Joža Uprka (1861 – 1940) // Ein Europäer vom Mährisch-Slowakischen Land

Umso mehr sich Gesellschaften kulturell und wirtschaftlich öffnen, desto häufiger stellt sich Ihnen auch die Identitätsfrage. Worin unterscheidet sich die eigene Kultur von anderen? Bei der Beantwortung dieser Frage, kann die Erinnerung an die landestypischen Traditionen und Brauchtümer oder ein Blick in die kunsthistorischen Archive helfen. Wertvolle ästhetische Auskünfte über das von Christentum und Knochenarbeit geprägte Leben der mährisch-slowakischen Landbevölkerung bietet das Werk des Malers Joža Uprkas. Sein innovativer Malstil, der ihn mit anderen Meistern des Impressionismus verbindet, unterscheidet sich hierbei durch die Nähe zur mährisch-slowakischen Volkskunst. Uprkas beeindruckender Umgang mit Licht und Farbe und seine zuweilen moderne Formensprache entführen den Besucher in die unwiederbringliche, idealisierte Zeit der Frühmoderne.

Galerie der Reitschule Wallenstein (Valdštejnská 3, Kleinseite, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 150 Kronen (ermäßigt 70 Kronen), bis 22. Januar 2012, www.ngprague.cz

Advertisements

Bilder, die die Welt bedeuten // World Press Photos 2011 auf Zwischenstopp in Prag

Das Portät eines zur Madonna stilisierten, halbverschleierten afghanischen Mädchens ohne Nase: das World-Press-Photo des Jahres 2011. Wir sehen nicht einfach ein Bild, wir sehen eine moderne Ikone – ohne Heiligenschein, ohne Lichtverbindung ins rettende Jenseits. Wie auch die meisten christlichen Marienbilder entbehrt Jodi Biebers preisgekröntes Foto jedoch nicht der Idealisierung. Immer schon wollte die 1955 in Amsterdam gegründete gemeinnützige Organsation wachrütteln und den Finger in die Wunde legen, die die zuweilen vom Wohlstand verwöhnte Bevölkerung beim Verzehr herzhafter Hähnchenbrustfilets bedeckt hält. Andererseits wandert mit der Auszeichnung genau dieses Fotos unterschwellig auch das humanitäre Mandat der Afghanistan-Streitkräfte in den Akzeptanzbereich. Wie so häufig liegt das Bemerkenswerte hier nicht im Foto selbst, sondern auf einer Bedeutungsebene, deren Auslotung mit der Foto-Betrachtung beginnt.

„Wir existieren, um durch Qualitäts-Fotojournalismus Verständnis für die Welt zu wecken“, so die selbsterklärte Daseinsfunktion der World-Press-Photo-Vereinigung. „Entdecken, Aufklären und Sichtbarmachen des Leids derer, denen das Recht auf Gesundheit, Freiheit und Gerechtigkeit verwehrt ist“, so ließen sich die unausgesprochenen Ziele der Preisverleiher ergänzen. Die in der Selbstbeschreibung anklingende Zurückhaltung hat jedoch ihre Berechtigung. Denn wer möchte schon allen Ernstes behaupten, dass ein Foto zwangsläufig zu Nachdenken oder gar verantwortlichem Handeln führt? Auch die diesjährige, auf neun Kategorien aufgeteilte Preisvergabe an 54 Fotografen aus 23 Ländern, verfolgt einen ganz praktischen Zweck: sie schafft einen sekundären Absatzmarkt für Aufnahmen, deren Produktion nicht selten unter lebensgefährlichen Bedingungen stattfindet und ohne ein Mindestmaß an Selbstvergessenheit und Idealismus nicht vollstellbar wäre.

Wenn also Empathielosigkeit die unerträgliche Leichtigkeit des Seins bedeutet und der so zeitgemäße Zynismus das psychologische Gleichgewicht immer nur kurzfristig herzustellen vermag: Was bleibt, wenn das Gefühl der Betroffenheit vorüber ist? Die Erinnerung an eine mittelbare Lebenswirklichkeit, deren Probleme zwar fundamentaler als die hiesigen Querelen um den Bildungshaushalt erscheinen – aber zugleich auch weit weg sind. Ein Blick auf die Funktionsweise von Medien soll helfen, das moralische Terrain der Fragestellung zu verlassen.

Beim öffentlichkeitswirksamen Einsatz von Bildern geht es immer auch darum, eine bestimmte Interpretation des Weltgeschehens visuell zu bündeln und zu verbreiten. Die über den Erdball reisende Ausstellung der World-Press-Photos ist daher so schwer und zugleich leicht bekömmlich, weil hier nicht die Chartas der Menschenrechte oder des Weltklimaschutzes verlesen, sondern fotorealistische Darstellungen gezeigt werden. Die Anschlussfähigkeit der Gewinner-Fotos an die eigene Vorstellungswelt garantiert die enge Verbindung zur Berichterstattung des letzten Jahres, die bekanntlich mit darüber entscheidet, was Menschen über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus bewegt – oder eben nicht.

World Press Photo 2011, bis 9. Oktober, Karolinum (Ovocný trh 3, Prag 1), geöffnet: täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 100 Kronen (ermäßigt 60 Kronen), www.wpppraha.cz

Freiheit, Freizeit, Ferienkommunismus // Messepalast widmet sich Phänomenen der alternativen Freizeitkultur

 

Als Teil der Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst wirft die von Tomáš Vlček kuratierte sechsteilige Ausstellung einen Blick auf kulturelle Phänomene, die häufig nicht zum Selbstbild von Gesellschaften gehören und dennoch deren kulturelles Leben mitbestimmen. Der gewählte Fokus auf Freizeit- und Lebensstilphänomene wie die Freie Körperkultur, das Trampen oder alternative Wohnkulturen vereinnahmt den Besucher vor allem durch seine originalgetreuen Installationen und Sammlungen von Kunstwerken, Magazinen, Postern und Möbeln. Wie in einer Art Museum der alternativen Alltagskultur sind hier Kunst, Arbeit und Leben miteinander verschmolzen und zeugen von den Alternativen, die zum Beispiel die Jugendbewegungen der 1960er und 70er Jahre der bürgerlichen und regimekonformen Praxis des Wohnens, Lebens und Arbeitens anzubieten hatten – Alternativen, die sich vor allem im Lichte der Postmodernismus-Debatte großer Aufmerksamkeit erfreuen. In Zusammenarbeit mit dem Lettischen Nationalmuseum der Künste, der Bulgarischen Vereinigung Kulturhorizont 2007 und dem Bildmuseum der Umea-Universität in Schweden, ist die Nationalgalerie Prag vorerst die Endstation dieses internationalen Ausstellungsprojekts, das den Dialog zwischen den Kunstszenen und Institutionen der beteiligten Länder stärken will.

Spare time – Utopias on the Verge of Commonness (Messepalast, Dukelských hrdinů 47, Prag 7), geöffnet: täglich 10 bis 18 Uhr (außer montags), Eintritt in sämtliche Ausstellungen, u.a. permanente Ausstellung moderner tschechischer Kunst, Die Fusion Art des Shalom Neuman: 250 Kronen (ermäßigt 120 Kronen), www.ngprague.cz, www.sparetime.cz, bis 13. November

Spurensuche mit Zwerg // Kulturprojekt „Bohemica“ belebt historische Handelsroute zwischen Bautzen und Prag

Böhmisches Bier ist in aller Munde und erfreut sich nicht nur in deutschen Szene-Kneipen erhöhter Nachfrage. Wie steht es umgekehrt um die Salonfähigkeit deutscher Kulturgüter in Tschechien? Was verbindet Tschechien einschlägig mit dem deutschem Kulturkosmos? „Der Gartenzwerg“, lautet die Antwort der Lausitzer Künstlerinitiative „obART“, die mit ihrem Projekt „Bohemica“ einen mobilen Teil der 3. Sächsischen Landesausstellung „Via Regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung“ bildet. Auf einem in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Nebenzweig der historischen Königsstrasse, die Sachsen mit dem Rheinland und Schlesien verband, entlang des Böhmischen Steiges und der Alten Prager Strasse, beschäftigt sich die Vereinigung unter dem Stichwort „grenzART“ mit den verschiedenen kulturellen Grenzziehungen Deutschlands und Tschechiens.

In Gestalt eines Gartenzwergs und auf zwei historischen Traktoren legte der kleinwüchsige, tschechische Schauspieler Josef Zeman die von Bautzen nach Prag führende Strecke, zusammen mit einem Team von Fotografen und Dokumentarfilmern, zurück. Den Endpunkt der insgesamt vierwöchigen Reise bildet die bis zum 11. September in der Trafacka-Galerie zu sehende Ausstellung „Bohemica“, die neben den museumsreifen Traktoren, und einem zum Bohemica-Info-Center umfunktionierten Bauwagen, Videos über die menschlichen und landschaftlichen Begegnungen der Etappe zeigt. Es wird deutlich, dass die im tschechischen Grenzbereich so häufig anzutreffende Figur des Gartenzwergs tatsächlich einen Dienst für die Kulturvermittlung leisten kann – vorausgesetzt man versteht es, wie Schauspieler Zeman, diese mit trockenem Witz und Tatendrang zu verkörpern.

An der Reise durch über 16 deutsche und tschechische Städte und Landschaftsräume beteiligte sich zudem der Leipziger Künstler Julius Popp mit seiner eigens für das Projekt entwickelten Installation „bit.course“, deren Funktionsweise es ermöglicht, Sätze aus Wasser auf die Strasse zu schreiben. Zusammen mit seinem bekannteren Werk „bit.fall“, einem Wort-Wasserfall, der seine Begriffe aus den Schlagwortsystemen des Internet bezieht, ist auch diese technisch wie künstlerisch einmalige Erfindung Teil der laufenden Ausstellung. Kultur – ihre Gegenwart und auch die Erinnerung an sie – ist, wie Popps Installationen verdeutlichen, vergänglich. Es wird daher empfohlen sich diese Ausstellung anzuschauen – bevor das Projekt „Bohemica“ im Internet fortlebt.

Bohemica, Trafačka, Kurta Konráda 1, Prag 9 (Vysočany), geöffnet: täglich 13 bis 19 Uhr, Eintritt: frei, www.bohemica.info, bis 11. September

Ein Schloss stellt sich aus // Mediterrania im Prager Stadtteil Troja

Wein so weit das Auge reicht, symmetrisch angelegte Gartenanlagen, terrakottafarbene Fassaden, Ziegel und Skulpturen: ein Stück Mittelmeer ließ sich Wenzel Adalbert Graf von Sternberg im heutigen Prager Stadtteil Troja errichten. Auf einer aufgeschütteten Terrasse, zwischen Moldau, Zoo und Botanischem Garten gelegen, bietet das nach Entwürfen von Jean Baptiste Mathey in den Jahren 1679 bis 1685 errichtete Schloß ein beeindruckendes Umfeld auch für die Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Neben den historischen Skulpturen sind mit der vierten Ausgabe des Kunstprojekts „Grüner Raum“ die Werke der tschechischen Bildhauer Stefan Milkov, Michal Gabriel, Viktor Paluš and František Antonín Skála im Schloßgarten zu sehen. Noch im Früjahr umgab Paluš‘ und seine Arbeit an einer überdimensionierten Version eines Oktopus viel Lärm und Staub. Unter Einsatz von Staubmasken und Schleifgerät nahm der Meeresbewohner aus Kunststoff im Hinterhof der Brünner Fakultät der bildenden Künste allmählich Gestalt an. Heute wirkt das mannshohe Konterfei einer gemeinen Krake im Garten von Troja überraschend gut platziert und droht Besuchern mit seinen Fangarmen.

Stefan Milkovs Skulptur „Mann mit Scheibe“ überarbeitet hingegen das klassische Ideal eines olympischen Athleten und erinnert durch Farbgebung und Proportion sowohl an die Erscheinung des Golem als auch an die Formensprache des Schweizer Künstlers H.R. Giger. Sportler und Objekt werden hier, im Gegensatz zu den idealisierenden Darstellungen der griechischen Antike, zu einer ungleichförmigen amorphen Masse, die sich nicht im Gleichgewicht befindet, sondern um dieses ringt.

Der Kunstgeschichte des Schlosses widmet sich die vierteilige Dauerausstellung „Ewiger Sommer in einer Römischen Villa“. Hierbei folgt die Ausstellung vor allem der räumlichen Aufteilung und Ästhetik des Schlosses – und weniger gängigen Galerie-Konventionen. Für die Betonung des Ortes und die Wirkung der Ausstellungsstücke ist dies von Vorteil. Denn während moderne Kunst- und Fotoausstellungen in der Prager Ausstellungslandschaft häufig in ihrer Wirkung durch die Historie – man könnte auch sagen, durch den historischen Balast – des Ausstellungsortes beeinträchtigt werden, bilden Schloss und Ausstellung hier ein wechselseitig aufeinander bezogenes Gesamtkunstwerk.

Im Ausstellungsteil „Die Architektur und Dekoration des Schlosses Troja“ wird deutlich, dass es sich bei der am römischen Landhausstil orientierten Sommerresidenz der Adelsfamilie Sternberg um ein kunsthistorisch bedeutsames Beispiel des tschechischen Barock handelt. Der Besuch Roms und der Landhausvillen in Frascati hatten den jungen Sternberg dazu bewegt, den französischen Architekten und Mitbegründer des böhmischen Hochbarock Jean-Baptiste Mathey mit dem Bau in Troja zu beauftragen. Neben Ausführlichem über Aufbau und Struktur, den Besitzer und den Architekten des Schlosses, erfährt der Besucher mehr über den Treppengang und den Brunnen auf der Südseite des Schlosses. Seine Erbauer, die sächsischen Bildhauer Georg und Paul Heermann, bedienten sich in ihren Skulpturen der antiken Symbolik und erinnern mit dem Kampf zwischen Olympiern und Titanen an den Sieg der Habsburger über die Osmanische Armee im Jahr 1683.

Gemälde von Tieren und antike Möbel erwarten den Besucher im Ausstellungsteil „Von Residenzen der Aristokratie“ und führen ein in eine Welt, in der die Tiere der höheren Stände – und zunehmend auch die Vertreter der Tiermalerei – ein besseres Leben führten als die meisten Menschen dieser Zeit.

Als weitere Höhepunkte der Ausstellung können die komplett restaurierten Wandgemälde des Schlosses in den Ausstellungsteilen „Anklänge der Moderne in der tschechischen Landschaftsmalerei und Bildhauerei beim Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert“ und „Die Chinesischen Zimmer des Schlosses Troja“ gelten.

Besucher haben die Möglichkeit halbstündlich an einer 45-minütigen Führung auf Tschechisch teilzunehmen. Auf Anfrage werden vier mal täglich Führungen auf Englisch und Französisch angeboten.

Schloß Troja

U Trojského zámku 1, Prag 7 (Troja), geöffnet: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, freitags 13 bis 18 Uhr, die Gartenanlage ist bis 19 Uhr geöffnet, Eintritt Garten: frei, Eintritt zur Dauerausstellung: 120 Kronen (ermäßigt 60 Kronen), www.ghmp.cz, Außen-Ausstellung bis Oktober 2011