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November 24, 2014 / jeschko

Im Nahen Osten nichts Neues? // Künstler der Region und Mittel(ost)europas beleuchten den Nahostkonflikt

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Was die Kuratorinnen Tamara Moyzes und Zuzana Štefková unter dem Ausstellungstitel Middle East Europe für das DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst zusammengetragen haben, fordert – nicht nur aus Anlass der kürzlich errungenen UN-Vollmitgliedschaft Palästinas – zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart des Nahost-Konflikts heraus. Insgesamt 42 Künstler aus Israel, Palästina, den Visegrád-Ländern, Deutschland und der Schweiz zeigen künstlerisch-politische, drastische und ironische Positionen, die von sehr unterschiedlichen Konflikterfahrungen geprägt sind – und ohne Massenmedien nicht denkbar wären.

Radovan Čerevkas Info-Grafik aus der Serie “Reutersdrama” macht deutlich, dass der Nahostkonflikt nicht nur seit Jahrzehnten je eigene Nachrichtendossiers besetzt, sondern zum komplexitätsreduzierenden Modell für die Konfliktberichterstattung überhaupt geworden ist. Dies wäre kaum eine Sache der politischen Kunst, wenn von solchen modellhaften Darstellungen nicht auch die weitere Meinungsbildung ausginge. Einen ganz ähnlichen Mechanismus beschreibt auch Ihab Jadallahs Kurzfilm “The Shooter”, demzufolge die Darstellungs- und Erzählformen des Western-Kinos mit den Inszenierungsabsichten des palästinensischen Friedenskämpfers zusammengehen. Jadallahs Aussage geht jedoch noch weiter: sämtliche Bewohner Palästinas seien Schauspieler in einer von internationalen Medienunternehmen gedrehten Dauernachrichtensendung.

Modell und Wirklichkeit

Auch die Ausstellung in Prags angesehener Kunsthalle versteht sich als ein Modell, und zwar für die politische Kunst. Politische Kunst wie das Video “Beyond Guilt”, das die in Alltag und Medien verbreitete Kriegsrhetorik selbst in erotischen Gesprächen unter israelischen Teenagern aufspürt, oder Yael Batamas Film über die fiktive Wiederansiedlung von drei Millionen Juden in Polen oder die dreiteilige Videoinstallation Jumana Mannas, die die ungeklärte Territorialfrage Palästinas aufgreift und auf poetische Weise mit dem Jenseits verbindet.

Eine zentrale, von den Kuratorinnen aufgeworfene Frage lautet: Wie korrespondiert die künstlerische Konfliktverarbeitung mit der Herkunft, mit persönlichen Erlebnissen und mit der Konfliktwahrnehmung durch die Massenmedien? Zwei so unterschiedliche Werke, wie die des Tschechen Ivan Voseckýs und der Israelis Yossi Attia und Itamar Rose veranschaulichen die These von der besonderen künstlerischen Standortabhängigkeit bei der Bearbeitung des Themas Nahostkonflikt. Während Vosecký sich 2009 einen Namen machte, in dem er in Hollywood-Manier an prominenter Stelle, über dem Prager Letna-Tunnel, den Schriftzug “Izrahell” an- und somit seinen Umut über die israelische Siedlungspolitik zum Ausdruck brachte, erörtert das israelische Duo vor laufender Kamera zusammen mit Einwohnern der palästinensischen Stadt Taybeh die Möglichkeiten eines gemeinsamen Jüdisch-Arabischen Staates – und eines gemeinsamen zukünftigen Sündenbocks.

Einen Höhepunkt hinsichtlich der optischen Darbietung stellt die bereits im israelischen Herzliya-Museum ausgestellte und daraufhin kontrovers diskutierte Installation “Kafka in Israel” des Berliner Künstlers Volker März dar. Seiner Fiktion zufolge starb Kafka nicht etwa 1924 in Prag an Tuberkulose, sondern emigrierte nach Palästina und führte mit dem Künstler einen jahrzehntelangen Briefwechsel, in dem er das globale Geschehen und die Geschichte Israels kommentiert. März vereint Literatur, Skulptur, Malerei, Fotografie, Film und Musik zu einem dissonanten und näher zu erforschenden Gesamtkunstwerk.

Middle East Europe, bis 20. April, DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst (Poupětova 1, Praha 7), geöffnet: Mi.-Fr. 11-19, Sa.-Mo. 10-18 Uhr, Eintritt 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), http://www.doxprague.org

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