Descartes‘ bessere Hälfte // Ein deutsch-tschechisches Ausstellungsprojekt erforscht den menschlichen Geist

Eine ungewöhnliche Zusammenschau der letzten 500 Jahre Kunst- und Wissenschaftsgeschichte erwartet den Besucher dieser Tage in der Mährischen Galerie Brünn. Neben den Porträts und Selbstporträts der Altmeister Dürer, Rembrandt und Cranach dem Älteren finden sich Gemälde des zeitgenössischen Surrealismus wie Václav Tikals “Angst” oder Klassiker der deutschen Romantik wie Casper David Friedrichs “Nordsee im Mondlicht”. Auf Kunststoffmodelle des menschlichen Schädels folgen Flachbildschirme, die Schwarz-Weiß-Filme über psychisch Kranke und neueste Computeranimationen der Hirnforschung zeigen. Was alle diese verschiedenen Ausstellungsstücke eint, ist die Absicht der Ausstellungsmacher Colleen M. Schmitz (Deutsches Hygiene-Museum Dresden) und Ladislav Kesner (Mährische Galerie Brünn), den menschlichen Geist als visuelles Phänomen erfahrbar zu machen.

“Geist” im Sinne von Psyche, Seele oder auch Gemüt, ist zwar ein in sämtlichen Bibliotheken der Welt beschriebener, aber unverändert schwer zu fassender Begriff, den nicht nur Theologen, Philosophen, Biologen und Psychologen sehr unterschiedlich auslegen. Die Auseinandersetzung mit ihm im Bildkosmos von Kunst und Wissenschaft zu suchen, stellt folglich einen nachvollziehbaren und vor allem benutzerfreundlichen Schritt dar. Bildwelten des Geistes (tschechischer Ausstellungstitel Obrazy mysli / Mysl v obrazech) greift zudem ein Thema auf, dessen Popularität sich vor allem mit den neuen Visualisierungsmöglichkeiten der Hirnforschung verbindet.

Ich sehe, also bin ich?

Durch die kulturgeschichtliche Einbettung der neuen Bildgebungsverfahren gelingt den Ausstellungsmachern eine interessante und notwendige Erweiterung der neurowissenschaftlichen Diskussion, die nebenbei auch der Befürchtung um die neue Berechenbarkeit des Menschen begegnet: auch Computertomogramme sind zunächst einmal Bilder, deren Bedeutung von der Interpretation eines Betrachters in einem bestimmten kultur-historischen Kontext abhängt. “Kognitive Autonomie und soziale Orientierung” hat der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Schmidt das genannt. Andernfalls wäre heute kaum zu verstehen, warum die anhand des Original-Modells Franz Josef Galls in der Ausstellung vertretene Phrenologie, zu deutsch Schädellehre, trotz ihres interessanten Ansatzes derart vermessene Theorien in die Welt tragen konnte. Doch trotz der Lehren aus den Irrungen bleibt die auf die heutige Situation gewendete Frage, was denn eigentlich mit einer Theorie passiert, wenn ihr Erfinder nun selbst über die diskreditierende Besonderheit – nicht mehr in der Schädel-, sondern – in der Hirnstruktur verfügt.

Das Senkblei für die Verarbeitung visueller Eindrücke zu begründungspflichtigen Konzepten, so auch der treffende Eintrag zum Begriff der Kognition im Psychologischen Glossar der Künstlerinnen Via Lewandowsky und Susanna Hahn, liegt im Hinterfragen des ersten Eindrucks und im Vollzug weniger beeindruckten Denkens. “Die Zähmung des Blicks” nennt das Schmidt. Folglich vermehrt die Ausstellung im beeindruckenden Brünner Pražák-Palast die Zahl der bekannten Bildwelten des Geistes nicht nur, sondern ordnet sie gleichberechtigt nebeneinander an.

Geist braucht Projektionsräume

Warum geistige Inhalte Projektionsräume brauchen, um sich auszudrücken, wie ein denkender Mensch assoziationsfähige Hirnpartitionen, wird zum anderen an den im Obergeschoss versammelten Werken der Landschaftsmalerei deutlich. Hierbei greift Zeněk Sklenářs kubistisch anmutende “Chinesische Landschaft” bereits in die Welt des Unkonkreten vor und zieht den Betrachter, nicht minder wie Casper David Friedrichs “Nordsee im Mondlicht”, in seinen Bann. Auch Šen Čons “Fischer” und Wu Cing Wongs “Unendliche Gedanken” zeugen von der Fertigkeit menschliche Stimmungen und Gemütslagen in gemalte Landschaften zu kleiden. Die mit dem Cello unterlegte Animation “brainscape” von Helga Griffiths überträgt dieses Stimmungsspiel auf ein zur Landschaft vergrößertes, per Kamerafahrt zu erkundenes Modell des menschlichen Gehirns. Und auch Andrew Carnies begehbare Diaprojektion “Magic Forest” macht aus den Baum- und Schichtstrukturen des Gehirns einen begehbaren, sich permanent erneuernden Raum.

Dass die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Kunst fließend sind, zeigt sich auch an den zahlreichen historischen Buchillustrationen und Zeichnungen, an den bahnbrechenden Mikrofotografien Camillo Golgis, dem Erfinder der Netzwerk-Theorie, und besonders an den anatomischen Skizzen Leonardo Da Vincis, die mit dieser Ausstellung erstmalig auch in Tschechien zu sehen sind. Zu der Zeit als Christopher Kolumbus in See stach, um Amerika zu entdecken, richtete Da Vinci den Blick ins Innere des Menschen und zeichnete seinen “Baum aller Nerven”.

Feuerwerk im Gehirn

Welche Würze ein gutes Kunstwerk aus relativ einfachen, aber wohldurchdachten Zutaten entwickeln kann, bescheinigt die Ton-Bild-Installation Daniel Margulies und Chris Sharps, die sich mit der Wirkung von Klassikmusik (Igor Starwinskys Frühlingsweihe) und Philosophie (Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft) auf das menschliche Gehirn befasst. Über 35 Minuten können Besucher einem per MRT (Magnetresonanztomografie) sichtbar gemachten und farbig leuchtenden Gehirn dabei zuschauen, in welchen Hirnzonen und in welcher Intensität es auf die zu hörenden Fanfaren und Satzkonstruktionen reagiert.

Bis es auf dem umgekehrten Weg möglich sein wird, Menschen per Ansteuerung ihrer Hirnbereiche Strawinsky und Kant nicht nur hören, sondern auch verstehen zu lassen, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Bildwelten des Geistes, bis 18.3. (Pražák Palast – Mährische Galerie Brünn, Husova 14), geöffnet: mittwochs bis sonntags 10-18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), http://www.moravska-galerie.cz, http://www.dhmd.de (Deutsches Hygiene Museum Dresden)

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Signalfeuer gegen das Vergessen // Museum Montanelli würdigt verfemte Kunst des 20. Jahrhunderts

Zwar weiß man heute, dass Künstler während des Nationalsozialismus aufgrund ihrer Herkunft, ihres Stils, ihrer politischen Überzeugung oder ihres Menschenbildes Berufsverbot hatten und für Abweichungen von der geltenden Doktrin nicht selten mit dem Leben bezahlten. Weniger bekannt ist jedoch, was aus jenen Werken geworden ist, die den nationalsozialistischen Bildersturm überstanden haben. Beschämt stellt man bei der Betrachtung der Exponate des Zentrums der verfolgten Künste des Solinger Kunstmuseums fest, dass die von den Nazis beanspruchte künstlerische Deutungshoheit, wie sie sich spätestens in der 1937er Ausstellung “Entartete Kunst” in Münchens Hofgarten-Arkaden ausdrückte, bis heute nachwirkt. Viele der damals verfemten Werke, die nicht vernichtet oder ins Ausland verkauft wurden, wurden nie wirklich rehabilitiert und sind damit auch wenig bekannt. Ausgehend von der Frage, warum es so gute Künstler gibt, von denen man gar nichts weiß, sind es vor allem Privatsammler wie Gerhard Schneider, aus dessen Sammlung ein Großteil der zu sehenden Exponate stammt, die dafür sorgen, dass vormals verfemte Künstler wieder in ihr Recht gesetzt werden.

Dem Anliegen ebendieser Rehabilitierung ist die neue Ausstellung im Museum Montanelli gewidmet. Insgesamt finden sich hier 68 der auf der Münchener Ausstellung von den Nazis diffamierten 118 Ausstellungsstücke wieder. Gerade die Künstlergeneration Mitteleuropas, die nach 1900 geboren wurde und sich vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten keinen Namen machen konnte, wird von den meisten Ausstellungsmachern bis heute weitesgehend übergangen. “Wir sind das einzige Institut”, so Rolf Jessewitsch vom Solinger Zentrum der verfolgten Künste, “das sich um diesen Teil der künstlerischen Zeitgeschichte kümmert.” Jessewitsch betont, was die Künstler neben ästhetischen und thematischen Merkmalen untereinander eint und für die Beleuchtung im außerdeutschen Kontext, und somit auch in Tschechien, interessant macht: ”Die Ausstellung zeigt, dass die Künstler dieser Zeit vernetzt waren. Die Künstler dieser Zeit hatten einen Nationalismusgedanken völlig überwunden.” Bildhauerin Milly Steger, eine Freundin der deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Avandgardistin des literarischen Expressionismus Else Lasker-Schüler, unterhielt beispielweise intensive Beziehungen nach Prag und Wien.

Auch wenn die Ausstellung sich nicht als historisch begreift, erhält der Besucher Antworten auf die Frage, wie Künstler den erlebten Wahnsinn künstlerisch umsetzten. Es zeigt sich, neben Meisterwerken von Carl Rabus und Eric Isenburger, die eindeutig in den Bildkosmos der Modernen Malerei und Druckgrafik gehören, dass die Betonung der Zeitgeschichte in Georg Netzbands Kohlezeichnungen und in Otto Herrmanns Lithographien die künstlerische Eigenständigkeit berührt. Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, gab Theodor W. Adorno zu denken. Für den heutigen Betrachter besitzen die im Museum Montanelli nachzuvollziehenden künstlerischen Bezüge zur menschenverachtenden Realität der Jahre 1933-1945 jedoch auch einen geschichtspädagogischen Wert, weil sie helfen, sich mit der Düsternis dieser Zeit zu konfrontieren.

Wie die wiederzuentdeckende Moderne Kunst in den 1930er Jahren zwischen Impressionismus und Neuer Sachlichkeit oszillierte, zeigt sich zudem an der Gegenüberstellung Otto Nagels “Berliner Straßenszene” und Teo Gebürschs “Berliner Gartenhäuser”. Die zur gleichen Zeit sehr verbreitete künstlerische Betätigung im Bereich Druckgrafik, die etwa zwei Drittel der Ausstellung ausmacht, erklärt der Solinger Museumsdirektor Jessewitz damit, dass sich Künstler hiermit “nicht nur gegen den Stil, sondern auch gegen die soziale Funktion von Kunst gestellt” haben. Dies bestätigt auch die vom deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin begründete Kunsttheorie, die der Reproduktionstechnik und der mit ihr assoziierten Kunstformen eine demokratische Funktion zuschreibt. Kunstwerke der Druckgrafik waren Flugblatt, Zeitung und Appell zugleich. Benjamin starb 1940 im spanischen Portbou auf der Flucht vor der Gestapo.

Dreams and Nightmares, bis 22.5., Museum Montanelli (Nerudova 13), geöffnet: dienstags bis samstags 12-18 Uhr, sonntags 12-16 Uhr, Eintritt 80 CZK (ermäßigt 40 CZK), www.muzeummontanelli.com

Technikgeschichte geteilt durch fünf // Nationales Technikmuseum zeigt einmalige Exponate

Das Herzstück des Museums, das Schaubergwerk der 1950er Jahre, wird zwar noch für einige Zeit Baustelle sein, die nun begehbaren, auf fünf Themenbereiche und -hallen aufgeteilten Sammlungen jedoch zeugen schon jetzt vom schier unerschöpflichen Erfindungsreichtum einer Gattung, die schon Max Scheler in seinem Buch „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ ins Auge gefasst und auf den Namen „Homo Faber“ getauft hat. Ob in der Architektur, der Reproduktionstechnik, bei der Vermessung des Weltalls oder der Transportation durch Raum und Zeit: das Museum zeigt die Entwicklung der Technik sowohl anhand der Sammlungen bedeutender Exponate als auch als eine Geschichte der Erweiterung menschlicher Fähigkeiten.

Die im obersten Stockwerk befindliche Ausstellungshalle „Architektur, Bauingenieurswesen und Industriedesign“, von der aus der Besucher eine erstklassige Aussicht auf das architektonische Freilichtmuseum schlechthin: die Prager Innenstadt hat, beleuchtet hierbei nicht nur historische Baustile, Designklassiker und stilbildende Verbindungstechniken, sondern widmet sich insbesondere in seinem Modellpark den modernen Bauformen, zum Beispiel des Funktionalismus. Erstmals zu sehen, ist das Original-Modell des tschechoslowakischen Pavillons aus dem Jahre 1958, der auf der Brüsseler Weltausstellung wegen seiner ästhetisch originell vorgetragenen Zukunftsvision aus Science und Fiction große Beachtung fand. Auch die Miniaturen einschlägiger Villen der klassischen Moderne zeugen von der Aktualität und der ungebrochenen Anziehungskraft dieser Epoche.

Im Vergleich zum etwas losen und willkürlich erscheinenden Aufbau dieses Ausstellungsteils überzeugt die verdunkelte Exposition „Astronomie und exakte Wissenschaften“ mit effektvoller Beleuchtung und einem klar gegliederten Vitrinengang. Schon der im Eingangsbereich, in kinderverträglicher Höhe und zum Anfassen aufgebahrte Meteorit sensibilisiert für die Magie, die die Vorstellung vom unendlichen Kosmos und die Werkzeuge seiner Entdeckung umgibt. Uralte Messinstrumente, vergilbte Globen und mit neuester Digitaltechnik projektierte Lehrfilme zeugen von der Sternenkunde als einer Wissenschaft mit Jahrtausende alter Tradition.

Dominieren in der Astronomie-Sammlung noch die Vorstellungen vom irgendwie unbegrenzten Raum, kommt der Ausflug in die analoge Welt der Druck- und Reproduktionstechnik einer Zeitreise gleich. Die massiven, gusseisernen und früher per Dampfmaschine angetriebenen Druckmaschinen vermitteln auch im Ruhezustand einen guten Eindruck von der Zeit, in der die Industrialisierung und mit ihr die Massenpresse sämtliche Lebens- und Arbeitsbereiche der Menschen erfasste – und einschwärzte.

Das gläserne Atelier und die historische Aufnahme des Pioniers Louis Daguerre in der Ausstellungshalle „Fotografie“ sowie die beeindruckende Verkehrshalle, in der einschlägige Originale und Oldtimer des Luft-, Straßen- und Eisenbahnverkehrs ausgestellt und zum Teil begehbar sind, bilden je nach Vorgehensweise den Beginn oder Endpunkt dieser sehenswerten Ausstellung.

Bei genauerer Betrachtung vermisst man zwar insgesamt eine zeitgemäße Einordnung des Verhältnisses von Technik, Umwelt und Mensch, den konsequenteren Bezug zur Jetzt-Zeit und auch eine Sicht auf den Entstehungskontext der Einzelexponate, die nicht beim Einzelautor und folglich beim Mythos des genialen Erfinders stehen bleibt. Dennoch bietet das Nationale Technikmuseum auf der Letná-Ebene Besuchern hinreichend Gelegenheit den Lauf der Technikgeschichte für eine Weile anzuhalten – und gemeinsam zu bestaunen.

Nationales Technikmuseum – Jahrhunderte menschlichen Erfindergeists in fünf einzigartigen Ausstellungen (Kostelní 42, Prag 7), geöffnet: Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 170 Kč, ermäßigt: 90 Kč, mehr unter www.ntm.cz

Krypten der Moderne // Das Ökotechnische Museum in Prag-Bubeneč

Beim Anblick des Mutterschiffs, dem Hauptgebäude der ehemaligen Abwasserreinigungsanlage in Bubeneč, fällt auf, dass seinen Erbauern kein reiner Funktionsbau vorschwebte als es um die Unterbringung der verschiedenen Klärstufen ging. Es muss ihnen bewusst gewesen sein, dass hier Geschichte geschrieben und das um 1900 modernste Klärwerk Europas gebaut wird. Ein solches Selbstbewusstsein widerspricht jedoch dem gewöhnlicherweise etwas demütigen Ingenieursgeist – lauert doch bereits der nächste Fehler im Detail.

Auch der in England geborene Konstrukteur Sir William Heerlein Lindley, der 1882 in Frankfurt am Main eine ähnlich wegweisende Anlage in Betrieb genommen hatte, entdeckte solche Details und nutzte die Fehleranalyse, um der Entsorgungswissenschaft einen lange Zeit uneingeholten Innovationsschub zu verpassen. Dass mit der wenige Jahre später in Bubeneč einsetzenden Elektrifizierung die meisten der überdimensionalen und surreal anmutenden Riemensysteme hinfällig wurden, liest sich heute als Fußnote in der Geschichte der vom Fortschritt überholten Anlage.

Die zwei funktionstüchtigen Dampfmaschinen wurden seit der Elektrifizierung lediglich für den Betrieb der Hochwasserpumpen eingesetzt. Heute bewegen sich ihre Kolben, Pleuel und Schwungräder nur noch zu Anschauungszwecken – insektenhaft mutet das Zusammenspiel von Gliedmaßen, Schmierung und Riemen an.

Sperrlich, aber effektvoll beleuchtete Wendeltreppen führen den Besucher in den unterirdischen Ostflügel. Hier wurde ankommendes Abwasser aus der Stadt genutzt, um ein meterhohes Wasserrad zum Drehen zu bringen. Dieses wiederum übertrug die Drehung auf einen Ventilator, mit dessen Sog der bestialische Gestank über den Klär- und Sammelbecken abgesaugt und in einen der beiden Backsteintürme abgeleitet wurde. Diese auch dem Laien einleuchtende, weil rein mechanische Form der Kraftübertragung findet sich in verschiedenen Anlagebereichen wieder – auch wenn die im Original Lindleys über Riemen erfolgte Kraftübertragung inzwischen gekappt ist.

In der unterirdischen Haupthalle, deren Wände von dem darüberliegenden Gebäude gehalten werden, liegen zwei der insgesamt drei mechanischen Klärstufen. Der zunächst manuell, später mit einem elektrisch betriebenen Rechenkamm beseitigte grobe Unrat wurde in einem ersten Klärgang aufgenommen und auf Schienenwaggons verladen. Hierbei handelte es sich um nicht weiter zu verarbeitbaren Restmüll – dem einzigen, den die gegen Ende der 1920er Jahre für 300.000 Prager zuständige Anlage auszusortieren hatte.

In einem zweiten Becken wurde der zu Boden gesunkene Sandschlamm abgepumpt und konnte nach dem Trocknen für die Bauwirtschaft verwendet werden. In den sich hieran anschließenden 90 Meter langen Sedimentationsbecken kamen die bis dahin im Wasser schwebenden Fäkalien zur Ruhe und konnten abgepumpt, auf Schiffe verladen und als Dung an die Landschaftwirtschaft verkauft werden. Hierin bestätigt sich, dass die Abwasserwirtschaft um 1900 für die dringend notwendige Verbesserung der Hygiene und die gewinnbringende Lösung von Entsorgungsproblemen bahnbrechend war.

Keineswegs lässt sich der Aufenthalt in den Katakomben des Museums jedoch auf den technischen Teil der Abwasserbeseitigung reduzieren. Vielmehr herrscht hier eine besondere Atmosphäre, die von den backsteinernen Tunnels und Schächten ausgeht. Hier wurden nicht einfach Stoffwechselendprodukte durch irgendwelche Becken und Kanäle geleitet. Der technischen Innovation entsprechend hat man auf eine aufwendige architektonische Form gesetzt, die sich, neben einem mehrdimensionalen Tunnelsystem, gemauerte Rundbögen als auch Simse leistet.

Wie den Kirchen oder Speichern der Backsteingotik mutet der Unterwelt etwas Sakrales an, deren Wirkung das Museum einmal jährlich durch den Verzicht auf elektrische Beleuchtung und das Aufstellen tausender Teelichter verstärkt. Wer wissen möchte, warum der vierte Teil von Mission Impossible unter anderem in den Mauern des Ökotechnischen Museums in Bubeneč gedreht wurde, sollte selbst einmal dort vorbeischauen.

www.ekotechnickemuseum.cz

Die Schärfung des Blicks // Fotografie-Klassiker Andreas Feininger in der Städtischen Galerie Prag

„Ich denke, dass ich in der Art und Weise, wie ich die Welt betrachte, mehr mit einem Wissenschaftler gemein habe als mit einem Künstler“, so zitiert die zur Zeit am Altstädter Ring gezeigte Retrospektive den Fotografen Andreas Feininger. Beim Gang durch die Ausstellungsräume, die die von Kurator Thomas Buchsteiner ausgewählten Werke aus dem Archiv des Friedrichshafener Zeppelin-Museums zeigen, wird deutlich, woher diese Einschätzung rührt. Es ist der unbedingte Wille zur Präzision, der die hier versammelten Schwarz-Weiss-Aufnahmen der 1920er bis 1980er Jahre als einmalige Dokumente der Zeitgeschichte und als Klassiker der Fotografie auszeichnet. Bekannt ist der Bauhausschüler Feininger vor allem durch die Aufnahmen der New Yorker Skyline der 1940er Jahre und durch das von ihm verfasste Lehrbuch „Die hohe Schule der Fotografie“ – bis heute ein Standardwerk des Fotografie. Dass er Fotograf geworden ist und heute in einem Atemzug mit dem Bauhaus-Pionier László Moholy-Nagy genannt wird, ist nicht selbstverständlich.

Der in den 1920er Jahren in Weimar und Zerbst zum Tischler und Architekten ausgebildete Sohn des Bauhauslehrers und Malers Lyonel Feininger hatte eigentlich andere Pläne. Auch wenn der junge Feininger die Fotografie schon früh für dokumentarische Zwecke genutzt und in der eigenen Dunkelkammer experimentiert hat, wurde aus dieser Leidenschaft erst später ein Beruf. Erst als seine Pläne in Hamburg als Architekt zu arbeiten nicht glücken wollten, beginnt der tagsüber als Schaufensterdekorateur arbeitende Feininger seine nächtlichen Streifzüge durch die Hamburger Speicherstadt. Die 1930/31 geschossenen Fotos, die neben den New-York-Aufnahmen die heutige Assoziation Feiningers mit dem Sujet der Stadt begründen, brillieren durch das gekonnte Spiel von Licht und Dunkelheit.

Über die Alltagswahrnehmung hinaus

Auch den kleinsten Lichtquellen vermochte Feininger hier höchste Wirkung zu entlocken und trotz der eingangs erwähnten wissenschaftlichen Einstellung zur Fotografie und den fotografierten Objekten, finden sich in der Ausstellung zahlreiche Beispiele, die ihre besondere Wirkung gerade dadurch erzielen, dass sie das Kunstvolle nicht gänzlich getilgt haben. Die nebelverhangene Skyline von Manhattan, die surreal anmutenden Schatten unter den Eisenbahntrassen von Harlem und ganz besonders Feiningers Naturaufnahmen entfalten ihre Wirkung irgendwo an der magischen Grenze zwischen dokumentarischer und künsterlischer Fotografie. Ein wichtiges Merkmal seines Werkes ist hierbei jedoch, dass die Magie von den Objekten selbst und nicht von der Manipulation des Fotografen ausgeht. Diese Sachlichkeit ist es, durch die in Feiningers Aufnahmen Städte zu Landschaften, Schatten zu Schleiern und Rückenwirbel zu monumentalen Skultpuren werden, ohne ins Poetische abzudriften. Feininger selbst sagt: „Die Silhouette einer großen Stadt kann wie das Werk eines Giganten erscheinen, ihre Wolkenkratzer wie Grabsteine eines prähistorischen Volkes.“ Beim Betrachten seiner Panoramen, die häufig auch durch ihre schiere statistische Qualität bestechen, wie zum Beispiel die von Menschenmassen bevölkerte Aufnahme von „Coney Island“ aus dem Jahre 1949, weiss der Besucher, was Feininger hiermit meint.

Gerade bei Feiningers Aufnahmen von industriellen Produktionsstätten, Kriegs- und anderem technischem Gerät tritt die Genialität seiner Arbeitsweise hervor, die nichts dem Zufall überlässt und Raum für die Projektionen des Betrachters lässt. So sind seine Aufnahmen nicht erzählend, sondern geben Einblicke in eine tendenziell wenig belebte, aber immer objekthafte Welt. Durch die in den 1940er Jahren gemachten Aufnahmen von den Fördertürmen eines kalifornisches Ölfelds und einer Produktionsstätte für Flugzeugpropeller vermittelt Feininger Einblicke in die visuelle Realität des vergangenen Industriezeitalters. Es entsteht der Eindruck, dass hier ein unabhängiger Standpunkt außerhalb der Geschichte, außerhalb der Massengesellschaft dieser Tage eingenommen wurde – auch das macht die Aufnahmen aus heutiger Sicht so interessant.

Wie auch Moholy-Nagy oder Karl Blossfeldt, der sich mit seinen „Urformen der Kunst“ in den Mikrokosmos der Blätter, Blüten und Halme begeben hat, um Vorbilder und Techniken für das Kunsthandwerk zu finden, liefern auch die hier zu sehenden Naturaufnahmen Feiningers erstaunliche Einblicke in die Beschaffenheit des Mikrokosmos. Einblicke, die auch in der heutigen Diskussion um die Verbindung von Natur und Technik nichts an Aktualität eingebüsst haben – und so auch nicht das Werk Andreas Feiningers.

Andreas Feininger „That’s Photography“

Staroměstské náměstí 13, Prag 1 (Altstadt), geöffnet: dienstags bis sonntags 10 bis 20 Uhr, Eintritt: 120 Kronen (ermäßigt 60 Kronen), www.ghmp.cz, 24. Juni bis 23. Oktober 2011

Im Nahen Osten nichts Neues? // Künstler der Region und Mittel(ost)europas beleuchten den Nahostkonflikt

> Madame Tussauds lässt grüßen: bettlägriger Ariel Scharon aus Wachs

Was die Kuratorinnen Tamara Moyzes und Zuzana Štefková unter dem Ausstellungstitel Middle East Europe für das DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst zusammengetragen haben, fordert – nicht nur aus Anlass der kürzlich errungenen UN-Vollmitgliedschaft Palästinas – zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart des Nahost-Konflikts heraus. Insgesamt 42 Künstler aus Israel, Palästina, den Visegrád-Ländern, Deutschland und der Schweiz zeigen künstlerisch-politische, drastische und ironische Positionen, die von sehr unterschiedlichen Konflikterfahrungen geprägt sind – und ohne Massenmedien nicht denkbar wären.

Radovan Čerevkas Info-Grafik aus der Serie “Reutersdrama” macht deutlich, dass der Nahostkonflikt nicht nur seit Jahrzehnten je eigene Nachrichtendossiers besetzt, sondern zum komplexitätsreduzierenden Modell für die Konfliktberichterstattung überhaupt geworden ist. Dies wäre kaum eine Sache der politischen Kunst, wenn von solchen modellhaften Darstellungen nicht auch die weitere Meinungsbildung ausginge. Einen ganz ähnlichen Mechanismus beschreibt auch Ihab Jadallahs Kurzfilm “The Shooter”, demzufolge die Darstellungs- und Erzählformen des Western-Kinos mit den Inszenierungsabsichten des palästinensischen Friedenskämpfers zusammengehen. Jadallahs Aussage geht jedoch noch weiter: sämtliche Bewohner Palästinas seien Schauspieler in einer von internationalen Medienunternehmen gedrehten Dauernachrichtensendung.

Modell und Wirklichkeit

Auch die Ausstellung in Prags angesehener Kunsthalle versteht sich als ein Modell, und zwar für die politische Kunst. Politische Kunst wie das Video “Beyond Guilt”, das die in Alltag und Medien verbreitete Kriegsrhetorik selbst in erotischen Gesprächen unter israelischen Teenagern aufspürt, oder Yael Batamas Film über die fiktive Wiederansiedlung von drei Millionen Juden in Polen oder die dreiteilige Videoinstallation Jumana Mannas, die die ungeklärte Territorialfrage Palästinas aufgreift und auf poetische Weise mit dem Jenseits verbindet.

Eine zentrale, von den Kuratorinnen aufgeworfene Frage lautet: Wie korrespondiert die künstlerische Konfliktverarbeitung mit der Herkunft, mit persönlichen Erlebnissen und mit der Konfliktwahrnehmung durch die Massenmedien? Zwei so unterschiedliche Werke, wie die des Tschechen Ivan Voseckýs und der Israelis Yossi Attia und Itamar Rose veranschaulichen die These von der besonderen künstlerischen Standortabhängigkeit bei der Bearbeitung des Themas Nahostkonflikt. Während Vosecký sich 2009 einen Namen machte, in dem er in Hollywood-Manier an prominenter Stelle, über dem Prager Letna-Tunnel, den Schriftzug “Izrahell” an- und somit seinen Umut über die israelische Siedlungspolitik zum Ausdruck brachte, erörtert das israelische Duo vor laufender Kamera zusammen mit Einwohnern der palästinensischen Stadt Taybeh die Möglichkeiten eines gemeinsamen Jüdisch-Arabischen Staates – und eines gemeinsamen zukünftigen Sündenbocks.

Einen Höhepunkt hinsichtlich der optischen Darbietung stellt die bereits im israelischen Herzliya-Museum ausgestellte und daraufhin kontrovers diskutierte Installation “Kafka in Israel” des Berliner Künstlers Volker März dar. Seiner Fiktion zufolge starb Kafka nicht etwa 1924 in Prag an Tuberkulose, sondern emigrierte nach Palästina und führte mit dem Künstler einen jahrzehntelangen Briefwechsel, in dem er das globale Geschehen und die Geschichte Israels kommentiert. März vereint Literatur, Skulptur, Malerei, Fotografie, Film und Musik zu einem dissonanten und näher zu erforschenden Gesamtkunstwerk.

Middle East Europe, bis 20. April, DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst (Poupětova 1, Praha 7), geöffnet: Mi.-Fr. 11-19, Sa.-Mo. 10-18 Uhr, Eintritt 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), http://www.doxprague.org

Dein Fernseher lügt // Retrospektive des Prager Künstlerkollektivs Jednotka in der Fotograf Gallery

> Öffentlichkeitswirksame Live-Übertragung aus einem Gebüsch: From the Bush, 1996.

Vermutlich treffen die aus menschlichem Kot geformten Schriftzeichen an der Wand der Fotograf Gallery nicht Jedermanns Geschmack. Angenehmerweise handelt es sich hierbei jedoch, wie beim Großteil der Ausstellungsobjekte, nur um eine Fotoserie, die einen Einblick in die Schaffensphase der Prager Künstlervereinigung Jednotka geben. Dass die dokumentierten Kunstaktionen der 1990er und frühen 00er Jahre sich ohnehin nicht in erster Linie an Schöngeister, sondern an die für Irritationen empfänglichen Gehirne von Durchschnittsbürgern richten, machen auch die Medien-Prothesen des wohl prominentesten Jednotka-Mitglieds Krištof Kintera deutlich.

Mr. TV bezeichnet den Hauptdarsteller einer Aktion aus dem Jahr 1998, in der ein Mensch den Kopf gegen einen Fernseher eingetauscht hat. Kintera hat hierfür einen Kofferfernseher so umgebaut, dass er über den Kopf gestülpt werden kann und zugleich das übliche Fernsehprogramm ausstrahlt. Passanten, die der fleischgewordenen Mattscheibe im öffentlichen Raum begegneten, konnten diese zudem nach Belieben umschalten. Was sich hier zunächst als gelungener Witz auf nervige Zeitgenossen und deren technologische Handhabung gebiert, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine beissende Kritik am allzu ungefilterten Medienkonsum eines allzu aufnahmebereiten Publikums.

Mit Humor und drastischen Mitteln der Überzeichnung auf das hinzuweisen, was oft unbemerkt bleibt in einer vom Fernsehen geprägten Kultur, zum Beispiel die unhinterfragte Einübung von Verhaltens- und Denkweisen, das ist eines der nicht durchweg lösungsorientierten Ziele von Jednotka. So ist auch die fekale Fotoserie nicht lediglich ein pseudo-anarchischer, ins Leere zeigender Gestus von auf Krawall gebürsteten Teenagern, sondern, im Gegenteil, ein aus anthropologischer Sicht völlig legitimer Versuch der Systematisierung eines kulturellen Phänomens – kulturell, weil es nicht die Scheiße selbst ist, die es zu dem macht, was sie ist, sondern der menschliche Umgang mit ihr. Angesichts der TV-Werbungen für Wasch- und sonstige Reinungsmittel, in denen die Welt in reinstem Weiß und ohne jeden Makel erstrahlt, scheint vielleicht nicht die Erinnerung an Stoffwechselendprodukte selbst interessant, aber die Erinnerung an die durch Werbung verdrängten Wirklichkeitsbereiche. Auf Umwegen schließen Jednotka damit auch an die surrealistische Tendenz in der modernen tschechischen Kunst an, indem sie das ausgraben und an die Oberfläche holen, was in den unbeobachteten Klärstufen des Oberstübchens gährt.

1994 versammelte Jednotka mit der Aktion The Bible 74 Personen in der Prager Fakultät für Rechtswissenschaft, um dort die Gründungslektüre des Christentums zu verlesen. Genau 15 Minuten dauerte die präzise synchronisierte und unangekündigt stattfindende Massenlesung, deren Zeitplan nicht zufällig an Warhols Diktum der 15 Minuten Berühmtheit erinnert. Würde die Erfolgsgeschichte der Bibel – das meistverkaufte Buch der Welt – seit jeher auf den Verwertungskriterien der Medienmoderne beruhen, gäbe es sie nicht. Zumindest ständen Bibelfans dem Dadaismus bedeutend näher als der christlichen Doktrin. Aber steht die Fusion von konzeptfreiem Dada und Bibel zu einem ausgewachsenen Mainstreamphänomen tatsächlich noch aus? Manche nennen das schlichtweg CDU.

Atmosphärisch signalisiert die in einem Alt-Prager-Hinterhof gelegene Fotograf Gallery, dass die hier ausgestellte Kunst ohne Scheinwerferlicht und samtene Teppiche auskommt. Wer sich dem personell keineswegs rigide konzipierten Kollektiv anschließen möchte, sollte sich dessen Kunstauffassung anschließen können: Mitglieder von Jednotka streben individuell und gemeinsam nach maximaler Realitätswahrnehmung, gefolgt von der Umsetzung – bis zum Schluss.

Jednotka: A.S.S.S. ABELLO, S.A., bis 25 Mai, Fotograf Gallery (Školská 28, Prag 1), geöffnet: dienstags bis freitags 12-18 Uhr, Eintritt frei, www.fotografgallery.cz