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Dezember 24, 2014 / jeschko

Dein Fernseher lügt // Retrospektive des Prager Künstlerkollektivs Jednotka in der Fotograf Gallery

> Öffentlichkeitswirksame Live-Übertragung aus einem Gebüsch: From the Bush, 1996.

Vermutlich treffen die aus menschlichem Kot geformten Schriftzeichen an der Wand der Fotograf Gallery nicht Jedermanns Geschmack. Angenehmerweise handelt es sich hierbei jedoch, wie beim Großteil der Ausstellungsobjekte, nur um eine Fotoserie, die einen Einblick in die Schaffensphase der Prager Künstlervereinigung Jednotka geben. Dass die dokumentierten Kunstaktionen der 1990er und frühen 00er Jahre sich ohnehin nicht in erster Linie an Schöngeister, sondern an die für Irritationen empfänglichen Gehirne von Durchschnittsbürgern richten, machen auch die Medien-Prothesen des wohl prominentesten Jednotka-Mitglieds Krištof Kintera deutlich.

Mr. TV bezeichnet den Hauptdarsteller einer Aktion aus dem Jahr 1998, in der ein Mensch den Kopf gegen einen Fernseher eingetauscht hat. Kintera hat hierfür einen Kofferfernseher so umgebaut, dass er über den Kopf gestülpt werden kann und zugleich das übliche Fernsehprogramm ausstrahlt. Passanten, die der fleischgewordenen Mattscheibe im öffentlichen Raum begegneten, konnten diese zudem nach Belieben umschalten. Was sich hier zunächst als gelungener Witz auf nervige Zeitgenossen und deren technologische Handhabung gebiert, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine beissende Kritik am allzu ungefilterten Medienkonsum eines allzu aufnahmebereiten Publikums.

Mit Humor und drastischen Mitteln der Überzeichnung auf das hinzuweisen, was oft unbemerkt bleibt in einer vom Fernsehen geprägten Kultur, zum Beispiel die unhinterfragte Einübung von Verhaltens- und Denkweisen, das ist eines der nicht durchweg lösungsorientierten Ziele von Jednotka. So ist auch die fekale Fotoserie nicht lediglich ein pseudo-anarchischer, ins Leere zeigender Gestus von auf Krawall gebürsteten Teenagern, sondern, im Gegenteil, ein aus anthropologischer Sicht völlig legitimer Versuch der Systematisierung eines kulturellen Phänomens – kulturell, weil es nicht die Scheiße selbst ist, die es zu dem macht, was sie ist, sondern der menschliche Umgang mit ihr. Angesichts der TV-Werbungen für Wasch- und sonstige Reinungsmittel, in denen die Welt in reinstem Weiß und ohne jeden Makel erstrahlt, scheint vielleicht nicht die Erinnerung an Stoffwechselendprodukte selbst interessant, aber die Erinnerung an die durch Werbung verdrängten Wirklichkeitsbereiche. Auf Umwegen schließen Jednotka damit auch an die surrealistische Tendenz in der modernen tschechischen Kunst an, indem sie das ausgraben und an die Oberfläche holen, was in den unbeobachteten Klärstufen des Oberstübchens gährt.

1994 versammelte Jednotka mit der Aktion The Bible 74 Personen in der Prager Fakultät für Rechtswissenschaft, um dort die Gründungslektüre des Christentums zu verlesen. Genau 15 Minuten dauerte die präzise synchronisierte und unangekündigt stattfindende Massenlesung, deren Zeitplan nicht zufällig an Warhols Diktum der 15 Minuten Berühmtheit erinnert. Würde die Erfolgsgeschichte der Bibel – das meistverkaufte Buch der Welt – seit jeher auf den Verwertungskriterien der Medienmoderne beruhen, gäbe es sie nicht. Zumindest ständen Bibelfans dem Dadaismus bedeutend näher als der christlichen Doktrin. Aber steht die Fusion von konzeptfreiem Dada und Bibel zu einem ausgewachsenen Mainstreamphänomen tatsächlich noch aus? Manche nennen das schlichtweg CDU.

Atmosphärisch signalisiert die in einem Alt-Prager-Hinterhof gelegene Fotograf Gallery, dass die hier ausgestellte Kunst ohne Scheinwerferlicht und samtene Teppiche auskommt. Wer sich dem personell keineswegs rigide konzipierten Kollektiv anschließen möchte, sollte sich dessen Kunstauffassung anschließen können: Mitglieder von Jednotka streben individuell und gemeinsam nach maximaler Realitätswahrnehmung, gefolgt von der Umsetzung – bis zum Schluss.

Jednotka: A.S.S.S. ABELLO, S.A., bis 25 Mai, Fotograf Gallery (Školská 28, Prag 1), geöffnet: dienstags bis freitags 12-18 Uhr, Eintritt frei, www.fotografgallery.cz

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