Skip to content
September 29, 2011 / jeschko

Bilder, die die Welt bedeuten // World Press Photos 2011 auf Zwischenstopp in Prag

Das Portät eines zur Madonna stilisierten, halbverschleierten afghanischen Mädchens ohne Nase: das World-Press-Photo des Jahres 2011. Wir sehen nicht einfach ein Bild, wir sehen eine moderne Ikone – ohne Heiligenschein, ohne Lichtverbindung ins rettende Jenseits. Wie auch die meisten christlichen Marienbilder entbehrt Jodi Biebers preisgekröntes Foto jedoch nicht der Idealisierung. Immer schon wollte die 1955 in Amsterdam gegründete gemeinnützige Organsation wachrütteln und den Finger in die Wunde legen, die die zuweilen vom Wohlstand verwöhnte Bevölkerung beim Verzehr herzhafter Hähnchenbrustfilets bedeckt hält. Andererseits wandert mit der Auszeichnung genau dieses Fotos unterschwellig auch das humanitäre Mandat der Afghanistan-Streitkräfte in den Akzeptanzbereich. Wie so häufig liegt das Bemerkenswerte hier nicht im Foto selbst, sondern auf einer Bedeutungsebene, deren Auslotung mit der Foto-Betrachtung beginnt.

„Wir existieren, um durch Qualitäts-Fotojournalismus Verständnis für die Welt zu wecken“, so die selbsterklärte Daseinsfunktion der World-Press-Photo-Vereinigung. „Entdecken, Aufklären und Sichtbarmachen des Leids derer, denen das Recht auf Gesundheit, Freiheit und Gerechtigkeit verwehrt ist“, so ließen sich die unausgesprochenen Ziele der Preisverleiher ergänzen. Die in der Selbstbeschreibung anklingende Zurückhaltung hat jedoch ihre Berechtigung. Denn wer möchte schon allen Ernstes behaupten, dass ein Foto zwangsläufig zu Nachdenken oder gar verantwortlichem Handeln führt? Auch die diesjährige, auf neun Kategorien aufgeteilte Preisvergabe an 54 Fotografen aus 23 Ländern, verfolgt einen ganz praktischen Zweck: sie schafft einen sekundären Absatzmarkt für Aufnahmen, deren Produktion nicht selten unter lebensgefährlichen Bedingungen stattfindet und ohne ein Mindestmaß an Selbstvergessenheit und Idealismus nicht vollstellbar wäre.

Wenn also Empathielosigkeit die unerträgliche Leichtigkeit des Seins bedeutet und der so zeitgemäße Zynismus das psychologische Gleichgewicht immer nur kurzfristig herzustellen vermag: Was bleibt, wenn das Gefühl der Betroffenheit vorüber ist? Die Erinnerung an eine mittelbare Lebenswirklichkeit, deren Probleme zwar fundamentaler als die hiesigen Querelen um den Bildungshaushalt erscheinen – aber zugleich auch weit weg sind. Ein Blick auf die Funktionsweise von Medien soll helfen, das moralische Terrain der Fragestellung zu verlassen.

Beim öffentlichkeitswirksamen Einsatz von Bildern geht es immer auch darum, eine bestimmte Interpretation des Weltgeschehens visuell zu bündeln und zu verbreiten. Die über den Erdball reisende Ausstellung der World-Press-Photos ist daher so schwer und zugleich leicht bekömmlich, weil hier nicht die Chartas der Menschenrechte oder des Weltklimaschutzes verlesen, sondern fotorealistische Darstellungen gezeigt werden. Die Anschlussfähigkeit der Gewinner-Fotos an die eigene Vorstellungswelt garantiert die enge Verbindung zur Berichterstattung des letzten Jahres, die bekanntlich mit darüber entscheidet, was Menschen über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus bewegt – oder eben nicht.

World Press Photo 2011, bis 9. Oktober, Karolinum (Ovocný trh 3, Prag 1), geöffnet: täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 100 Kronen (ermäßigt 60 Kronen), www.wpppraha.cz

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s