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August 4, 2011 / jeschko

Schmunzeln im Atombunker // Aki Kaurismäkis Besuch der 37. Sommerfilmschule Uherské Hradiště

Dass die Kunst, und somit auch die Filmkunst, ein nach eigenen Regeln verfahrenes und der Alltagswahrnehmung nicht immer zugängliches Sozialsystem ist, dürfte Kunstliebhabern und Kennern der jüngeren Sozialtheorie bekannt sein. Für Überraschung sorgt hingegen der Befund, der den besonders toleranten Umgang mit Personen dieses Sozialsystem auf ein eigenes Kreditssystem zurückführt. Die Sozialpsychologie nennt dies den Idiosynkrasie-Kredit, eine Art Bonussystem oder sozialer Rettungsschirm, der es Personen erlaubt in überdurchschnittlichem Maße eigentümlich, exzentrisch oder sonderbar zu sein – ohne von der Gemeinschaft bestraft oder gar verstoßen zu werden. Fern von Staatsbankrotten wird dieser nur schwer in Euro oder Kronen zu beziffernde Kredit vornehmlich Personen von besonderem öffentlichem Interesse zuteil. Schon Albert Einstein streckte die Zunge raus, Klaus Kinski zertrümmerte ganze Badezimmereinrichtungen, Michael Jackson verbrachte seine Freizeit bevorzugt mit Minderjährigen und Helmut Schmidt raucht noch heute im öffentlichen Fernsehen Kette.

Ich sehe nur die Fehler“

Der zum feierlichen Abschluss der Sommerfilmschule mit dem Preis des Tschechischen Filmklubverbands in Uherské Hradiště geehrte Filmemacher Aki Kaurismäki kann als ein solcher Kredit-Empfänger beschrieben werden. Vergebens warteten die Besucher im voll besetzten Saal des Kino Hvězda, der Hauptzentrale der 37. Sommerfilmschule, in der „Masterclass Aki Kaurismäki“ auf ausgiebige Auskünfte und Details über die Arbeit des Cannes-prämierten Filmregisseurs. Statt eines eloquenten Redners erlebten sie einen schüchternen und selbstironischen Leistungsverweigerer, der die als Interview geplante Sitzung mit konsequentem Fehlverstehen zunächst ad absurdum führte und später einen Spalt für Einblicke in seine Arbeits- und Denkweise öffnete.

Angesichts der zahlreichen Auszeichnungen und Liebesbekundungen seiner Fans – nicht nur während der 37. Sommerfilmschule – schienen Kaurismäkis bescheidene Antworten und seine deutlich spürbare Selbstverachtung tatsächlich etwas verwunderlich. Nicht nur kann der Finne seine eigenen Filme nicht mehr sehen, denn „er sehe nur die Fehler“, er geht sogar davon aus, dass die Menschen sein Werk überschätzten und nur noch in der Masterclass säßen, weil die eisernen Türen des ehemaligen Atomschutzbunkers, dem heutigen Kino Hvězda, verschlossen wären. Dem Moderator gibt er im gleichen Atemzug zu verstehen: „Da ist eine Sache, die ich nicht stoppen kann – und das sind deine Fragen.“

Zum Lachen und Weinen

Ganz sicher ist man sich bei der Ernsthaftigkeit dieser Aussagen nicht. Man denkt sich nur, dass der Mann offensichtlich Sinn für Humor hat, aber auch unentwegt nach Schutzbehauptungen für seine knappen Antworten sucht. „Heute habe ich in deinem Film „Das Mädchen in der Streichholzfabrik“ sowohl Leute lachen als auch eine Frau weinen sehen“, so der Moderator, um zur Frage nach den tragischen und komischen Mitteln seiner Filme vorzudringen. „Kein Wunder“, kontert Kaurismäki, und erinnert das Publikum daran, dass die Lobgesänge auf seine Filme – wie seine Filme unzähligen Fehlern – einem Irrtum unterlägen. Das Publikum ist amüsiert. Kaurismäki gönnt sich eine Redepause.

Vielleicht ist schon die Erwartung falsch, dass jemand der ausgezeichnete Filme macht, zugleich auch die Rolle des Redners beherrscht. Kaurismäkis Kleinstapelei und seine Distanzierung von festen Zuschreibungen erscheinen weniger als Koketterie oder Unvermögen, sondern als ein Gestus, an dem sich, ähnlich wie bei der Interpretation seiner Filme, Motive und Gründe ablesen lassen, die erst durch den Verzicht besonders expressiver Mittel zutage treten.

Etwas mehr erfährt der Besucher über die Arbeitsweise Kaurismäkis als dieser nach der verzweifelten Suche nach funktionstüchtigen Bauteilen in den Taschen seiner jagdgrünen Lederjacke eine der drei elektrischen Zigaretten zum Qualmen gebracht hat: „Themen gibt es überall. Hier zum Beispiel haben wir eine Streichholzschachtel, oder einen Kugelschreiber. Man kann sich dann fragen, wer diesen Kugelschreiber eigentlich herstellt, was macht der Arbeiter, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt?“ Frustriert über das Rauchen batteriebetriebener Zigaretten fügt er lakonisch hinzu: „Über elektrische Zigaretten kann man keinen Film drehen“ – und schweigt wieder eine Weile.

Tauchgang mit Tango

Kaurismäkis Lakonie und sein Hang zu knappen Antworten lassen sich vielleicht auch mit seiner kalten Leidenschaft für Tango und den portugiesischen Fado erklären. Denn ob die im Tango oder im Fado vertonten Untiefen der menschlichen Gefühlswelt, die auch dem Melancholiker und Nordlicht Kaurismäki eigen zu sein scheinen, tatsächlich auf den Begriff zu bringen sind, oder ob Musik – wie jede Kunstgattung – nicht vielmehr selbstreferentieller Natur ist und sich nicht beliebig in Worte und Erklärungen übersetzen lässt, ist schliesslich nicht nur ein prominentes Problem der Literatur- und Medienwissenschaft. Nicht zufällig stellt schon der portugiesische Begriff des „Saudade“ selbst gewiefte Übersetzer vor das Problem ein geeignetes Äquivalent des Deutschen zu benennen, ohne diesen auf den Begriff „Sehnsucht“ zu verkürzen oder auf Umschreibungen zurückzugreifen.

In der Online-Ausgabe der Zeit bezeichnete Christiane Peitz den jüngst in Cannes für sein Werk „Le Havre“ gekürten Wahlportugiesen Kaurismäki als „Anti-Kapitalisten“. Dass der Finne für seine hochwertigen Filmeproduktionen nur sehr geringe Budgets aufwendet und auch sonst nicht viel Wert auf teure Anzüge legt, ist weitgehend bekannt. Weniger auffällig ist dagegen die Art und Weise mit der Kaurismäki die Verfügbarkeitserwartungen des modernen Journalismus negiert. Denn nicht nur die von der Finanzierung abhängige Filmproduktion – auch die für die Vermarktung notwendige Kommunikation, zum Beispiel mit Journalisten und Publikum in Uherské Hradiště, unterliegt den Wertschöpfungskriterien eines kapitalistisch organsisierten Wirtschaftssystems – Kriterien, an denen Kaurismäki nur wenig gelegen scheint, die aber auch einen Nischenbewohner wie ihn angehen.

Hollywood + – Arthouse

Lars-Olav Beier konstatiert in der Spiegel-Online-Ausgabe vom 17.5.2011, dass auch Autorenfilmer wie Kaurismäki oder die belgischen Dardenne-Brüder eigene Labels bilden, dass sie Zuschauererwartungen wecken und bedienen. Eine Beobachtung, die bis hierher nur besagt, das Filmemacher ob explizit oder implizit auf Mittel der Wiedererkennung setzen, die man etwas wohlwollender auch unter Stil oder Autorschaft verbuchen könnte. Jedoch sieht Beier eine andere Entwicklung am Werk, die dem Autoren-Film seine wichtigste Abgrenzung nimmt: „Die so oft behauptete Kluft zu Popcorn-Blockbustern wie „Pirates of the Caribbean 4“ ist gar nicht so groß.“

Kaurismäkis Werke wie auch seine Person sind tatsächlich von einem eigentümlichen Anachronismus beseelt. So hält Kaurismäki sämtliche Hollywood-Produktionen nach 1962 für völlig inakzeptabel und beschwört unter anderem die alten Meister des Stummfilms, während junge Regisseure bei ihm Skepsis hervorrufen, weil sie zu verschwenderisch mit filmtechnischen Mitteln umgingen, zum Beispiel mit Kamerafahrten. Aber auch wenn Kaurismäki fordert, dass jedes Filmbild im Dienste der zu erzählenden Geschichte zu stehen hat, weiß er um den Idealismus dieser Forderung, um den auch seine eigenen Filme kreisen, diesen aber nie vollständig einlösen. Er möchte bei der 38. Sommerfilmschule wieder dabei sein.

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