Die Schärfung des Blicks // Fotografie-Klassiker Andreas Feininger in der Städtischen Galerie Prag

„Ich denke, dass ich in der Art und Weise, wie ich die Welt betrachte, mehr mit einem Wissenschaftler gemein habe als mit einem Künstler“, so zitiert die zur Zeit am Altstädter Ring gezeigte Retrospektive den Fotografen Andreas Feininger. Beim Gang durch die Ausstellungsräume, die die von Kurator Thomas Buchsteiner ausgewählten Werke aus dem Archiv des Friedrichshafener Zeppelin-Museums zeigen, wird deutlich, woher diese Einschätzung rührt. Es ist der unbedingte Wille zur Präzision, der die hier versammelten Schwarz-Weiss-Aufnahmen der 1920er bis 1980er Jahre als einmalige Dokumente der Zeitgeschichte und als Klassiker der Fotografie auszeichnet. Bekannt ist der Bauhausschüler Feininger vor allem durch die Aufnahmen der New Yorker Skyline der 1940er Jahre und durch das von ihm verfasste Lehrbuch „Die hohe Schule der Fotografie“ – bis heute ein Standardwerk des Fotografie. Dass er Fotograf geworden ist und heute in einem Atemzug mit dem Bauhaus-Pionier László Moholy-Nagy genannt wird, ist nicht selbstverständlich.

Der in den 1920er Jahren in Weimar und Zerbst zum Tischler und Architekten ausgebildete Sohn des Bauhauslehrers und Malers Lyonel Feininger hatte eigentlich andere Pläne. Auch wenn der junge Feininger die Fotografie schon früh für dokumentarische Zwecke genutzt und in der eigenen Dunkelkammer experimentiert hat, wurde aus dieser Leidenschaft erst später ein Beruf. Erst als seine Pläne in Hamburg als Architekt zu arbeiten nicht glücken wollten, beginnt der tagsüber als Schaufensterdekorateur arbeitende Feininger seine nächtlichen Streifzüge durch die Hamburger Speicherstadt. Die 1930/31 geschossenen Fotos, die neben den New-York-Aufnahmen die heutige Assoziation Feiningers mit dem Sujet der Stadt begründen, brillieren durch das gekonnte Spiel von Licht und Dunkelheit.

Über die Alltagswahrnehmung hinaus

Auch den kleinsten Lichtquellen vermochte Feininger hier höchste Wirkung zu entlocken und trotz der eingangs erwähnten wissenschaftlichen Einstellung zur Fotografie und den fotografierten Objekten, finden sich in der Ausstellung zahlreiche Beispiele, die ihre besondere Wirkung gerade dadurch erzielen, dass sie das Kunstvolle nicht gänzlich getilgt haben. Die nebelverhangene Skyline von Manhattan, die surreal anmutenden Schatten unter den Eisenbahntrassen von Harlem und ganz besonders Feiningers Naturaufnahmen entfalten ihre Wirkung irgendwo an der magischen Grenze zwischen dokumentarischer und künsterlischer Fotografie. Ein wichtiges Merkmal seines Werkes ist hierbei jedoch, dass die Magie von den Objekten selbst und nicht von der Manipulation des Fotografen ausgeht. Diese Sachlichkeit ist es, durch die in Feiningers Aufnahmen Städte zu Landschaften, Schatten zu Schleiern und Rückenwirbel zu monumentalen Skultpuren werden, ohne ins Poetische abzudriften. Feininger selbst sagt: „Die Silhouette einer großen Stadt kann wie das Werk eines Giganten erscheinen, ihre Wolkenkratzer wie Grabsteine eines prähistorischen Volkes.“ Beim Betrachten seiner Panoramen, die häufig auch durch ihre schiere statistische Qualität bestechen, wie zum Beispiel die von Menschenmassen bevölkerte Aufnahme von „Coney Island“ aus dem Jahre 1949, weiss der Besucher, was Feininger hiermit meint.

Gerade bei Feiningers Aufnahmen von industriellen Produktionsstätten, Kriegs- und anderem technischem Gerät tritt die Genialität seiner Arbeitsweise hervor, die nichts dem Zufall überlässt und Raum für die Projektionen des Betrachters lässt. So sind seine Aufnahmen nicht erzählend, sondern geben Einblicke in eine tendenziell wenig belebte, aber immer objekthafte Welt. Durch die in den 1940er Jahren gemachten Aufnahmen von den Fördertürmen eines kalifornisches Ölfelds und einer Produktionsstätte für Flugzeugpropeller vermittelt Feininger Einblicke in die visuelle Realität des vergangenen Industriezeitalters. Es entsteht der Eindruck, dass hier ein unabhängiger Standpunkt außerhalb der Geschichte, außerhalb der Massengesellschaft dieser Tage eingenommen wurde – auch das macht die Aufnahmen aus heutiger Sicht so interessant.

Wie auch Moholy-Nagy oder Karl Blossfeldt, der sich mit seinen „Urformen der Kunst“ in den Mikrokosmos der Blätter, Blüten und Halme begeben hat, um Vorbilder und Techniken für das Kunsthandwerk zu finden, liefern auch die hier zu sehenden Naturaufnahmen Feiningers erstaunliche Einblicke in die Beschaffenheit des Mikrokosmos. Einblicke, die auch in der heutigen Diskussion um die Verbindung von Natur und Technik nichts an Aktualität eingebüsst haben – und so auch nicht das Werk Andreas Feiningers.

Andreas Feininger „That’s Photography“

Staroměstské náměstí 13, Prag 1 (Altstadt), geöffnet: dienstags bis sonntags 10 bis 20 Uhr, Eintritt: 120 Kronen (ermäßigt 60 Kronen), www.ghmp.cz, 24. Juni bis 23. Oktober 2011

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Industriekultur von Oberhausen bis Pennsylvania // Bernd und Hilla Becher in Prag

Ohne sie wäre der deutschsprachige Kulturkosmos um einige seiner wichtigsten Protagonisten ärmer. Die Rede ist von der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf. Mit ihr verbinden sich so berühmte Namen wie Heinrich Heine, Joseph Beuys und das Neanderthal. Unweit des Ruhrgebiets und des dichtesten Straßennetzes Deutschlands gelegen, wurde auch ihr angestammtes Liedgut um den Titel Autobahn der Düsseldorfer Popgruppe Kraftwerk erweitert.

Was hat das nun mit den 97 im Prager Rudolfinum ausgestellten Schwarz-Weiß-Fotografien Bernd und Hilla Bechers zu tun, die mit ihren minutiös abgelichteten Stahlhütten und Kohlebergwerken knapp 40 Jahre westeuropäische und nordamerikanische Industriekultur dokumentieren? Auch sie waren in Düsseldorf aktiv, haben in und außerhalb der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie an Deutschlands sozialem und künstlerischen Klimawandel mitgewirkt und ein schulemachendes, konzeptionelles Fotografieverständnis etabliert, das der „Neuen Sachlichkeit“ der 1920er und 30er Jahre nahesteht.

Kraftwerks „Autobahn“-Hit versteht sich hierbei erst auf den zweiten Blick als Interpretationshilfe des Becherschen Fotografiestils. Unbefriedigend, zu emotional und spaßorientiert erschien Kraftwerk das Bild vom coolen, autofahrenden, gar amerikanisierten Individuum, das zu aufgedrehter Gitarrenmusik lässig Zigarette raucht. Als deutschtypische Chiffre rückten sie das Sujet „Autobahn“ und die Sache in den Blick: von Kraftfahrzeugen befahren und von Radios beschallt, aber von Menschen unbelebt.

„Neue Sachlichkeit“ und alte Industrieanlagen

Eine konsequent sachbezogene Perspektive durchdringt auch das fotografische Werk der Industriearchäologen Becher. Als handele es sich um die dokumentarische Ansicht der Überreste einer vergangenen Kultur. Sehr vereinzelt auf Abbildungen auftauchende Menschen und Autos scheinen lediglich dazu zu dienen, die gigantischen Maßstäbe der zunehmend vom Fortschritt überholten Industrieanlagen zu verdeutlichen. Aufnahmen von Oberhausens Gutehöffnungshütte und der Zeche Concordia veranschaulichen wie Wohnhäuser und Straßen überragende Türme, Transportschächte und Stahlrohrsysteme sich zu urbanen Landschaften ausgeweitet haben. Hierbei mag sich Mancher an H.R. Gigers nachparadiesische Malerei erinnert fühlen – und wüsste man nichts von den Menschen im Pütt, wäre dies ein vorstellbares Ende der Welt. Die ins Bild gesetzten industrienahen Arbeitersiedlungen im südlichen Wales hingegen bieten – wie die seriell gefertigten Rohlinge der Hütten –  ein faszinierendes Panorama des Immergleichen. Ein Merkmal, das auch die ein oder andere Aufnahme des international beachteten Becher-Schülers Andreas Gursky kennzeichnet.

„Das Spannende des Themas liegt für uns in der Tatsache begründet, dass Gebäude, die im Prinzip dieselbe Funktion haben, in einer solchen Vielfalt unterschiedlicher Formen existieren“, so begründeten Bernd und Hilla Becher in der Vergangenheit ihr typologisches Fotografiekonzept. Auch die etwa DIN A3 großen Aufnahmen in Prags Rudolfinum machen deutlich, dass die Bechers Fotografie als Sprache verstanden haben, mit der sich Phänomene darstellen, systematisieren und vergleichen lassen. Neben der Einteilung in Stahlhütten und Zechen der Untersuchungsländer Deutschland, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Großbritannien und den U.S.A. ließe sich die Ausstellung auch mit Begriffen wie Monumentalskulptur, Requiem, Sakralarchitektur und Landschaftsfotografie ordnen. Was die nüchtern sortierte Foto-Ausstellung ausmacht, ist: sie dokumentiert, zeigt und lässt sehen, ohne dem Betrachter gleich eine Deutung anzuempfehlen.

Zudem enthält die Fotoserie auch eine stille Referenz auf den Fotografen Andreas Feininger. Wie in Feiningers Porträt der Manhattener Skyline nahmen auch Bernd und Hilla Becher einen Friedhof und in einem weiteren Bild einen Autofriedhof mit in das Porträt einer amerikanischen Stahlhütte auf. Ein Anflug von Pathos trotz selbst verordneter „Neuer Sachlichkeit“ – oder eine Szene, wie sie nur in der Wirklichkeit spielt? Auf der Venedig-Biennale 1990 wurde dem Fotografen-Duo Becher der Preis für Skulptur verliehen und damit eine Wirkung über den Fotografiebereich hinaus bescheinigt. Abgesehen von der lästigen Frage der Disziplingrenzen ist das kaum verwunderlich, denn der geschulte Blick stellt wohl für die meisten Kunst- und Bewußtseinsformen die wesentliche Ressource dar.

In Siegen geboren, richtete Bernd Becher sein Augenmerk schon früh auf die Zechen und Hütten seiner Heimatregion, deren nunmehr historische Bedeutung sich bereits in den 1950er Jahren abzeichnete. Ein Thema, das den späteren Fotografieprofessor bis zu seinem Tod 2007 und seine Frau Hilla Becher bis heute nicht loslässt.

Kuratiert wird die Ausstellung von Heinz Liesbrock in Zusammenarbeit mit dem Josef-Albers-Museum Quadrat Bottrop.

Bernd & Hilla Becher: Kohlebergwerke. Stahlhütten., bis 3.6., Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12 – Prag 1), geöffnet: täglich außer montags und donnerstags 10 bis 17.30 Uhr, donnerstags bis 19.30 Uhr, Eintritt: 120 Kronen (ermässigt 70 Kronen), weitere Informationen über Ausstellung und Begleitprogramm unter www.galerierudolfinum.cz

Hinter den Spiegeln // Fotografien Shirana Shahbazis im Prager Rudolfinum

Gleich beim Betreten der Kleinen Galerie des Prager Rudolfinums bietet sich dem Besucher ein ungewöhnliches Foto dar. Ein etwa acht Quadratmeter großes Stillleben auf pechschwarzem Grund hängt dort, arrangiert aus Zitronen, Muschelschalen und angeschnittenem Weißbrot. Dem ersten Eindruck und der relativen Unschärfe des Bildes nach, handelt es sich hier um ein niederländisches Gemälde des 17. Jahrhunderts. Aber welcher Fotograf fertigt eine mittelmäßige Aufnahme an und präsentiert sie dann im Großformat?

Der Fotograf ist eine Fotografin, sie heisst Shirana Shabazi, und die Unschärfe auf dem Bild hat einen Grund: wir sehen ein im Studio abfotografiertes Gemälde, das die Künstlerin zuvor in Auftrag gegeben hat. Zur Beantwortung der Frage, warum sie das macht, bedarf es eines Blicks in die Bilder- und Ideenwelt der Künstlerin. Die 1974 in Teheran geborene und heute in Zürich lebende Künstlerin bewegte sich zunächst im Genre der Reisefotografie, porträtierte formschöne Landschaften und Menschen im Alltag. Heute siedelt sie die Bilder dieser Schaffensphase nahe der Kitschgrenze an, betont aber, dass dieselbe zugrunde liegende Bildfaszination auch ihr heutiges Werk durchdringt. Ein konzeptionelleres Werk, das die Lust an Komposition und Form zelebriert – und auf wesentliche Motive reduziert.

Von figurativ und naturistisch über ausschnitthaft bis abstrakt: exemplarisch stehen die 18 unter dem Ausstellungstitel „Andererseits“ im Rudolfinum vereinten Bilder für eine Fotografie, die sich – wie man im Feuilletonsprech sagt – nach sich selbst befragt. Im Gegensatz zur Medientheorie, die funktionelle Fragen mit Blick auf die technischen Apparate beantwortet, laden Shahbazis Bilder jedoch zum Verweilen auf der Bildebene ein. Landschaftliche Formen und Panoramen des Außenraums werden in studiokompatible Miniaturen überführt. Wir sehen durchkomponierte Stillleben, ein in Grautönen strahlendes Gefieder, einen schillernden Kristall mit Fangarmen, Gebirgsreliefe in Schwarz-weiß und geometrisch angeordnete Farbmuster.

 

Inspiration für die Anfertigung ihrer übergroßen Stillleben sammelte Shahbazi in Teheran, wo handgemalte Werbeplakate aus Kostengründen üblich waren. Die mit der großformatigen Fotografie bereits im Eingangsbereich aufgeworfene Frage nach der Echtheit, ob es sich um ein Gemälde handelt oder um eine Fotografie, ist nur eine von Vielen, die beim Gang durch die Austellung aufkommt. So banal die Feststellung klingen mag: den Beweis, dass die Qualität eines Fotos mit der Auswahl des Motivs beginnt, führt Shirana Shahbazi so virtuos wie überzeugend. Der mit einem Frauenporträt bedruckte Stickteppich im hinteren Galerieraum behandelt schließlich die Digitalfotografie und deren kleinste Bildentität. Wie es für die Fotografie Bildpunkte braucht, benötigt es für die Verarbeitung visueller Eindrücke Zeit. Für die von David Korecký überarbeitete Version der von Urs Stahel kuratierten Ausstellung „Much Like Zero“ des Fotomuseums Winterthur sollte man sie sich nehmen.

Shirana Shahbazi: Andererseits, bis 3.6., Kleine Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12 – Prag 1), geöffnet: täglich außer montags und donnerstags 10 bis 17.30 Uhr, donnerstags bis 19.30 Uhr, Eintritt: 80 Kronen (ermässigt 50 Kronen), weitere Informationen über Ausstellung und Begleitprogramm unter http://www.galerierudolfinum.cz