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März 12, 2012 / jeschko

Plusminus 15 Minuten Berühmtheit // Designakademie kürt die Preisträger des 6. Großen Tschechischen Designpreises

Seile mit viel Glitzer – süffisant mag derlei Beschreibung der jüngst mit dem Grossen Tschechischen Designpreis prämierten Schmuckkollektion „Virus“ der Designer Zdeněk Vacek und Daniel Pošta klingen. Und nicht nur das: sie greift zu kurz. Was das von Jiří Macek mit dem Begriff „Schmuck-Bauern“ keineswegs herablassend bezeichnete Designer-Duo in ihrem hauseigenen Chemielabor umtrieb, war die Erforschung und Nutzbarmachung eines natürlichen Bauprinzips, das sie erstmals in einem Hafen an herrenlos gewordenen Bootstauen beobachtet haben. Über einen langen Zeitraum hatten sich die an Seilen befindlichen Meersalze und Muscheln in schillernde Kristallformationen verwandelt. Diesen Prozess machten sich Vacek und Pošta mit Kochsalzen aus der eigenen Küche zu eigen und „züchteten“ auf Marineseilen Alaun-Kristalle mit ihren charakteristischen Oktaederformen. Hätten die beiden Preisträger die als Dekolletés konzipierten Schmuckstücke nicht noch mit Rotgold und Rohdiamanten bestückt, hätten sie neben der künstlerischen Innovation auch noch eine krisenkompatible Form des Luxus etablieren können.

In insgesamt elf Kategorien und drei Wahlgängen ermittelte die 51-köpfige Jury mit Vertretern aus Wissenschaft, Fachjournalismus und Ausstellungswesen die diesjährigen Gewinner des Grossen Tschechischen Designpreises. Für Designpreisroutinees hielt die bereits sechste Preisverleihung im Prager Ständetheater (Stavovské divadlo) einige Überraschungen bereit. Diejenigen, die sich wie gewohnt auf einen von Schauspieler Marek Eben gekonnt moderierten Spaziergang durch die zu feiernden Designdisziplinen freuten, dürften von den kurzangebundenen Ansagen und Rückfragen der an diesem Samstagabend durch das Programm führenden Schauspieler Tereza Voříšková und Kryštof Hádek überrascht gewesen sein. Hilflos wirkende Fragen, wie die nach der Schulnote im Fach Chemie veranlassten nicht nur die Gewinner des Hauptpreises zu mehr als knappen Antworten. Auch auf Voříškovás Frage, was denn zuerst da gewesen sei, Huhn oder Ei, erwiderte der vom Tschechischen Kulturministerium zum Designer des Jahres 2011 ernannte Rony Plesl lediglich mit einem knappen Verweis auf sein Markenzeichen: die eiförmige Glatze. Aber warum sollte nicht auch das Gerede über Design ikonisch sein dürfen? Eben.

Dass Tschechiens In-Design-Szene personell überschaubar ist und sich gut kennt, dafür sprechen die offenkundigen Beziehungen einiger Preisträger und Juroren untereinander und die nominelle Mehrfachverwertung von Preisträgern der Veranstaltungen Designblok und des Studentischen Designpreises. Zwar schaffte es die für ihr Sexspielzeug mit dem Studentenpreis gekrönte Designerin Anna Marešová es in der Kategorie „Entdeckung des Jahres“ nicht ganz auf den vordersten Rang. Dafür räumten die für die Darbietung ihrer Schmuckkollektion auf der internationalen Designausstellung Designblok 2011 gekürten Designer Zdeněk Vacek und Daniel Pošta nun auch den ersten Grossen Tschechischen Preis in der Kategorie Schmuckdesign und den Hauptpreis „Grosse Designer des Jahres 2011“ ab. Zudem zeigt sich der für seine eliptischen Weingläser und Kronleuchter – und unter Pragern Kinogängern durch seine im Bio Oko moderierten TED-Lectures – prämierte Designer Rony Plesl zugleich mitverantwortlich für wesentliche Schöpfungen des ebenso gefeierten Unternehmens Lasvit.

Wohl keine andere Kunstrichtung steht aufgrund ihrer angewandten Ausrichtung auch für die besondere Nähe zum Handel und zum produzierenden Gewerbe. So verwundert es nicht, dass sich das Tschechische Industrie- und Handelsministerium auch in der Kategorie „Industriedesign des Jahres 2011“ mit einem Preis an der Verleihung beteiligt hat. Dass das über die Landesgrenzen hinaus bekannte Glasmanufakturwesen Tschechiens – nicht zwangsläufig zu verwechseln mit dem in der Prager Innenstadt bis zum Erbrechen beworbenen Bohemian-Crystal-Ramsch – auch im 21. Jahrhundert international anschlussfähig sein kann, bestärkt der nun auch mit dem Grossen Tschechischen Designpreis gekrönte Erfolg des Milovicer Unternehmens Lasvit. Das in Europa, Nordamerika, im Mittleren und Fernen Osten agierende Unternehmen des Gründers Leon Jakimičs kooperierte 2011 sehr erfolgreich mit tschechischen und internationalen Designern wie Fabio Novembre, Mathieau Lehanneur und Nendo. Gewinner des Grossen Preises für das herausragendste Shop-Design wurde das auf Bürobedarf spezialisierte Trio um Kateřina Šachová von Papelote.

Als „Grosse Entdeckung des Jahres“ gilt seit Samstagabend Klára Šumovás Serie „Besiedelte Landschaften“ – eine spielerische, in Naturholzoptik gehaltene Möbelkollektion für den Aussengebrauch. Mit der fotografischen Inszenierung der an Terry Gilliams Märchenfiguren erinnernden Modekollektion „Air Force“ von Hana Zárubová wurde Bára Prášilová zur Fotografin des Jahres 2011 gekürt. Mode-Designerin des Jahres 2011 wurde Zuzana Kubíčková mit einer minimalistischen Sommer-Kollektion, während Štěpán Malovec die Jury mit seinen Plakaten und Katalogen für Ausstellungen in der Galerie Rudolfinum und im Prager Museum für Angewandte Künste in der Kategorie Grafik-Design von sich überzeugt haben muss. Den Preis für ihr Lebenswerk erhielt die bereits 1981 verstorbene Designerin Libuše Niklová, die mit ihren Gummifiguren und aufblasbaren Plastiktieren das Freizeitverhalten von Generationen tschechischer Kinder geprägt hat. Stellvertretend für seine Mutter bedankte sich der bekannte tschechische Künstler – und Spielkind – Petr Nikl bei den Juroren.

Wer die Preisverleihung, wie die Hälfte aller Besucher, von den höheren Rängen des Ständetheaters verfolgt hat, konnte die zur Vorstellung der Nomminierten gedachten Einspieler nicht mitverfolgen, da ein überdimensionales Scheinwerferreck die Sicht auf die Leinwand versperrte. Zahlreiche Objekte der Preisträger und Nomminierten des Grossen Tschechischen Designpreises 2011, in den Disziplinen Grafik-Design, Fotografie, Mode, Schmuck, Produkt- und Industriedesign, sind jedoch noch bis zum 29.4. im Nationalen Technikmuseum und in der Fenstergalerie der Tschechischen Sparkasse, Melantrichova – Prag 1, zu sehen. Die TV-Aufzeichnung der Preisverleihung wird am 17. März im Zweiten Tschechischen Fernsehen ausgestrahlt.

Weitere Informationen unter www.czechgranddesign.cz

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