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September 2, 2013 / jeschko

Gedanken zu Bildern in Medien // Tage des Arabischen Films in Prag

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Plakat der 2012er-Ausstellung „Middle East Europe“ im DOX-Zentrum für zeitgenössische Kunst, Prag.

Einstieg ins Textauto. Die Türen schließen. Sprecher: Niklas Luhmann, 1998 verstorbender Soziologe:

„Alles was wir über die Welt ||: wissen :|| wir aus den Massenmedien.“

Professor Luhmann spricht über die Produktion von Wissen über Realität, wie sie von Medien betrieben wird. Im Gegensatz zur Naßzelle eines Thomas Mann, dem tägliches eiskaltes Duschen beim Klären von Gedanken geholfen haben soll, sorgt die Berieselung mit Erzeugnissen aus dem Infotainment-Äther in der daily media shower show für Parallelrotation und folglich Erhitzung menschlicher Gehirne. Zu allem und jedem werden Meinungen von Dingen und Menschen angeboten, die nicht selten am eigenen Bewusstsein kleben bleiben. Unhinterfragt. Umso bildlicher desto einprägsamer.

Die Macht der Bilder also. Die Satelitenaufnahme der Erdkugel, ein Prototyp. Im Gegensatz zur Mondlandung ist unumstritten, dass Form und Farbe der Erdkugel mit dem übereinstimmen, was wir, seit 1959 das erste Satelitenfoto der Erde die Runde machte, zu sehen gewohnt sind. Auch wenn wir inzwischen gestauchte Atmosphäre von kartoffelförmiger Hardschale unterscheiden, stellt niemand dieses Urbild ernsthaft infrage. Wie auch? Zu teuer ein eigener Satelit, zu aufwendig und nur sehr privilegierten Menschen, Astronauten und Reichen, vorbehalten, die Reise ins Außerirdische. Wissen wird zur Glaubenssache. Was aber, wenn die Produktion von Bildern einen strategischen Grund hat, einen medienspezifischen? Nichts weiter. Trotzdem.

Wenn ich Fernsehen mache, brauche ich zum Beispiel auch dann Bilder, wenn das Thema eigentlich keine hergibt. Ich filme dann zum Beispiel ein Flugzeug, das landet, und sage, dass dies die Maschine des deutschen Bundespräsidenten ist, der gerade den Papst besucht. Ich muss die Situation kommentieren, um dem Bild einen Sinn zu geben, der sich auf der Bildebene, so sie keinen leibhaftigen Bundespräsidenten zeigt, allein nicht erschließen lässt. Soweit so legitim. Woher aber nehme ich die Gewissheit, dass das Bild keine Attrappe ist, eine Attrappe, wie sie zum Beispiel ein Bankräuber von einem Tresorraum anfertigt und vor die Überwachungskamera hängt, um ungestört arbeiten zu können? Ohne Verschwörungstheorien das Wort zu reden (weil sie zu naheliegend sind), muss die Frage, warum Manches in unser Sichtfeld gelangt und Anderes nicht, moderne Menschen beschäftigen.

Kameraleute z.B., sind in der Regel nicht von krimineller Energie getrieben, aber immer zum Bildermachen verdonnert. Zum Anfertigen von Bildern, die uns etwas sagen, eine Botschaft unterstreichen sollen. Nicht selten wird dabei das gewählte Medium, in diesem Fall das Bild, selbst zur Botschaft. Beispiel: aufgebrachte Demonstranten verbrennen die Israelische Flagge. Oder: Vollbart tragende Männer posen mit Kalaschnikow. Es entsteht eine Art terror branding. Wir machen Bekanntschaft mit der Ästhetik des Terrors. Richtiger, aber für den kurzen Bericht untauglich: wir sehen nur eine (suggestions- und ausdrucksstarke) ästhetische Darbietung von vielen. Richtig wird sie damit nicht. Die Methode dahinter: Induktion. Naivität. Spannung. Ein Bild. Nicht selten eine Attrappe, bestenfalls eine Miniatur von Realität, neben vielen anderen. Das viele Andere gerät aus dem Blick, vor allem wenn sich das Eine permanent wiederholt. Induktion beats Deduktion. Bämm! Damit will ich nicht sagen, das Bilder von aufgebrachten Demonstranten, die eine Israelflagge verbrennen, grundsätzlich lügen. Sie sagen allerdings auch nicht mehr. Was gut für die Verwertungskriterien des Reutersdramas Nahost, und ein klarer Vorteil von branding ist, aber schlecht für alles Nichtkorporative.

Anderes Beispiel: Aufnahmen von Hochwasser. Sie erzählen uns kaum etwas über Mängel in der Stadtplanung, sondern zeigen narrativ vor allem auf die unerbittliche Gewalt der Natur. Nennt man Aufnahmen von ungewöhnlichen Flußpegeln nun eine Attrappe, soll das nicht heißen, dass der Produzent dieser Bilder dem Zuschauer bewusst etwas vormacht, sondern dass das Bild über etwas anderes hinwegtäuscht, zum Beispiel über die Gründe, wie es zu der Situation, die wir auf dem Bild sehen, gekommen ist. Es ist also eher eine Anlage in der Sache des Aufnehmens selbst. Fotografen und Filmemacher sind sich dessen sehr bewusst, denn sie wissen: wenn sie fokussieren, lassen sie etwas anderes weg.

Wer beispielsweise Bilder von langjährigen Krisengebieten produziert, greift zumindest im Geiste immer auch auf Bilder zurück, die sich als Modelle für eine bestimmte Form der Berichterstattung durchgesetzt haben (Stichwort Reutersdrama). Seit Jahrzehnten ähneln sich die Bilder aus dem Gaza-Streifen, und vor allem das Datum und die ästhetische Gestaltung der Nachrichtensendung helfen uns zwischen Aktuellem und Vergangenem zu unterscheiden. Dass die Kontinuität des Konflikts auch zu kontinuierlichen Mustern in der Berichterstattung führt, ist verständlich, nur verlieren die Bilder mit der Zeit auch ihre Kraft. Sie bewirken nichts mehr. Sie erhöhen gegebenenfalls die Spendenbereitschaft. Gewissensdienst per PayPal.

So what? What’s new? Defintiv eine spannende Frage, was man Neuheit, was man in Angelsachsen News und hierzulande Nachrichten nennt. Nachrichten, bestes alteuropäisch, klingt nach Aufklärung, Korrektur. News, klingt wunderbar amerikanisch, nach Innovation, Möglichkeit.

Wenn Nachrichtenbilder den Assoziationsraum einengen, und den Nachrichtenwert der Neuheit unterwandern, braucht es andere Bilder und Attrappen, die uns andere Facetten von bereits Bekanntem entdecken lassen. Spielfilme können eine Möglichkeit sein. Sie erschließen Räume, wo Dokumentarfilmer wegen großer Gefahren, wegen fehlenden Drehgenehmigungen oder wegen selbstauferlegter Genregrenzen nicht hinkommen. Spielfilme erschaffen Bilder für Gedanken, Gefühle, innere Konflikte.

Nachrichtenbilder, und das sind die häufigsten Bilder, die wir von der arabischen Welt empfangen, müssen in das Sendeformat passen und uns mit Informationen versorgen, die wir in aller Kürze handhaben können. Zusammengefasst führt das häufig zu dem Eindruck: im Nahen Osten nichts Neues, Arabisches Aufbegehren hin oder her. Spielfilmbilder müssen das nicht.

Laut Zensus 2010 leben in Tschechien keine 3000 Muslime. Trotzdem hat nahezu jeder Bewohner dieses Landes eine Meinung zum Islam, häufig keine Gute. Als eine heimische Supermarktkette kürzlich Fleisch Halal in sein Sortiment aufnahm, und dafür öffentlich warb, gab es prompt Proteste, wenn auch nur in der Facebook-Community, und ja, der Tierschutz spielte auch eine Rolle. Aber auch der derzeitige tschechische Präsident gibt zu denken, dass nicht jeder Muslim ein Terrorist, aber jeder Terrorist ein Muslim sei. Ach ja? Farbe bekennen ist ja richtig, aber muss es immer schwarz oder weiß sein? Man hört immer „Pro-Israel“ oder „Pro-Palestina“, manchmal sogar von politischen Versuchen einer Ein- bis Zweistaaten-Lösung. Wie wär’s denn mal mit der gegenseitigen Anerkennung des Menschenrechts? Wie wäre es, man näherte sich den Menschen und ihren Beweggründen auf Augenhöhe?

Das wäre was: Tage des Arabischen Films

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