Anleitung zum Selbermachen // Prags erste Kunstgalerie für Kinder im Franz-Kafka-Haus

Wer war nicht schon einmal in einer Kunstgalerie und hat sich insgeheim gefragt: „Ob man das anfassen darf?“ – oder sich gewünscht: „Das würde ich gerne mal anfassen.“ Als die Künstler um den tschechischen Künstler Petr Nikl im vorvergangenen Jahr mit der interaktiven Ausstellung „Play“ die an der Moldau gelegene Galerie Mánes bespielten, kam dies für viele Familien und Kunstfreunde einer Offenbarung gleich. Endlich durften auch die Kleinen, und Grossen, selber Hand anlegen und die Ausstellungsobjekte zu dem machen, was sie ohnehin erst durch ein sie wahrnehmendes Subjekt sind: Kunstwerke.

Dass Begreifen mit Greifen beginnt, da waren sich nicht nur Anhänger der Montessoripädagogik schon immer einig. Auch in der Kunstpädagogik hat man erkannt, dass klassische Galerien – wie auch viele schulische Unterrichtsformen – einen wesentlichen Nachteil haben, wenn sie immer nur auf visuelle Informationen, und nur selten auf Tasterfahrungen setzen. Dass man durch die Ansprache mehrer Sinne nicht nur den Unterhaltungswert von Information steigern kann, betont auch die pädagogische Leiterin der neueröffneten „Galerie Kunst für Kinder“ Jana Skarlantová: „Es gibt Belege, aus denen hervorgeht, dass durchTasterfahrungen fast doppelt soviel erinnert wird, wie durch visuelle Wahnehmung allein.“ Aus diesem Grund kommt dem Gebrauch von Händen, Schere, Kleber und Filzschreiber in Prags prominent gelegener, kinderfreundlicher Kunstgalerie eine herausragende Rolle zu.

Sämtliche Gemälde und Installationen der an der Ausstellung „ Kunst und Recycling“ beteiligten Künstler – von Veronika Richterovás begehbarem Schmetterlingswald, über Markéta Hlinovskás „Freiräume“ bis zu Shalom Neumans psychedelischen Müllmasken –, warten auf die Ertastung und Weiterverarbeitung durch Kinderhände. Dass die Kunsterziehung auch vor ökologischen Denkansätzen nicht halt macht, darauf verweisen die in den Galerieräumen verstreuten Zeitschriftenschnipsel und Plastikflaschen – künstlerische Rohstoffe, die auf Wald- und Ölvorkommen oder energieintensives Recycling zurückgehen und bekanntlich immer knapper und kostbarer werden. „Wir möchten zeigen, dass auch dieses Material wiederverwendet werden kann und es für Kinder beim Erleben ihrer Umgebung interessant machen“, erklärt Organisatorin Kateřina Samkova.

Mit der Fokussierung auf die Zielgruppe der Jüngsten, vom Kind im Vorschul- und jüngeren Schulalter, und deren Eltern und Lehrer, reagiere die „Galerie Kunst für Kinder“ auf die gestiegenen Anforderungen im Ausstellungswesen der Bildenden Kunst, in der Kinder als Adressaten bislang immer an hinterster Stelle rangierten, so Samková weiter. Auch Kuratorin Monika Burian Jourdan betont die Einzigartigkeit der Einrichtung und deren Grundidee: „In der Tschechischen Republik ist es leider immer noch wahr, dass Kinder in den Galerien fast unsichtbar sind. Wir wollen diese Barriere überwinden, und zwar auf eine natürliche Weise. Die „Galerie Kunst für Kinder“ verbindet echte Kunstwerke mit Kindern.“

Zudem sei das Bildungsprojekt von der Idee der Interaktivität her entwickelt – ein Begriff, der nicht erst durch die wechselseitig schaltenden Nachrichtendienste des Internets wieder Konjunktur hat. Dass die „Galerie Kunst für Kinder“ keineswegs die Flucht in vortechnologische Zeiten sucht, sondern eine bewusstere Begegnung mit der alltäglichen Umwelt anstrebt, belegen auch die auf Flachbildschirmen gezeigten Kurzfilme, die mit der Losung „Let`s stop doing bottles!“ zum Beispiel den Herstellungsstopp von Plastikflaschen thematisieren. Shendra Suckis farbenprächtiger „Kabelbaum“ gibt hierbei nicht nur Kindern eine Idee von der materialen Wirklichkeit hinter den Benutzeroberflächen, die Menschen und Maschinen miteinander verbinden und voneinander trennen.

Kunst und Recycling, bis 17.6., Galerie Kunst für Kinder (Náměstí Franze Kafky 24 – Altstädterring), geöffnet: dienstags bis sonntags 10-18 Uhr, Eintritt inklusive Arbeitsmaterialen: Kinder über 3 Jahre 80 Kronen, Erwachsene 120 (ermässigt 80 Kronen), Familien (2 Erwachsene + 2 Kinder) 250 Kronen, http://www.galeriegud.cz (noch im Aufbau)

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Die Armbrust im Haus erspart den Sicherheitsdienst // Geschichte der „Arma Diaboli“ im Neuen Gebäude des Nationalmuseums

In Jan Hřebejks 1999er Retrokomödie Pelíšky bekam sie ein Kind zu Weihnachten und man befürchtete Schlimmes. Denn was sollte eine Armbrust in den Händen eines Kindes schon Gutes anstellen? Heute ist die ursprüngliche Funktion der Armbrust als Kriegsgerät und Waffe für Stadtmiliz und Bürgerwehr Literatur. Wie auch die Bezeichnung „Waffe des Teufels“, auf die sich der Ausstellungstitel „Arma Diaboli“ bezieht. In unter Christen geführten Kriegen wurde die Armbrust vom Zweiten Laterankonzil weger ihrer Reichweite und Durchschlagskraft als unritterlich verboten, vermochte sie doch selbst aus weit entfernten Hinterhalten Kettenhemden und – dann zunehmend weniger – auch Rüstungen zu durchbohren.

Im 16. Jahrhundert wurde die Armbrust durch die Hakenbüchse weitesgehend von ihrer Funktion als Kriegsgerät befreit. Als für Schlachten ohnehin nur begrenzt und besonders für Scharfschützen geeignete Waffe, ist ihr bis heute eine Funktion als Jagd-, Sportgerät und Statussymbol erhalten geblieben. Anhand der zahlreichen, in Glasvitrinen und Setzkästen dargebotenen Ausstellungsstücke, lässt sich in der Ausstellung „Arma Diaboli“ die sozio-technische Evolution der Armbrust vom 15. bis 19. Jahrunderts nachvollziehen. Neben puristischen Exemplaren aus Schmiedeeisen, die die bevorstehende Erfindung des Gewehrs bereits erahnen lassen, finden sich fein verzierte, fast organisch wirkende Armbrüste aus Holz und Knochen, aus dem 16. und 17. Jahrhunderts, die zu den Luxusgütern der Renaissance zählten.

Aber auch auf den historischen Kontext des Waffengebrauchs geht die Ausstellung mit artverwandten Ausstellungsstücken und thematisch gegliederten Informationstafeln-Tafeln und Abbildungen ein. Karten und Fotos von Fundstellen auf tschechischem Gebiet wie den Felsen bei Schloss Ingrowitz (Skály u Jimramova) und dem touristischen Pflichttermin Schloss Křivoklát, an denen Teile von Armbrüsten, Pfeilspitzen und Spanner gefunden wurden, dokumentieren die Geschichte der Armbrust als Kulturgeschichte. Einer Karte der Fundstellen zufolge kulminierte diese vor allem im tschechischen Teil Mitteleuropas.

Was aber wäre die Armbrust ohne Geschosse und vor allem ohne Spannsysteme? Hier bietet „Arma Diaboli“ interessante Einblicke in die verschiedenen Schmiede- und Verschlusstechiken. Mechanische Hebel- oder Windesysteme wie die verzierte italienische Festungsarmbrust aus dem Jahr 1600 mit Englischer Windung und die sogenannte Deutsche Winde aus dem 16. Jahrhundert, mit deren Kurbel die Spannkraft über eine Zahnstangenwinde auf Bogen und Pfeil gleichermaßen verteilt wird, veranschaulichen, dass die Entwicklung der Armbrust einen Wettbewerb um die besten igeneurstechnischen Lösungen angestossen hat.

Nach den Bürgerwehren, den schiessenden Bruderschaften, den Duellen zwischen Bogen- und Armbrustschützen hat sich heute, neben einer ernstzunehmenden Sportart, ein in manchen deutschen Kommunen jährlich stattfindendes Volksfest etabliert, in deren Zentrum der unter Alkoholeinfluss getriebene Wille regiert, einen gekrönten Polystyrol- oder Holzadler von der Stange zu schiessen. Der Blick in die Ausstellung im Nationalmuseum verspricht einen nüchternen Blick auf die Ursprünge des sprichwörtlichen Bogenüberspannens.

Arma Diaboli, bis 1.5., Neues Gebäude des Nationalmuseums (Vinohradská 1), geöffnet: täglich 10-18Uhr, Eintritt inklusive Eintrittsgeld für die Ausstellung „Erfinder und Erfindungen“: 80 Kronen (ermässigt 40 Kronen), 28. und 29. März geschlossen, weitere Informationen unter http://www.nm.cz

Plusminus 15 Minuten Berühmtheit // Designakademie kürt die Preisträger des 6. Großen Tschechischen Designpreises

Seile mit viel Glitzer – süffisant mag derlei Beschreibung der jüngst mit dem Grossen Tschechischen Designpreis prämierten Schmuckkollektion „Virus“ der Designer Zdeněk Vacek und Daniel Pošta klingen. Und nicht nur das: sie greift zu kurz. Was das von Jiří Macek mit dem Begriff „Schmuck-Bauern“ keineswegs herablassend bezeichnete Designer-Duo in ihrem hauseigenen Chemielabor umtrieb, war die Erforschung und Nutzbarmachung eines natürlichen Bauprinzips, das sie erstmals in einem Hafen an herrenlos gewordenen Bootstauen beobachtet haben. Über einen langen Zeitraum hatten sich die an Seilen befindlichen Meersalze und Muscheln in schillernde Kristallformationen verwandelt. Diesen Prozess machten sich Vacek und Pošta mit Kochsalzen aus der eigenen Küche zu eigen und „züchteten“ auf Marineseilen Alaun-Kristalle mit ihren charakteristischen Oktaederformen. Hätten die beiden Preisträger die als Dekolletés konzipierten Schmuckstücke nicht noch mit Rotgold und Rohdiamanten bestückt, hätten sie neben der künstlerischen Innovation auch noch eine krisenkompatible Form des Luxus etablieren können.

In insgesamt elf Kategorien und drei Wahlgängen ermittelte die 51-köpfige Jury mit Vertretern aus Wissenschaft, Fachjournalismus und Ausstellungswesen die diesjährigen Gewinner des Grossen Tschechischen Designpreises. Für Designpreisroutinees hielt die bereits sechste Preisverleihung im Prager Ständetheater (Stavovské divadlo) einige Überraschungen bereit. Diejenigen, die sich wie gewohnt auf einen von Schauspieler Marek Eben gekonnt moderierten Spaziergang durch die zu feiernden Designdisziplinen freuten, dürften von den kurzangebundenen Ansagen und Rückfragen der an diesem Samstagabend durch das Programm führenden Schauspieler Tereza Voříšková und Kryštof Hádek überrascht gewesen sein. Hilflos wirkende Fragen, wie die nach der Schulnote im Fach Chemie veranlassten nicht nur die Gewinner des Hauptpreises zu mehr als knappen Antworten. Auch auf Voříškovás Frage, was denn zuerst da gewesen sei, Huhn oder Ei, erwiderte der vom Tschechischen Kulturministerium zum Designer des Jahres 2011 ernannte Rony Plesl lediglich mit einem knappen Verweis auf sein Markenzeichen: die eiförmige Glatze. Aber warum sollte nicht auch das Gerede über Design ikonisch sein dürfen? Eben.

Dass Tschechiens In-Design-Szene personell überschaubar ist und sich gut kennt, dafür sprechen die offenkundigen Beziehungen einiger Preisträger und Juroren untereinander und die nominelle Mehrfachverwertung von Preisträgern der Veranstaltungen Designblok und des Studentischen Designpreises. Zwar schaffte es die für ihr Sexspielzeug mit dem Studentenpreis gekrönte Designerin Anna Marešová es in der Kategorie „Entdeckung des Jahres“ nicht ganz auf den vordersten Rang. Dafür räumten die für die Darbietung ihrer Schmuckkollektion auf der internationalen Designausstellung Designblok 2011 gekürten Designer Zdeněk Vacek und Daniel Pošta nun auch den ersten Grossen Tschechischen Preis in der Kategorie Schmuckdesign und den Hauptpreis „Grosse Designer des Jahres 2011“ ab. Zudem zeigt sich der für seine eliptischen Weingläser und Kronleuchter – und unter Pragern Kinogängern durch seine im Bio Oko moderierten TED-Lectures – prämierte Designer Rony Plesl zugleich mitverantwortlich für wesentliche Schöpfungen des ebenso gefeierten Unternehmens Lasvit.

Wohl keine andere Kunstrichtung steht aufgrund ihrer angewandten Ausrichtung auch für die besondere Nähe zum Handel und zum produzierenden Gewerbe. So verwundert es nicht, dass sich das Tschechische Industrie- und Handelsministerium auch in der Kategorie „Industriedesign des Jahres 2011“ mit einem Preis an der Verleihung beteiligt hat. Dass das über die Landesgrenzen hinaus bekannte Glasmanufakturwesen Tschechiens – nicht zwangsläufig zu verwechseln mit dem in der Prager Innenstadt bis zum Erbrechen beworbenen Bohemian-Crystal-Ramsch – auch im 21. Jahrhundert international anschlussfähig sein kann, bestärkt der nun auch mit dem Grossen Tschechischen Designpreis gekrönte Erfolg des Milovicer Unternehmens Lasvit. Das in Europa, Nordamerika, im Mittleren und Fernen Osten agierende Unternehmen des Gründers Leon Jakimičs kooperierte 2011 sehr erfolgreich mit tschechischen und internationalen Designern wie Fabio Novembre, Mathieau Lehanneur und Nendo. Gewinner des Grossen Preises für das herausragendste Shop-Design wurde das auf Bürobedarf spezialisierte Trio um Kateřina Šachová von Papelote.

Als „Grosse Entdeckung des Jahres“ gilt seit Samstagabend Klára Šumovás Serie „Besiedelte Landschaften“ – eine spielerische, in Naturholzoptik gehaltene Möbelkollektion für den Aussengebrauch. Mit der fotografischen Inszenierung der an Terry Gilliams Märchenfiguren erinnernden Modekollektion „Air Force“ von Hana Zárubová wurde Bára Prášilová zur Fotografin des Jahres 2011 gekürt. Mode-Designerin des Jahres 2011 wurde Zuzana Kubíčková mit einer minimalistischen Sommer-Kollektion, während Štěpán Malovec die Jury mit seinen Plakaten und Katalogen für Ausstellungen in der Galerie Rudolfinum und im Prager Museum für Angewandte Künste in der Kategorie Grafik-Design von sich überzeugt haben muss. Den Preis für ihr Lebenswerk erhielt die bereits 1981 verstorbene Designerin Libuše Niklová, die mit ihren Gummifiguren und aufblasbaren Plastiktieren das Freizeitverhalten von Generationen tschechischer Kinder geprägt hat. Stellvertretend für seine Mutter bedankte sich der bekannte tschechische Künstler – und Spielkind – Petr Nikl bei den Juroren.

Wer die Preisverleihung, wie die Hälfte aller Besucher, von den höheren Rängen des Ständetheaters verfolgt hat, konnte die zur Vorstellung der Nomminierten gedachten Einspieler nicht mitverfolgen, da ein überdimensionales Scheinwerferreck die Sicht auf die Leinwand versperrte. Zahlreiche Objekte der Preisträger und Nomminierten des Grossen Tschechischen Designpreises 2011, in den Disziplinen Grafik-Design, Fotografie, Mode, Schmuck, Produkt- und Industriedesign, sind jedoch noch bis zum 29.4. im Nationalen Technikmuseum und in der Fenstergalerie der Tschechischen Sparkasse, Melantrichova – Prag 1, zu sehen. Die TV-Aufzeichnung der Preisverleihung wird am 17. März im Zweiten Tschechischen Fernsehen ausgestrahlt.

Weitere Informationen unter www.czechgranddesign.cz