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Dezember 31, 2014 / jeschko

Signalfeuer gegen das Vergessen // Museum Montanelli würdigt verfemte Kunst des 20. Jahrhunderts

Zwar weiß man heute, dass Künstler während des Nationalsozialismus aufgrund ihrer Herkunft, ihres Stils, ihrer politischen Überzeugung oder ihres Menschenbildes Berufsverbot hatten und für Abweichungen von der geltenden Doktrin nicht selten mit dem Leben bezahlten. Weniger bekannt ist jedoch, was aus jenen Werken geworden ist, die den nationalsozialistischen Bildersturm überstanden haben. Beschämt stellt man bei der Betrachtung der Exponate des Zentrums der verfolgten Künste des Solinger Kunstmuseums fest, dass die von den Nazis beanspruchte künstlerische Deutungshoheit, wie sie sich spätestens in der 1937er Ausstellung “Entartete Kunst” in Münchens Hofgarten-Arkaden ausdrückte, bis heute nachwirkt. Viele der damals verfemten Werke, die nicht vernichtet oder ins Ausland verkauft wurden, wurden nie wirklich rehabilitiert und sind damit auch wenig bekannt. Ausgehend von der Frage, warum es so gute Künstler gibt, von denen man gar nichts weiß, sind es vor allem Privatsammler wie Gerhard Schneider, aus dessen Sammlung ein Großteil der zu sehenden Exponate stammt, die dafür sorgen, dass vormals verfemte Künstler wieder in ihr Recht gesetzt werden.

Dem Anliegen ebendieser Rehabilitierung ist die neue Ausstellung im Museum Montanelli gewidmet. Insgesamt finden sich hier 68 der auf der Münchener Ausstellung von den Nazis diffamierten 118 Ausstellungsstücke wieder. Gerade die Künstlergeneration Mitteleuropas, die nach 1900 geboren wurde und sich vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten keinen Namen machen konnte, wird von den meisten Ausstellungsmachern bis heute weitesgehend übergangen. “Wir sind das einzige Institut”, so Rolf Jessewitsch vom Solinger Zentrum der verfolgten Künste, “das sich um diesen Teil der künstlerischen Zeitgeschichte kümmert.” Jessewitsch betont, was die Künstler neben ästhetischen und thematischen Merkmalen untereinander eint und für die Beleuchtung im außerdeutschen Kontext, und somit auch in Tschechien, interessant macht: ”Die Ausstellung zeigt, dass die Künstler dieser Zeit vernetzt waren. Die Künstler dieser Zeit hatten einen Nationalismusgedanken völlig überwunden.” Bildhauerin Milly Steger, eine Freundin der deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Avandgardistin des literarischen Expressionismus Else Lasker-Schüler, unterhielt beispielweise intensive Beziehungen nach Prag und Wien.

Auch wenn die Ausstellung sich nicht als historisch begreift, erhält der Besucher Antworten auf die Frage, wie Künstler den erlebten Wahnsinn künstlerisch umsetzten. Es zeigt sich, neben Meisterwerken von Carl Rabus und Eric Isenburger, die eindeutig in den Bildkosmos der Modernen Malerei und Druckgrafik gehören, dass die Betonung der Zeitgeschichte in Georg Netzbands Kohlezeichnungen und in Otto Herrmanns Lithographien die künstlerische Eigenständigkeit berührt. Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, gab Theodor W. Adorno zu denken. Für den heutigen Betrachter besitzen die im Museum Montanelli nachzuvollziehenden künstlerischen Bezüge zur menschenverachtenden Realität der Jahre 1933-1945 jedoch auch einen geschichtspädagogischen Wert, weil sie helfen, sich mit der Düsternis dieser Zeit zu konfrontieren.

Wie die wiederzuentdeckende Moderne Kunst in den 1930er Jahren zwischen Impressionismus und Neuer Sachlichkeit oszillierte, zeigt sich zudem an der Gegenüberstellung Otto Nagels “Berliner Straßenszene” und Teo Gebürschs “Berliner Gartenhäuser”. Die zur gleichen Zeit sehr verbreitete künstlerische Betätigung im Bereich Druckgrafik, die etwa zwei Drittel der Ausstellung ausmacht, erklärt der Solinger Museumsdirektor Jessewitz damit, dass sich Künstler hiermit “nicht nur gegen den Stil, sondern auch gegen die soziale Funktion von Kunst gestellt” haben. Dies bestätigt auch die vom deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin begründete Kunsttheorie, die der Reproduktionstechnik und der mit ihr assoziierten Kunstformen eine demokratische Funktion zuschreibt. Kunstwerke der Druckgrafik waren Flugblatt, Zeitung und Appell zugleich. Benjamin starb 1940 im spanischen Portbou auf der Flucht vor der Gestapo.

Dreams and Nightmares, bis 22.5., Museum Montanelli (Nerudova 13), geöffnet: dienstags bis samstags 12-18 Uhr, sonntags 12-16 Uhr, Eintritt 80 CZK (ermäßigt 40 CZK), www.muzeummontanelli.com

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