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April 5, 2014 / jeschko

Hinter den Spiegeln // Fotografien Shirana Shahbazis im Prager Rudolfinum

Gleich beim Betreten der Kleinen Galerie des Prager Rudolfinums bietet sich dem Besucher ein ungewöhnliches Foto dar. Ein etwa acht Quadratmeter großes Stillleben auf pechschwarzem Grund hängt dort, arrangiert aus Zitronen, Muschelschalen und angeschnittenem Weißbrot. Dem ersten Eindruck und der relativen Unschärfe des Bildes nach, handelt es sich hier um ein niederländisches Gemälde des 17. Jahrhunderts. Aber welcher Fotograf fertigt eine mittelmäßige Aufnahme an und präsentiert sie dann im Großformat?

Der Fotograf ist eine Fotografin, sie heisst Shirana Shabazi, und die Unschärfe auf dem Bild hat einen Grund: wir sehen ein im Studio abfotografiertes Gemälde, das die Künstlerin zuvor in Auftrag gegeben hat. Zur Beantwortung der Frage, warum sie das macht, bedarf es eines Blicks in die Bilder- und Ideenwelt der Künstlerin. Die 1974 in Teheran geborene und heute in Zürich lebende Künstlerin bewegte sich zunächst im Genre der Reisefotografie, porträtierte formschöne Landschaften und Menschen im Alltag. Heute siedelt sie die Bilder dieser Schaffensphase nahe der Kitschgrenze an, betont aber, dass dieselbe zugrunde liegende Bildfaszination auch ihr heutiges Werk durchdringt. Ein konzeptionelleres Werk, das die Lust an Komposition und Form zelebriert – und auf wesentliche Motive reduziert.

Von figurativ und naturistisch über ausschnitthaft bis abstrakt: exemplarisch stehen die 18 unter dem Ausstellungstitel „Andererseits“ im Rudolfinum vereinten Bilder für eine Fotografie, die sich – wie man im Feuilletonsprech sagt – nach sich selbst befragt. Im Gegensatz zur Medientheorie, die funktionelle Fragen mit Blick auf die technischen Apparate beantwortet, laden Shahbazis Bilder jedoch zum Verweilen auf der Bildebene ein. Landschaftliche Formen und Panoramen des Außenraums werden in studiokompatible Miniaturen überführt. Wir sehen durchkomponierte Stillleben, ein in Grautönen strahlendes Gefieder, einen schillernden Kristall mit Fangarmen, Gebirgsreliefe in Schwarz-weiß und geometrisch angeordnete Farbmuster.

 

Inspiration für die Anfertigung ihrer übergroßen Stillleben sammelte Shahbazi in Teheran, wo handgemalte Werbeplakate aus Kostengründen üblich waren. Die mit der großformatigen Fotografie bereits im Eingangsbereich aufgeworfene Frage nach der Echtheit, ob es sich um ein Gemälde handelt oder um eine Fotografie, ist nur eine von Vielen, die beim Gang durch die Austellung aufkommt. So banal die Feststellung klingen mag: den Beweis, dass die Qualität eines Fotos mit der Auswahl des Motivs beginnt, führt Shirana Shahbazi so virtuos wie überzeugend. Der mit einem Frauenporträt bedruckte Stickteppich im hinteren Galerieraum behandelt schließlich die Digitalfotografie und deren kleinste Bildentität. Wie es für die Fotografie Bildpunkte braucht, benötigt es für die Verarbeitung visueller Eindrücke Zeit. Für die von David Korecký überarbeitete Version der von Urs Stahel kuratierten Ausstellung „Much Like Zero“ des Fotomuseums Winterthur sollte man sie sich nehmen.

Shirana Shahbazi: Andererseits, bis 3.6., Kleine Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12 – Prag 1), geöffnet: täglich außer montags und donnerstags 10 bis 17.30 Uhr, donnerstags bis 19.30 Uhr, Eintritt: 80 Kronen (ermässigt 50 Kronen), weitere Informationen über Ausstellung und Begleitprogramm unter http://www.galerierudolfinum.cz

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