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März 19, 2012 / jeschko

Anleitung zum Selbermachen // Prags erste Kunstgalerie für Kinder im Franz-Kafka-Haus

Wer war nicht schon einmal in einer Kunstgalerie und hat sich insgeheim gefragt: „Ob man das anfassen darf?“ – oder sich gewünscht: „Das würde ich gerne mal anfassen.“ Als die Künstler um den tschechischen Künstler Petr Nikl im vorvergangenen Jahr mit der interaktiven Ausstellung „Play“ die an der Moldau gelegene Galerie Mánes bespielten, kam dies für viele Familien und Kunstfreunde einer Offenbarung gleich. Endlich durften auch die Kleinen, und Grossen, selber Hand anlegen und die Ausstellungsobjekte zu dem machen, was sie ohnehin erst durch ein sie wahrnehmendes Subjekt sind: Kunstwerke.

Dass Begreifen mit Greifen beginnt, da waren sich nicht nur Anhänger der Montessoripädagogik schon immer einig. Auch in der Kunstpädagogik hat man erkannt, dass klassische Galerien – wie auch viele schulische Unterrichtsformen – einen wesentlichen Nachteil haben, wenn sie immer nur auf visuelle Informationen, und nur selten auf Tasterfahrungen setzen. Dass man durch die Ansprache mehrer Sinne nicht nur den Unterhaltungswert von Information steigern kann, betont auch die pädagogische Leiterin der neueröffneten „Galerie Kunst für Kinder“ Jana Skarlantová: „Es gibt Belege, aus denen hervorgeht, dass durchTasterfahrungen fast doppelt soviel erinnert wird, wie durch visuelle Wahnehmung allein.“ Aus diesem Grund kommt dem Gebrauch von Händen, Schere, Kleber und Filzschreiber in Prags prominent gelegener, kinderfreundlicher Kunstgalerie eine herausragende Rolle zu.

Sämtliche Gemälde und Installationen der an der Ausstellung „ Kunst und Recycling“ beteiligten Künstler – von Veronika Richterovás begehbarem Schmetterlingswald, über Markéta Hlinovskás „Freiräume“ bis zu Shalom Neumans psychedelischen Müllmasken –, warten auf die Ertastung und Weiterverarbeitung durch Kinderhände. Dass die Kunsterziehung auch vor ökologischen Denkansätzen nicht halt macht, darauf verweisen die in den Galerieräumen verstreuten Zeitschriftenschnipsel und Plastikflaschen – künstlerische Rohstoffe, die auf Wald- und Ölvorkommen oder energieintensives Recycling zurückgehen und bekanntlich immer knapper und kostbarer werden. „Wir möchten zeigen, dass auch dieses Material wiederverwendet werden kann und es für Kinder beim Erleben ihrer Umgebung interessant machen“, erklärt Organisatorin Kateřina Samkova.

Mit der Fokussierung auf die Zielgruppe der Jüngsten, vom Kind im Vorschul- und jüngeren Schulalter, und deren Eltern und Lehrer, reagiere die „Galerie Kunst für Kinder“ auf die gestiegenen Anforderungen im Ausstellungswesen der Bildenden Kunst, in der Kinder als Adressaten bislang immer an hinterster Stelle rangierten, so Samková weiter. Auch Kuratorin Monika Burian Jourdan betont die Einzigartigkeit der Einrichtung und deren Grundidee: „In der Tschechischen Republik ist es leider immer noch wahr, dass Kinder in den Galerien fast unsichtbar sind. Wir wollen diese Barriere überwinden, und zwar auf eine natürliche Weise. Die „Galerie Kunst für Kinder“ verbindet echte Kunstwerke mit Kindern.“

Zudem sei das Bildungsprojekt von der Idee der Interaktivität her entwickelt – ein Begriff, der nicht erst durch die wechselseitig schaltenden Nachrichtendienste des Internets wieder Konjunktur hat. Dass die „Galerie Kunst für Kinder“ keineswegs die Flucht in vortechnologische Zeiten sucht, sondern eine bewusstere Begegnung mit der alltäglichen Umwelt anstrebt, belegen auch die auf Flachbildschirmen gezeigten Kurzfilme, die mit der Losung „Let`s stop doing bottles!“ zum Beispiel den Herstellungsstopp von Plastikflaschen thematisieren. Shendra Suckis farbenprächtiger „Kabelbaum“ gibt hierbei nicht nur Kindern eine Idee von der materialen Wirklichkeit hinter den Benutzeroberflächen, die Menschen und Maschinen miteinander verbinden und voneinander trennen.

Kunst und Recycling, bis 17.6., Galerie Kunst für Kinder (Náměstí Franze Kafky 24 – Altstädterring), geöffnet: dienstags bis sonntags 10-18 Uhr, Eintritt inklusive Arbeitsmaterialen: Kinder über 3 Jahre 80 Kronen, Erwachsene 120 (ermässigt 80 Kronen), Familien (2 Erwachsene + 2 Kinder) 250 Kronen, http://www.galeriegud.cz (noch im Aufbau)

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