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Februar 12, 2012 / jeschko

Descartes‘ bessere Hälfte // Ein deutsch-tschechisches Ausstellungsprojekt erforscht den menschlichen Geist

Eine ungewöhnliche Zusammenschau der letzten 500 Jahre Kunst- und Wissenschaftsgeschichte erwartet den Besucher dieser Tage in der Mährischen Galerie Brünn. Neben den Porträts und Selbstporträts der Altmeister Dürer, Rembrandt und Cranach dem Älteren finden sich Gemälde des zeitgenössischen Surrealismus wie Václav Tikals “Angst” oder Klassiker der deutschen Romantik wie Casper David Friedrichs “Nordsee im Mondlicht”. Auf Kunststoffmodelle des menschlichen Schädels folgen Flachbildschirme, die Schwarz-Weiß-Filme über psychisch Kranke und neueste Computeranimationen der Hirnforschung zeigen. Was alle diese verschiedenen Ausstellungsstücke eint, ist die Absicht der Ausstellungsmacher Colleen M. Schmitz (Deutsches Hygiene-Museum Dresden) und Ladislav Kesner (Mährische Galerie Brünn), den menschlichen Geist als visuelles Phänomen erfahrbar zu machen.

“Geist” im Sinne von Psyche, Seele oder auch Gemüt, ist zwar ein in sämtlichen Bibliotheken der Welt beschriebener, aber unverändert schwer zu fassender Begriff, den nicht nur Theologen, Philosophen, Biologen und Psychologen sehr unterschiedlich auslegen. Die Auseinandersetzung mit ihm im Bildkosmos von Kunst und Wissenschaft zu suchen, stellt folglich einen nachvollziehbaren und vor allem benutzerfreundlichen Schritt dar. Bildwelten des Geistes (tschechischer Ausstellungstitel Obrazy mysli / Mysl v obrazech) greift zudem ein Thema auf, dessen Popularität sich vor allem mit den neuen Visualisierungsmöglichkeiten der Hirnforschung verbindet.

Ich sehe, also bin ich?

Durch die kulturgeschichtliche Einbettung der neuen Bildgebungsverfahren gelingt den Ausstellungsmachern eine interessante und notwendige Erweiterung der neurowissenschaftlichen Diskussion, die nebenbei auch der Befürchtung um die neue Berechenbarkeit des Menschen begegnet: auch Computertomogramme sind zunächst einmal Bilder, deren Bedeutung von der Interpretation eines Betrachters in einem bestimmten kultur-historischen Kontext abhängt. “Kognitive Autonomie und soziale Orientierung” hat der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Schmidt das genannt. Andernfalls wäre heute kaum zu verstehen, warum die anhand des Original-Modells Franz Josef Galls in der Ausstellung vertretene Phrenologie, zu deutsch Schädellehre, trotz ihres interessanten Ansatzes derart vermessene Theorien in die Welt tragen konnte. Doch trotz der Lehren aus den Irrungen bleibt die auf die heutige Situation gewendete Frage, was denn eigentlich mit einer Theorie passiert, wenn ihr Erfinder nun selbst über die diskreditierende Besonderheit – nicht mehr in der Schädel-, sondern – in der Hirnstruktur verfügt.

Das Senkblei für die Verarbeitung visueller Eindrücke zu begründungspflichtigen Konzepten, so auch der treffende Eintrag zum Begriff der Kognition im Psychologischen Glossar der Künstlerinnen Via Lewandowsky und Susanna Hahn, liegt im Hinterfragen des ersten Eindrucks und im Vollzug weniger beeindruckten Denkens. “Die Zähmung des Blicks” nennt das Schmidt. Folglich vermehrt die Ausstellung im beeindruckenden Brünner Pražák-Palast die Zahl der bekannten Bildwelten des Geistes nicht nur, sondern ordnet sie gleichberechtigt nebeneinander an.

Geist braucht Projektionsräume

Warum geistige Inhalte Projektionsräume brauchen, um sich auszudrücken, wie ein denkender Mensch assoziationsfähige Hirnpartitionen, wird zum anderen an den im Obergeschoss versammelten Werken der Landschaftsmalerei deutlich. Hierbei greift Zeněk Sklenářs kubistisch anmutende “Chinesische Landschaft” bereits in die Welt des Unkonkreten vor und zieht den Betrachter, nicht minder wie Casper David Friedrichs “Nordsee im Mondlicht”, in seinen Bann. Auch Šen Čons “Fischer” und Wu Cing Wongs “Unendliche Gedanken” zeugen von der Fertigkeit menschliche Stimmungen und Gemütslagen in gemalte Landschaften zu kleiden. Die mit dem Cello unterlegte Animation “brainscape” von Helga Griffiths überträgt dieses Stimmungsspiel auf ein zur Landschaft vergrößertes, per Kamerafahrt zu erkundenes Modell des menschlichen Gehirns. Und auch Andrew Carnies begehbare Diaprojektion “Magic Forest” macht aus den Baum- und Schichtstrukturen des Gehirns einen begehbaren, sich permanent erneuernden Raum.

Dass die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Kunst fließend sind, zeigt sich auch an den zahlreichen historischen Buchillustrationen und Zeichnungen, an den bahnbrechenden Mikrofotografien Camillo Golgis, dem Erfinder der Netzwerk-Theorie, und besonders an den anatomischen Skizzen Leonardo Da Vincis, die mit dieser Ausstellung erstmalig auch in Tschechien zu sehen sind. Zu der Zeit als Christopher Kolumbus in See stach, um Amerika zu entdecken, richtete Da Vinci den Blick ins Innere des Menschen und zeichnete seinen “Baum aller Nerven”.

Feuerwerk im Gehirn

Welche Würze ein gutes Kunstwerk aus relativ einfachen, aber wohldurchdachten Zutaten entwickeln kann, bescheinigt die Ton-Bild-Installation Daniel Margulies und Chris Sharps, die sich mit der Wirkung von Klassikmusik (Igor Starwinskys Frühlingsweihe) und Philosophie (Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft) auf das menschliche Gehirn befasst. Über 35 Minuten können Besucher einem per MRT (Magnetresonanztomografie) sichtbar gemachten und farbig leuchtenden Gehirn dabei zuschauen, in welchen Hirnzonen und in welcher Intensität es auf die zu hörenden Fanfaren und Satzkonstruktionen reagiert.

Bis es auf dem umgekehrten Weg möglich sein wird, Menschen per Ansteuerung ihrer Hirnbereiche Strawinsky und Kant nicht nur hören, sondern auch verstehen zu lassen, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Bildwelten des Geistes, bis 18.3. (Pražák Palast – Mährische Galerie Brünn, Husova 14), geöffnet: mittwochs bis sonntags 10-18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), http://www.moravska-galerie.cz, http://www.dhmd.de (Deutsches Hygiene Museum Dresden)

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