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Mai 27, 2014 / jeschko

Industriekultur von Oberhausen bis Pennsylvania // Bernd und Hilla Becher in Prag

Ohne sie wäre der deutschsprachige Kulturkosmos um einige seiner wichtigsten Protagonisten ärmer. Die Rede ist von der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Mit ihr verbinden sich so berühmte Namen wie Heinrich Heine, Joseph Beuys und das Neanderthal. Unweit des Ruhrgebiets und des dichtesten Straßennetzes Deutschlands gelegen, wurde auch ihr angestammtes Liedgut um den Titel Autobahn der Düsseldorfer Popgruppe Kraftwerk erweitert.

Was hat das nun mit den 97 im Prager Rudolfinum ausgestellten Schwarz-Weiß-Fotografien Bernd und Hilla Bechers zu tun, die mit ihren minutiös abgelichteten Stahlhütten und Kohlebergwerken knapp 40 Jahre westeuropäische und nordamerikanische Industriekultur dokumentieren? Auch sie waren in Düsseldorf aktiv, haben in und außerhalb der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie an Deutschlands sozialem und künstlerischen Klimawandel mitgewirkt und ein schulemachendes, konzeptionelles Fotografieverständnis etabliert, das der „Neuen Sachlichkeit“ der 1920er und 30er Jahre nahesteht.

Kraftwerks „Autobahn“-Hit versteht sich hierbei erst auf den zweiten Blick als Interpretationshilfe des Becherschen Fotografiestils. Unbefriedigend, zu emotional und spaßorientiert erschien Kraftwerk das Bild vom coolen, autofahrenden, gar amerikanisierten Individuum, das zu aufgedrehter Gitarrenmusik lässig Zigarette raucht. Als deutschtypische Chiffre rückten sie das Sujet „Autobahn“ und die Sache in den Blick: von Kraftfahrzeugen befahren und von Radios beschallt, aber von Menschen unbelebt.

„Neue Sachlichkeit“ und alte Industrieanlagen

Eine konsequent sachbezogene Perspektive durchdringt auch das fotografische Werk der Industriearchäologen Becher. Als handele es sich um die dokumentarische Ansicht der Überreste einer vergangenen Kultur. Sehr vereinzelt auf Abbildungen auftauchende Menschen und Autos scheinen lediglich dazu zu dienen, die gigantischen Maßstäbe der zunehmend vom Fortschritt überholten Industrieanlagen zu verdeutlichen. Aufnahmen von Oberhausens Gutehöffnungshütte und der Zeche Concordia veranschaulichen wie Wohnhäuser und Straßen überragende Türme, Transportschächte und Stahlrohrsysteme sich zu urbanen Landschaften ausgeweitet haben. Hierbei mag sich Mancher an H.R. Gigers nachparadiesische Malerei erinnert fühlen – und wüsste man nichts von den Menschen im Pütt, wäre dies ein vorstellbares Ende der Welt. Die ins Bild gesetzten industrienahen Arbeitersiedlungen im südlichen Wales hingegen bieten – wie die seriell gefertigten Rohlinge der Hütten –  ein faszinierendes Panorama des Immergleichen. Ein Merkmal, das auch die ein oder andere Aufnahme des international beachteten Becher-Schülers Andreas Gursky kennzeichnet.

„Das Spannende des Themas liegt für uns in der Tatsache begründet, dass Gebäude, die im Prinzip dieselbe Funktion haben, in einer solchen Vielfalt unterschiedlicher Formen existieren“, so begründeten Bernd und Hilla Becher in der Vergangenheit ihr typologisches Fotografiekonzept. Auch die etwa DIN A3 großen Aufnahmen in Prags Rudolfinum machen deutlich, dass die Bechers Fotografie als Sprache verstanden haben, mit der sich Phänomene darstellen, systematisieren und vergleichen lassen. Neben der Einteilung in Stahlhütten und Zechen der Untersuchungsländer Deutschland, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien und den U.S.A. ließe sich die Ausstellung auch mit Begriffen wie Monumentalskulptur, Requiem, Sakralarchitektur und Landschaftsfotografie ordnen. Was die nüchtern sortierte Foto-Ausstellung ausmacht, ist: sie dokumentiert, zeigt und lässt sehen, ohne dem Betrachter gleich eine Deutung anzuempfehlen.

Zudem enthält die Fotoserie auch eine stille Referenz auf den Fotografen Andreas Feininger. Wie in Feiningers Porträt der Manhattener Skyline nahmen auch Bernd und Hilla Becher einen Friedhof und in einem weiteren Bild einen Autofriedhof mit in das Porträt einer amerikanischen Stahlhütte auf. Ein Anflug von Pathos trotz selbst verordneter „Neuer Sachlichkeit“ – oder eine Szene, wie sie nur in der Wirklichkeit spielt? Auf der Venedig-Biennale 1990 wurde dem Fotografen-Duo Becher der Preis für Skulptur verliehen und damit eine Wirkung über den Fotografiebereich hinaus bescheinigt. Abgesehen von der lästigen Frage der Disziplingrenzen ist das kaum verwunderlich, denn der geschulte Blick stellt wohl für die meisten Kunst- und Bewußtseinsformen die wesentliche Ressource dar.

In Siegen geboren, richtete Bernd Becher sein Augenmerk schon früh auf die Zechen und Hütten seiner Heimatregion, deren nunmehr historische Bedeutung sich bereits in den 1950er Jahren abzeichnete. Ein Thema, das den späteren Fotografieprofessor bis zu seinem Tod 2007 und seine Frau Hilla Becher bis heute nicht loslässt.

Kuratiert wird die Ausstellung von Heinz Liesbrock in Zusammenarbeit mit dem Josef-Albers-Museum Quadrat Bottrop.

Bernd & Hilla Becher: Kohlebergwerke. Stahlhütten., bis 3.6., Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12 – Prag 1), geöffnet: täglich außer montags und donnerstags 10 bis 17.30 Uhr, donnerstags bis 19.30 Uhr, Eintritt: 120 Kronen (ermässigt 70 Kronen), weitere Informationen über Ausstellung und Begleitprogramm unter www.galerierudolfinum.cz

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