Skip to content
September 2, 2011 / jeschko

Ein Schloss stellt sich aus // Mediterrania im Prager Stadtteil Troja

Wein so weit das Auge reicht, symmetrisch angelegte Gartenanlagen, terrakottafarbene Fassaden, Ziegel und Skulpturen: ein Stück Mittelmeer ließ sich Wenzel Adalbert Graf von Sternberg im heutigen Prager Stadtteil Troja errichten. Auf einer aufgeschütteten Terrasse, zwischen Moldau, Zoo und Botanischem Garten gelegen, bietet das nach Entwürfen von Jean Baptiste Mathey in den Jahren 1679 bis 1685 errichtete Schloß ein beeindruckendes Umfeld auch für die Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

Neben den historischen Skulpturen sind mit der vierten Ausgabe des Kunstprojekts „Grüner Raum“ die Werke der tschechischen Bildhauer Stefan Milkov, Michal Gabriel, Viktor Paluš and František Antonín Skála im Schloßgarten zu sehen. Noch im Früjahr umgab Paluš‘ und seine Arbeit an einer überdimensionierten Version eines Oktopus viel Lärm und Staub. Unter Einsatz von Staubmasken und Schleifgerät nahm der Meeresbewohner aus Kunststoff im Hinterhof der Brünner Fakultät der bildenden Künste allmählich Gestalt an. Heute wirkt das mannshohe Konterfei einer gemeinen Krake im Garten von Troja überraschend gut platziert und droht Besuchern mit seinen Fangarmen.

Stefan Milkovs Skulptur „Mann mit Scheibe“ überarbeitet hingegen das klassische Ideal eines olympischen Athleten und erinnert durch Farbgebung und Proportion sowohl an die Erscheinung des Golem als auch an die Formensprache des Schweizer Künstlers H.R. Giger. Sportler und Objekt werden hier, im Gegensatz zu den idealisierenden Darstellungen der griechischen Antike, zu einer ungleichförmigen amorphen Masse, die sich nicht im Gleichgewicht befindet, sondern um dieses ringt.

Der Kunstgeschichte des Schlosses widmet sich die vierteilige Dauerausstellung „Ewiger Sommer in einer Römischen Villa“. Hierbei folgt die Ausstellung vor allem der räumlichen Aufteilung und Ästhetik des Schlosses – und weniger gängigen Galerie-Konventionen. Für die Betonung des Ortes und die Wirkung der Ausstellungsstücke ist dies von Vorteil. Denn während moderne Kunst- und Fotoausstellungen in der Prager Ausstellungslandschaft häufig in ihrer Wirkung durch die Historie – man könnte auch sagen, durch den historischen Balast – des Ausstellungsortes beeinträchtigt werden, bilden Schloss und Ausstellung hier ein wechselseitig aufeinander bezogenes Gesamtkunstwerk.

Im Ausstellungsteil „Die Architektur und Dekoration des Schlosses Troja“ wird deutlich, dass es sich bei der am römischen Landhausstil orientierten Sommerresidenz der Adelsfamilie Sternberg um ein kunsthistorisch bedeutsames Beispiel des tschechischen Barock handelt. Der Besuch Roms und der Landhausvillen in Frascati hatten den jungen Sternberg dazu bewegt, den französischen Architekten und Mitbegründer des böhmischen Hochbarock Jean-Baptiste Mathey mit dem Bau in Troja zu beauftragen. Neben Ausführlichem über Aufbau und Struktur, den Besitzer und den Architekten des Schlosses, erfährt der Besucher mehr über den Treppengang und den Brunnen auf der Südseite des Schlosses. Seine Erbauer, die sächsischen Bildhauer Georg und Paul Heermann, bedienten sich in ihren Skulpturen der antiken Symbolik und erinnern mit dem Kampf zwischen Olympiern und Titanen an den Sieg der Habsburger über die Osmanische Armee im Jahr 1683.

Gemälde von Tieren und antike Möbel erwarten den Besucher im Ausstellungsteil „Von Residenzen der Aristokratie“ und führen ein in eine Welt, in der die Tiere der höheren Stände – und zunehmend auch die Vertreter der Tiermalerei – ein besseres Leben führten als die meisten Menschen dieser Zeit.

Als weitere Höhepunkte der Ausstellung können die komplett restaurierten Wandgemälde des Schlosses in den Ausstellungsteilen „Anklänge der Moderne in der tschechischen Landschaftsmalerei und Bildhauerei beim Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert“ und „Die Chinesischen Zimmer des Schlosses Troja“ gelten.

Besucher haben die Möglichkeit halbstündlich an einer 45-minütigen Führung auf Tschechisch teilzunehmen. Auf Anfrage werden vier mal täglich Führungen auf Englisch und Französisch angeboten.

Schloß Troja

U Trojského zámku 1, Prag 7 (Troja), geöffnet: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, freitags 13 bis 18 Uhr, die Gartenanlage ist bis 19 Uhr geöffnet, Eintritt Garten: frei, Eintritt zur Dauerausstellung: 120 Kronen (ermäßigt 60 Kronen), www.ghmp.cz, Außen-Ausstellung bis Oktober 2011

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s