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August 12, 2011 / jeschko

„Unbekannt macht ungeliebt“ // Prags erste Parade der Lesben, Schwulen, Bi- und Transsexuellen

In Brünn fand 2008 Tschechiens erste große Queer-Parade statt. Queer, das sind per Definition zum Beispiel jene, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung nicht der geltenden Norm entsprechen. Damals, wie im Jahr 2010, schafften es in Brünn vor allem rechtsextreme Abweichler in die Nachrichten, während der Staat unterdessen das Recht auf gleichgeschlechtliche Partnerschaft bereits besiegelt hatte. Jörg Kösters hat sich mit Czeslaw Walek und Bastiaan Huijgen über die Organisation des Prague Pride 2011 und seine Zielgruppe unterhalten.

PZ: Wie laufen die Vorbereitungen für den Prague Pride?

Czeslaw Walek (C.W.): Perfekt, wir haben mit der Idee eines Festivals begonnen und heute ist es ein Festival, das über 72 Veranstaltungen haben wird und wir erwarten eine große Zahl an Besuchern, sowohl für das Programm als auch für die Parade und das Konzert auf der Insel Ostrov. Das bringt natürlich einige logistische Probleme mit sich, aber wir kriegen das hin.

PZ: Bietet das Programm des Prague Pride auch Raum für kleinere Organisationen?

C.W.: Das Nebenprogramm wird zu 90 Prozent von kleineren Gruppen organisiert, das sind überwiegend kleinere LGBT-Organisationen (Organisationen, die sich für die Belange von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen einsetzen Anm. d. Red.) und Menschenrechts-Organisationen oder Klubs, die sich entschlossen haben, sich dem Prague Pride anzuschließen, jedoch eigene Themen zur Sprache bringen. Wir thematisieren besonders das Thema Transsexuelle Identität und LGBTs im Alter, weil wir glauben, dass diese Gruppen häufig übersehen werden, nicht nur in der LGBT-Gemeinschaft, sondern auch in der Gesamtgesellschaft.

PZ: Geben die jüngsten homophoben Äußerungen des Vaclav-Klaus-Beraters Petr Hajek für Sie Anlass zur Reaktion?

C.W.: Wir müssen uns mit diesen Polemiken nicht auseinandersetzen, das führt in die falsche Richtung. Wer jedoch auf diese ungeheuerlichen Aussagen reagieren sollte, dass sind die politischen Parteien und deren Stellvertreter.

PZ: Werden Sie von prominenten Persönlichkeiten unterstützt?

C.W.: Sehr froh sind wir über die Beteiligung der Bürgermeister der Stadt Prag und dem Stadtteil Stadtteil Prag 1, die wahrscheinlich nicht an der Parade teilnehmen werden, die Veranstaltung aber offiziell unterstützen. Das ist sehr wichtig, wie auch bei der gestrigen Diskussion zu vernehmen war, da unser Anliegen sehr emotionale Reaktionen hervorruft. Zudem haben wir ein Unterstützungsschreiben des früheren Premierministers Jan Fischer erhalten.

PZ: In der Gründungserklärung des Prague Pride e.V. nennen sie als Hauptmotiv die sinkende gesamtgesellschaftliche Zustimmung für die LGBT-Gemeinschaft. An anderer Stelle begründen Sie die Wahl für ein Festival und gegen eine politische Demonstration mit der wachsenden Zustimmung für die LGBT in der Tschechischen Republik. Was denn nun?

C.W.: Erstere Einschätzung geht auf eine Studie der Chicagoer Universität zurück, nach der Tschechien zu den vier Ländern in Europa zählt, in denen die Unterstützung für LGBT sinkt. Das besagt aber nicht, dass die tschechische Gesellschaft nicht tolerant gegenüber der LGBT-Gemeinschaft wäre. Die Idee von Prague Pride ist, sich besser kennenzulernen. Eine rein politische Veranstaltung oder Demonstration schreckt die meisten Leute ab. Um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, laden wir die Leute ein, um Spaß mit uns zu haben.

Bastiaan Huijgen (B.H.): Natürlich ist die Situation für LGBT in Tschechien ziemlich gut, nicht wie in Polen oder Kroatien. Die eigentliche Frage war, wo befindet sich Tschechien auf der Skala zwischen reinen Protestveranstaltungen, wie in Russland oder in Warschau, und Festivals wie in Köln oder Amsterdam. Wir dachten es ist Zeit für ein festlicheres Format, auch weil unbekannt ungeliebt macht und der Protestmarsch mit Bannern häufig ein unnötiges „Die gegen uns“ erzeugt. Wer mit uns feiert, wird uns wie ganz normale Leute kennenlernen. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Integration und Toleranz.

C.W.: Das heißt nicht, dass es auf der Parade keine Banner geben wird, es wird Workshops geben, auf denen jeder sein eigenes Transparent herstellen kann. Daher kommt auch dem Nebenprogramm eine wichtige Rolle zu, da dort die Probleme betont werden, die die LGBT-Gemeinschaft hier hat. Es ist im Vergleich der verschiedenen europäischen Prides ein Mix zwischen Ost und West.

Schwule sind nicht so tolerant“

PZ: Die Philosophin Judith Butler hat den Preis des Christopher-Street-Days in Berlin 2010 abgelehnt, da von Teilen der dort vertretenen LBGT-Gemeinschaft eine Diskriminierung muslimischer Minderheiten ausginge. Ist die LGBT-Gemeinschaft und deren Forderung nach mehr Toleranz also nicht gegen eigene Formen der Intoleranz gefeit?

B.H.: Schwule sind nicht so tolerant, oder sagen wir, nicht mehr oder weniger tolerant als jeder andere auch. In Tschechien haben wir dieses Problem nicht, weil es kaum muslimische Minderheiten gibt, aber wir sehen, dass Leute in Berlin, Köln, Amsterdam oder Paris für anti-islamische Ansichten kritisiert werden.

PZ: Was sagt die Statistik über das Leben der LGBT-Gemeinschaft in Tschechien?

B.H.: Im letzten Jahr wurden 1 000 neue gleichgeschlechtliche Partnerschaften registriert.

C.W.: Einer eigenen Studie zufolge gibt es zudem schätzungsweise 1 000 transsexuelle Personen in Tschechien.

B.H.: Die Tschechen verwenden immer eine alte Statistik, da macht die LGBT-Gemeinschaft vier Prozent der Gesamtgesellschaft aus. In Nord-West-Europa sprechen Wissenschaftler von durchschnittlich sieben bis elf Prozent. Nimmt man an, dass Homosexualität angeboren, also keine Frage des sozio-kulturellen Einflusses ist, heisst das, dass die Zahlen in etwa auch für Tschechien gelten müssten.

PZ: Wieviele Menschen werden die Veranstaltung meiden, obwohl sie für deren sexuelle Orientierung einsteht?

C.W.: Viele, vor allem aus kleineren Städten und ländlichen Gegenden. Jedoch melden sich jetzt immer mehr Leute, zum Beispiel aus Olomouc, aus Mlada Boleslav und Ceske Budejovice, die realisieren, dass es sich nicht nur um eine Party handelt, sondern auch um eine Gelegenheit für ein kollektives Coming-Out.

B.H.: Coming-Out ist immer noch eine besondere Sache, egal wo auf dieser Welt, und es bestehen selbst in den Niederlanden, wo die Akzeptanz von Homosexualität der Normalfall ist, Schwierigkeiten bei der Akzeptanz von Homosexualität und homosexuellem Verhalten. Wenn die Leute auf MTV ausgeflippte Teilnehmer einer Schwulen-Parade sehen, dann sind diese weit weg. Wenn ein berühmter Sänger in einem pinken Federkostüm ausgelassen feiert, dann ist das unterhaltsam. Wenn sich jedoch in der TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ zwei männliche Hauptdarsteller küssen, gibt es Proteste. Die Leute fühlen sich plötzlich bedroht, weil es näher an ihnen dran ist.

PZ: Bewirken Paraden wie der Prague Pride nicht auch, dass das öffentliche Bild der LGBT-Gemeinschaft auf das eines Karnevalvereins verkürzt wird?

B.H.: Klaus Wowereit hätte man bis zum Zeitpunkt seines Coming-Out wohl auch nicht als schwul bezeichnet.

PZ: Keine Antwort auf die Frage, aber die Beobachtung magen stimmen. Sind geschlechtersensible Sprachkonventionen wie in Deutschland auch in Tschechien denkbar?

C.W.: Die öffentliche Meinung in Tschechien ist stark anti-feministisch, dies gilt vor allem für die politischen Amtsträger. Dieses Sprachspiel wäre ein einfaches Ziel, vor allem für Leute wie Petr Hajek. Es würde die Diskussion nur verflachen.

PZ: Eine Vision für die Zukunft: Wann, glauben Sie, werden sie einen Urlaub in Saudi Arabien verbringen und ihre sexuellen Neigungen offen ausdrücken können?

B.H.: Darüber denke ich nicht nach, das ist zu weit weg. Aber ich versuche Länder zu meiden, die für Intoleranz bekannt sind. Thailand gefiel mir sehr gut. Die thailändische Regierung hat sogar ein drittes Geschlecht zur Kenntnis genommen, Transsexuelle haben dort einen Ausweis, in den drei Geschlechter eingetragen sind.

www.praguepride.com

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