeit?

B.H.: Schwule sind nicht so tolerant, oder sagen wir, nicht mehr oder weniger tolerant als jeder andere auch. In Tschechien haben wir dieses Problem nicht, weil es kaum muslimische Minderheiten gibt, aber wir sehen, dass Leute in Berlin, Köln, Amsterdam oder Paris für anti-islamische Ansichten kritisiert werden.

PZ: Was sagt die Statistik über das Leben der LGBT-Gemeinschaft in Tschechien?

B.H.: Im letzten Jahr wurden 1 000 neue gleichgeschlechtliche Partnerschaften registriert.

C.W.: Einer eigenen Studie zufolge gibt es zudem schätzungsweise 1 000 transsexuelle Personen in Tschechien.

B.H.: Die Tschechen verwenden immer eine alte Statistik, da macht die LGBT-Gemeinschaft vier Prozent der Gesamtgesellschaft aus. In Nord-West-Europa sprechen Wissenschaftler von durchschnittlich sieben bis elf Prozent. Nimmt man an, dass Homosexualität angeboren, also keine Frage des sozio-kulturellen Einflusses ist, heisst das, dass die Zahlen in etwa auch für Tschechien gelten müssten.

PZ: Wieviele Menschen werden die Veranstaltung meiden, obwohl sie für deren sexuelle Orientierung einsteht?

C.W.: Viele, vor allem aus kleineren Städten und ländlichen Gegenden. Jedoch melden sich jetzt immer mehr Leute, zum Beispiel aus Olomouc, aus Mlada Boleslav und Ceske Budejovice, die realisieren, dass es sich nicht nur um eine Party handelt, sondern auch um eine Gelegenheit für ein kollektives Coming-Out.

B.H.: Coming-Out ist immer noch eine besondere Sache, egal wo auf dieser Welt, und es bestehen selbst in den Niederlanden, wo die Akzeptanz von Homosexualität der Normalfall ist, Schwierigkeiten bei der Akzeptanz von Homosexualität und homosexuellem Verhalten. Wenn die Leute auf MTV ausgeflippte Teilnehmer einer Schwulen-Parade sehen, dann sind diese weit weg. Wenn ein berühmter Sänger in einem pinken Federkostüm ausgelassen feiert, dann ist das unterhaltsam. Wenn sich jedoch in der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ zwei männliche Hauptdarsteller küssen, gibt es Proteste. Die Leute fühlen sich plötzlich bedroht, weil es näher an ihnen dran ist.

PZ: Bewirken Paraden wie der Prague Pride nicht auch, dass das öffentliche Bild der LGBT-Gemeinschaft auf das eines Karnevalvereins verkürzt wird?

B.H.: Klaus Wowereit hätte man bis zum Zeitpunkt seines Coming-Out wohl auch nicht als schwul bezeichnet.

PZ: Keine Antwort auf die Frage, aber die Beobachtung magen stimmen. Sind geschlechtersensible Sprachkonventionen wie in Deutschland auch in Tschechien denkbar?

C.W.: Die öffentliche Meinung in Tschechien ist stark anti-feministisch, dies gilt vor allem für die politischen Amtsträger. Dieses Sprachspiel wäre ein einfaches Ziel, vor allem für Leute wie Petr Hajek. Es würde die Diskussion nur verflachen.

PZ: Eine Vision für die Zukunft: Wann, glauben Sie, werden sie einen Urlaub in Saudi Arabien verbringen und ihre sexuellen Neigungen offen ausdrücken können?

B.H.: Darüber denke ich nicht nach, das ist zu weit weg. Aber ich versuche Länder zu meiden, die für Intoleranz bekannt sind. Thailand gefiel mir sehr gut. Die thailändische Regierung hat sogar ein drittes Geschlecht zur Kenntnis genommen, Transsexuelle haben dort einen Ausweis, in den drei Geschlechter eingetragen sind.

www.praguepride.com

Schmunzeln im Atombunker // Aki Kaurismäkis Besuch der 37. Sommerfilmschule Uherské Hradiště

Dass die Kunst, und somit auch die Filmkunst, ein nach eigenen Regeln verfahrenes und der Alltagswahrnehmung nicht immer zugängliches Sozialsystem ist, dürfte Kunstliebhabern und Kennern der jüngeren Sozialtheorie bekannt sein. Für Überraschung sorgt hingegen der Befund, der den besonders toleranten Umgang mit Personen dieses Sozialsystem auf ein eigenes Kreditssystem zurückführt. Die Sozialpsychologie nennt dies den Idiosynkrasie-Kredit, eine Art Bonussystem oder sozialer Rettungsschirm, der es Personen erlaubt in überdurchschnittlichem Maße eigentümlich, exzentrisch oder sonderbar zu sein – ohne von der Gemeinschaft bestraft oder gar verstoßen zu werden. Fern von Staatsbankrotten wird dieser nur schwer in Euro oder Kronen zu beziffernde Kredit vornehmlich Personen von besonderem öffentlichem Interesse zuteil. Schon Albert Einstein streckte die Zunge raus, Klaus Kinski zertrümmerte ganze Badezimmereinrichtungen, Michael Jackson verbrachte seine Freizeit bevorzugt mit Minderjährigen und Helmut Schmidt raucht noch heute im öffentlichen Fernsehen Kette.

Ich sehe nur die Fehler“

Der zum feierlichen Abschluss der Sommerfilmschule mit dem Preis des Tschechischen Filmklubverbands in Uherské Hradiště geehrte Filmemacher Aki Kaurismäki kann als ein solcher Kredit-Empfänger beschrieben werden. Vergebens warteten die Besucher im voll besetzten Saal des Kino Hvězda, der Hauptzentrale der 37. Sommerfilmschule, in der „Masterclass Aki Kaurismäki“ auf ausgiebige Auskünfte und Details über die Arbeit des Cannes-prämierten Filmregisseurs. Statt eines eloquenten Redners erlebten sie einen schüchternen und selbstironischen Leistungsverweigerer, der die als Interview geplante Sitzung mit konsequentem Fehlverstehen zunächst ad absurdum führte und später einen Spalt für Einblicke in seine Arbeits- und Denkweise öffnete.

Angesichts der zahlreichen Auszeichnungen und Liebesbekundungen seiner Fans – nicht nur während der 37. Sommerfilmschule – schienen Kaurismäkis bescheidene Antworten und seine deutlich spürbare Selbstverachtung tatsächlich etwas verwunderlich. Nicht nur kann der Finne seine eigenen Filme nicht mehr sehen, denn „er sehe nur die Fehler“, er geht sogar davon aus, dass die Menschen sein Werk überschätzten und nur noch in der Masterclass säßen, weil die eisernen Türen des ehemaligen Atomschutzbunkers, dem heutigen Kino Hvězda, verschlossen wären. Dem Moderator gibt er im gleichen Atemzug zu verstehen: „Da ist eine Sache, die ich nicht stoppen kann – und das sind deine Fragen.“

Zum Lachen und Weinen

Ganz sicher ist man sich bei der Ernsthaftigkeit dieser Aussagen nicht. Man denkt sich nur, dass der Mann offensichtlich Sinn für Humor hat, aber auch unentwegt nach Schutzbehauptungen für seine knappen Antworten sucht. „Heute habe ich in deinem Film „Das Mädchen in der Streichholzfabrik“ sowohl Leute lachen als auch eine Frau weinen sehen“, so der Moderator, um zur Frage nach den tragischen und komischen Mitteln seiner Filme vorzudringen. „Kein Wunder“, kontert Kaurismäki, und erinnert das Publikum daran, dass die Lobgesänge auf seine Filme – wie seine Filme unzähligen Fehlern – einem Irrtum unterlägen. Das Publikum ist amüsiert. Kaurismäki gönnt sich eine Redepause.

Vielleicht ist schon die Erwartung falsch, dass jemand der ausgezeichnete Filme macht, zugleich auch die Rolle des Redners beherrscht. Kaurismäkis Kleinstapelei und seine Distanzierung von festen Zuschreibungen erscheinen weniger als Koketterie oder Unvermögen, sondern als ein Gestus, an dem sich, ähnlich wie bei der Interpretation seiner Filme, Motive und Gründe ablesen lassen, die erst durch den Verzicht besonders expressiver Mittel zutage treten.

Etwas mehr erfährt der Besucher über die Arbeitsweise Kaurismäkis als dieser nach der verzweifelten Suche nach funktionstüchtigen Bauteilen in den Taschen seiner jagdgrünen Lederjacke eine der drei elektrischen Zigaretten zum Qualmen gebracht hat: „Themen gibt es überall. Hier zum Beispiel haben wir eine Streichholzschachtel, oder einen Kugelschreiber. Man kann sich dann fragen, wer diesen Kugelschreiber eigentlich herstellt, was macht der Arbeiter, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt?“ Frustriert über das Rauchen batteriebetriebener Zigaretten fügt er lakonisch hinzu: „Über elektrische Zigaretten kann man keinen Film drehen“ – und schweigt wieder eine Weile.

Tauchgang mit Tango

Kaurismäkis Lakonie und sein Hang zu knappen Antworten lassen sich vielleicht auch mit seiner kalten Leidenschaft für Tango und den portugiesischen Fado erklären. Denn ob die im Tango oder im Fado vertonten Untiefen der menschlichen Gefühlswelt, die auch dem Melancholiker und Nordlicht Kaurismäki eigen zu sein scheinen, tatsächlich auf den Begriff zu bringen sind, oder ob Musik – wie jede Kunstgattung – nicht vielmehr selbstreferentieller Natur ist und sich nicht beliebig in Worte und Erklärungen übersetzen lässt, ist schliesslich nicht nur ein prominentes Problem der Literatur- und Medienwissenschaft. Nicht zufällig stellt schon der portugiesische Begriff des „Saudade“ selbst gewiefte Übersetzer vor das Problem ein geeignetes Äquivalent des Deutschen zu benennen, ohne diesen auf den Begriff „Sehnsucht“ zu verkürzen oder auf Umschreibungen zurückzugreifen.

In der Online-Ausgabe der Zeit bezeichnete Christiane Peitz den jüngst in Cannes für sein Werk „Le Havre“ gekürten Wahlportugiesen Kaurismäki als „Anti-Kapitalisten“. Dass der Finne für seine hochwertigen Filmeproduktionen nur sehr geringe Budgets aufwendet und auch sonst nicht viel Wert auf teure Anzüge legt, ist weitgehend bekannt. Weniger auffällig ist dagegen die Art und Weise mit der Kaurismäki die Verfügbarkeitserwartungen des modernen Journalismus negiert. Denn nicht nur die von der Finanzierung abhängige Filmproduktion – auch die für die Vermarktung notwendige Kommunikation, zum Beispiel mit Journalisten und Publikum in Uherské Hradiště, unterliegt den Wertschöpfungskriterien eines kapitalistisch organsisierten Wirtschaftssystems – Kriterien, an denen Kaurismäki nur wenig gelegen scheint, die aber auch einen Nischenbewohner wie ihn angehen.

Hollywood + – Arthouse

Lars-Olav Beier konstatiert in der Spiegel-Online-Ausgabe vom 17.5.2011, dass auch Autorenfilmer wie Kaurismäki oder die belgischen Dardenne-Brüder eigene Labels bilden, dass sie Zuschauererwartungen wecken und bedienen. Eine Beobachtung, die bis hierher nur besagt, das Filmemacher ob explizit oder implizit auf Mittel der Wiedererkennung setzen, die man etwas wohlwollender auch unter Stil oder Autorschaft verbuchen könnte. Jedoch sieht Beier eine andere Entwicklung am Werk, die dem Autoren-Film seine wichtigste Abgrenzung nimmt: „Die so oft behauptete Kluft zu Popcorn-Blockbustern wie „Pirates of the Caribbean 4“ ist gar nicht so groß.“

Kaurismäkis Werke wie auch seine Person sind tatsächlich von einem eigentümlichen Anachronismus beseelt. So hält Kaurismäki sämtliche Hollywood-Produktionen nach 1962 für völlig inakzeptabel und beschwört unter anderem die alten Meister des Stummfilms, während junge Regisseure bei ihm Skepsis hervorrufen, weil sie zu verschwenderisch mit filmtechnischen Mitteln umgingen, zum Beispiel mit Kamerafahrten. Aber auch wenn Kaurismäki fordert, dass jedes Filmbild im Dienste der zu erzählenden Geschichte zu stehen hat, weiß er um den Idealismus dieser Forderung, um den auch seine eigenen Filme kreisen, diesen aber nie vollständig einlösen. Er möchte bei der 38. Sommerfilmschule wieder dabei sein.