Descartes‘ bessere Hälfte // Ein deutsch-tschechisches Ausstellungsprojekt erforscht den menschlichen Geist

Eine ungewöhnliche Zusammenschau der letzten 500 Jahre Kunst- und Wissenschaftsgeschichte erwartet den Besucher dieser Tage in der Mährischen Galerie Brünn. Neben den Porträts und Selbstporträts der Altmeister Dürer, Rembrandt und Cranach dem Älteren finden sich Gemälde des zeitgenössischen Surrealismus wie Václav Tikals “Angst” oder Klassiker der deutschen Romantik wie Casper David Friedrichs “Nordsee im Mondlicht”. Auf Kunststoffmodelle des menschlichen Schädels folgen Flachbildschirme, die Schwarz-Weiß-Filme über psychisch Kranke und neueste Computeranimationen der Hirnforschung zeigen. Was alle diese verschiedenen Ausstellungsstücke eint, ist die Absicht der Ausstellungsmacher Colleen M. Schmitz (Deutsches Hygiene-Museum Dresden) und Ladislav Kesner (Mährische Galerie Brünn), den menschlichen Geist als visuelles Phänomen erfahrbar zu machen.

“Geist” im Sinne von Psyche, Seele oder auch Gemüt, ist zwar ein in sämtlichen Bibliotheken der Welt beschriebener, aber unverändert schwer zu fassender Begriff, den nicht nur Theologen, Philosophen, Biologen und Psychologen sehr unterschiedlich auslegen. Die Auseinandersetzung mit ihm im Bildkosmos von Kunst und Wissenschaft zu suchen, stellt folglich einen nachvollziehbaren und vor allem benutzerfreundlichen Schritt dar. Bildwelten des Geistes (tschechischer Ausstellungstitel Obrazy mysli / Mysl v obrazech) greift zudem ein Thema auf, dessen Popularität sich vor allem mit den neuen Visualisierungsmöglichkeiten der Hirnforschung verbindet.

Ich sehe, also bin ich?

Durch die kulturgeschichtliche Einbettung der neuen Bildgebungsverfahren gelingt den Ausstellungsmachern eine interessante und notwendige Erweiterung der neurowissenschaftlichen Diskussion, die nebenbei auch der Befürchtung um die neue Berechenbarkeit des Menschen begegnet: auch Computertomogramme sind zunächst einmal Bilder, deren Bedeutung von der Interpretation eines Betrachters in einem bestimmten kultur-historischen Kontext abhängt. “Kognitive Autonomie und soziale Orientierung” hat der Kommunikationswissenschaftler Siegfried Schmidt das genannt. Andernfalls wäre heute kaum zu verstehen, warum die anhand des Original-Modells Franz Josef Galls in der Ausstellung vertretene Phrenologie, zu deutsch Schädellehre, trotz ihres interessanten Ansatzes derart vermessene Theorien in die Welt tragen konnte. Doch trotz der Lehren aus den Irrungen bleibt die auf die heutige Situation gewendete Frage, was denn eigentlich mit einer Theorie passiert, wenn ihr Erfinder nun selbst über die diskreditierende Besonderheit – nicht mehr in der Schädel-, sondern – in der Hirnstruktur verfügt.

Das Senkblei für die Verarbeitung visueller Eindrücke zu begründungspflichtigen Konzepten, so auch der treffende Eintrag zum Begriff der Kognition im Psychologischen Glossar der Künstlerinnen Via Lewandowsky und Susanna Hahn, liegt im Hinterfragen des ersten Eindrucks und im Vollzug weniger beeindruckten Denkens. “Die Zähmung des Blicks” nennt das Schmidt. Folglich vermehrt die Ausstellung im beeindruckenden Brünner Pražák-Palast die Zahl der bekannten Bildwelten des Geistes nicht nur, sondern ordnet sie gleichberechtigt nebeneinander an.

Geist braucht Projektionsräume

Warum geistige Inhalte Projektionsräume brauchen, um sich auszudrücken, wie ein denkender Mensch assoziationsfähige Hirnpartitionen, wird zum anderen an den im Obergeschoss versammelten Werken der Landschaftsmalerei deutlich. Hierbei greift Zeněk Sklenářs kubistisch anmutende “Chinesische Landschaft” bereits in die Welt des Unkonkreten vor und zieht den Betrachter, nicht minder wie Casper David Friedrichs “Nordsee im Mondlicht”, in seinen Bann. Auch Šen Čons “Fischer” und Wu Cing Wongs “Unendliche Gedanken” zeugen von der Fertigkeit menschliche Stimmungen und Gemütslagen in gemalte Landschaften zu kleiden. Die mit dem Cello unterlegte Animation “brainscape” von Helga Griffiths überträgt dieses Stimmungsspiel auf ein zur Landschaft vergrößertes, per Kamerafahrt zu erkundenes Modell des menschlichen Gehirns. Und auch Andrew Carnies begehbare Diaprojektion “Magic Forest” macht aus den Baum- und Schichtstrukturen des Gehirns einen begehbaren, sich permanent erneuernden Raum.

Dass die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Kunst fließend sind, zeigt sich auch an den zahlreichen historischen Buchillustrationen und Zeichnungen, an den bahnbrechenden Mikrofotografien Camillo Golgis, dem Erfinder der Netzwerk-Theorie, und besonders an den anatomischen Skizzen Leonardo Da Vincis, die mit dieser Ausstellung erstmalig auch in Tschechien zu sehen sind. Zu der Zeit als Christopher Kolumbus in See stach, um Amerika zu entdecken, richtete Da Vinci den Blick ins Innere des Menschen und zeichnete seinen “Baum aller Nerven”.

Feuerwerk im Gehirn

Welche Würze ein gutes Kunstwerk aus relativ einfachen, aber wohldurchdachten Zutaten entwickeln kann, bescheinigt die Ton-Bild-Installation Daniel Margulies und Chris Sharps, die sich mit der Wirkung von Klassikmusik (Igor Starwinskys Frühlingsweihe) und Philosophie (Immanuel Kants Kritik der Urteilskraft) auf das menschliche Gehirn befasst. Über 35 Minuten können Besucher einem per MRT (Magnetresonanztomografie) sichtbar gemachten und farbig leuchtenden Gehirn dabei zuschauen, in welchen Hirnzonen und in welcher Intensität es auf die zu hörenden Fanfaren und Satzkonstruktionen reagiert.

Bis es auf dem umgekehrten Weg möglich sein wird, Menschen per Ansteuerung ihrer Hirnbereiche Strawinsky und Kant nicht nur hören, sondern auch verstehen zu lassen, wird es wohl noch eine Weile dauern.

Bildwelten des Geistes, bis 18.3. (Pražák Palast – Mährische Galerie Brünn, Husova 14), geöffnet: mittwochs bis sonntags 10-18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), http://www.moravska-galerie.cz, http://www.dhmd.de (Deutsches Hygiene Museum Dresden)

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Im Nahen Osten nichts Neues? // Künstler der Region und Mittel(ost)europas beleuchten den Nahostkonflikt

> Madame Tussauds lässt grüßen: bettlägriger Ariel Scharon aus Wachs

Was die Kuratorinnen Tamara Moyzes und Zuzana Štefková unter dem Ausstellungstitel Middle East Europe für das DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst zusammengetragen haben, fordert – nicht nur aus Anlass der kürzlich errungenen UN-Vollmitgliedschaft Palästinas – zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart des Nahost-Konflikts heraus. Insgesamt 42 Künstler aus Israel, Palästina, den Visegrád-Ländern, Deutschland und der Schweiz zeigen künstlerisch-politische, drastische und ironische Positionen, die von sehr unterschiedlichen Konflikterfahrungen geprägt sind – und ohne Massenmedien nicht denkbar wären.

Radovan Čerevkas Info-Grafik aus der Serie “Reutersdrama” macht deutlich, dass der Nahostkonflikt nicht nur seit Jahrzehnten je eigene Nachrichtendossiers besetzt, sondern zum komplexitätsreduzierenden Modell für die Konfliktberichterstattung überhaupt geworden ist. Dies wäre kaum eine Sache der politischen Kunst, wenn von solchen modellhaften Darstellungen nicht auch die weitere Meinungsbildung ausginge. Einen ganz ähnlichen Mechanismus beschreibt auch Ihab Jadallahs Kurzfilm “The Shooter”, demzufolge die Darstellungs- und Erzählformen des Western-Kinos mit den Inszenierungsabsichten des palästinensischen Friedenskämpfers zusammengehen. Jadallahs Aussage geht jedoch noch weiter: sämtliche Bewohner Palästinas seien Schauspieler in einer von internationalen Medienunternehmen gedrehten Dauernachrichtensendung.

Modell und Wirklichkeit

Auch die Ausstellung in Prags angesehener Kunsthalle versteht sich als ein Modell, und zwar für die politische Kunst. Politische Kunst wie das Video “Beyond Guilt”, das die in Alltag und Medien verbreitete Kriegsrhetorik selbst in erotischen Gesprächen unter israelischen Teenagern aufspürt, oder Yael Batamas Film über die fiktive Wiederansiedlung von drei Millionen Juden in Polen oder die dreiteilige Videoinstallation Jumana Mannas, die die ungeklärte Territorialfrage Palästinas aufgreift und auf poetische Weise mit dem Jenseits verbindet.

Eine zentrale, von den Kuratorinnen aufgeworfene Frage lautet: Wie korrespondiert die künstlerische Konfliktverarbeitung mit der Herkunft, mit persönlichen Erlebnissen und mit der Konfliktwahrnehmung durch die Massenmedien? Zwei so unterschiedliche Werke, wie die des Tschechen Ivan Voseckýs und der Israelis Yossi Attia und Itamar Rose veranschaulichen die These von der besonderen künstlerischen Standortabhängigkeit bei der Bearbeitung des Themas Nahostkonflikt. Während Vosecký sich 2009 einen Namen machte, in dem er in Hollywood-Manier an prominenter Stelle, über dem Prager Letna-Tunnel, den Schriftzug “Izrahell” an- und somit seinen Umut über die israelische Siedlungspolitik zum Ausdruck brachte, erörtert das israelische Duo vor laufender Kamera zusammen mit Einwohnern der palästinensischen Stadt Taybeh die Möglichkeiten eines gemeinsamen Jüdisch-Arabischen Staates – und eines gemeinsamen zukünftigen Sündenbocks.

Einen Höhepunkt hinsichtlich der optischen Darbietung stellt die bereits im israelischen Herzliya-Museum ausgestellte und daraufhin kontrovers diskutierte Installation “Kafka in Israel” des Berliner Künstlers Volker März dar. Seiner Fiktion zufolge starb Kafka nicht etwa 1924 in Prag an Tuberkulose, sondern emigrierte nach Palästina und führte mit dem Künstler einen jahrzehntelangen Briefwechsel, in dem er das globale Geschehen und die Geschichte Israels kommentiert. März vereint Literatur, Skulptur, Malerei, Fotografie, Film und Musik zu einem dissonanten und näher zu erforschenden Gesamtkunstwerk.

Middle East Europe, bis 20. April, DOX Zentrum für zeitgenössische Kunst (Poupětova 1, Praha 7), geöffnet: Mi.-Fr. 11-19, Sa.-Mo. 10-18 Uhr, Eintritt 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), http://www.doxprague.org

Im Hindernisparcour der Kunst // Ein Treffen mit Krištof Kintera (der vor Kurzem den tschechischen Kunstpreis „Persönlichkeit des Jahres“ erhalten hat)

Ausgerüstet mit Stichsäge und Aluminiumprofilen bewegt sich ein Handwerkstrupp durchs Treppenhaus der Stadtbücherei Prag. Es sind die Vorbereitungen für Krištof Kinteras Solo-Ausstellung, die in diesen Tagen für vermehrtes Material- und Personenaufkommen sorgen, am Altstädter Marienplatz Nummer eins. Zwischen den Stockwerken kommen die Blaumänner zum stehen. Die Plastiktüte eines Obdachlosen, der sich hier aufgewärmt hat, ist beim Abgang am Geländer aufgerissen. Deren Inhalt liegt nun über sämtliche Stufen verteilt. Vor sich hin murmelnd, liest der etwa 60-Jährige ein paar dreckige Kleidungsstücke auf, steckt sie zurück in die Tüte und verschwindet in die klirrende Kälte, hinaus auf die Straße.

Dorthin, wo auch prominentere Werke des 38-jährigen Krištof Kintera zuhause sind. Für seine zum Gedenkobjekt umfunktionierte Straßenlampe, mit dem Titel “Willensprobe – Memento Mori”, an der Nuslebrücke im Prager Folimanka Park, wurde Kintera nun mit dem Kunstpreis “Persönlichkeit des Jahres 2011” geehrt. Seit 10 Jahren wird der auf die Initiative des Egerer Stadtgaleriedirektors Marcel Fiser zurückgehende Preis vergeben. Dass die Installation die zehnköpfige, vom Magazin Art & Antique und dem Kunstportal artalk.cz ernannte Fachjury überzeugt hat, liegt vor allem an ihrer gesellschaftlichen Relevanz, thematisiert sie doch ein trauriges und weitgehend verdrängtes Kapitel des Prager Alltags. Schätzungen zufolge haben sich seit 1973, dem Jahr der Errichtung der Brücke im Prager Stadtteil Nusle, 200 bis 300 Menschen durch den Sprung in die Tiefe das Leben genommen.

“Es ist positiv, dass eine Realisation im öffentlichen Raum gewonnen hat. Kinteras Statue ist sehr interessant und wichtig, weil sie auf das Problem des Prager Monuments verweist”, so Jurymitglied Hana Rousová. Für welche künstlerischen Zwecke sich die üblicherweise rigide an Straßenverläufe angepasste Straßenbeleuchtung eignet, hat Kintera schon vor Jahren im holländischen Tiburg für sich entdeckt, wo er eine handelsübliche Straßenlampe zum Spotlight einer Heiligenstatue umbaute.


Ohne das Einverständnis der Behörden wären Kinteras Installationen jedoch nicht von großer Dauer. “Das war auch das größte Problem mit der Installation in Nusle”, so Kintera. “Ohne meine persönliche Bekanntschaft zu einer Person in der Stadtverwaltung hätte das nicht geklappt.” Die Grenzen des Erlaubten zu testen und die der Kunst zu erweitern, gehört fest zu Kinteras künstlerischem Selbstverständnis, was sich auch während der Vorbereitungen zu seiner Ausstellung in der Prager Stadtbücherei zeigt. Dankbar, aber unbeeindruckt von der Größe und Qualität des Ausstellungsraums, verlangt Kintera von der Galerieverwaltung einen hinter Rigipswänden verborgenen Korridor für Besucher zugänglich zu machen. Um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, hat er bereits mit dem Hammer ein Loch in die Wand geschlagen.

“Hier möchte ich einen Durchbruch machen, aber vor einigen Tagen war ein Sicherheitsbeauftragter von der Stadt da und hat Bedenken angemeldet. Der hat auch gefragt, ob ich ein Sicherheitszertifikat für meine Kunstwerke habe.” Kintera grinst für einen Moment, macht aber sofort deutlich, dass es ihm ernst ist. Ihn jetzt mit Sicherheitsbedenken zu konfrontieren sei absurd, weil die Galerie schon lange wüsste, dass er zum Beispiel ein unter 50 000 Volt Spannung stehendes Werk ausstellen werde. Ganz so kompromisslos wolle er sich jedoch nicht zeigen. “Wir werden eine Lösung finden, notfalls sperren wir einen Seitenraum ab, den Besucher dann zwar nicht betreten, aber anschauen können.” Ein Sicherheitszertifikat für Kunstwerke zu verlangen, klingt tatsächlich etwas restriktiv. Zugleich scheint Kintera jedoch gerade solche Bedenken und Einwände als Ansporn und Legitimierung für seine künstlerischen Sonderwege zu nutzen.

Kintera, der zur den erfolgreichsten Künstlern Tschechiens zählt und unter anderem an “Entropa”, David Černýs skandalösem Werk für die tschechische EU-Ratspräsidentschaft 2009, beteiligt war, betont seine Unabhängigkeit. “Wenn ich in der Ausstellung auf bestimmte Werke aus Sicherheitsgründen verzichten soll, dann werden wir meine Sachen hier wieder abtransportieren, dann war’s das. Ich brauche diese Ausstellung nicht.” Kintera zeigt auf eine aus Blei gefertigte Kabine, die während der Ausstellung das Zuhause seiner Filmfigur “Plumbuman” (zu deutsch Klempnermann) sein wird: “Was kann ich dafür, wenn jemand mit seiner Zunge überprüfen will, wie die Bleiverkleidung schmeckt? Das ist nicht mein Problem.”

Schon 1996 kommentierte Kintera das gängige Anfassverbot in Galerien und Museen mit seinem Werk “Do not touch”, drei in den Betonboden eingelassene Kreissägen, deren Sägeblätter bedrohlich und ohne jede Schutzvorrichtung rotierten. Für die Ausstellung in der Stadtbücherei hat er sich vorgenommen den Eingangsbereich umzubauen. “Normalerweise kommt man hier durch die Eingangstür und schluckt erstmal, weil die Stimmung so gedämpft ist, rechts der Bezahltresen, vorne das Wachpersonal. Um das zu ändern werden wir die Decke etwas abhängen und einen für Prag typischen, vietnamesischen Kaufladen nachbauen, durch den sich der Besucher ersteinmal durchzwängen muss.”

Fast wäre Kintera Berufsathlet geworden, Hürdenläufer. Das war ihm jedoch zu langweilig. Hürden zu suchen und dann zu überwinden, hat sich jedoch auch als Motiv für sein künstlerisches Schaffen bewährt. Für den Fall, dass der Sicherheitsbeauftragte ernst machen und tatsächlich Ausstellungsstücke verbieten will, hat er bereits vorgesorgt. Schmunzelnd deutet Kintera auf einen über vier Meter hohen, aus Straßenlampen gefertigten Kronleuchter: “Hier in dem Stahlrohr haben wir einen 100-Kronen-Schein deponiert. Nicht viel, aber die Geste zählt.”

Krištof Kintera – Ergebnisse der Analyse, 29.2. bis 13.5., Galerie der Hauptstadt Prag (Stadtbücherei, 2. Stock, Mariánské náměstí 1, Eingang Valentinská), geöffnet: täglich 10-18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), www.ghmp.cz, www.kristofkintera.com

> find the fast-and-humpy-translated english version below:

In the obstacle course of arts // A Meeting with Krištof Kintera – Czech Republic’s art personality of the year 2011

Equipped with a jigsaw and aluminum profiles, a group of handcrafts moves through the stairway of the Prague Municipal Library. Where the preparations for Kristof Kinteras solo exhibition take place these days, providing increased material and passenger traffic, at the Old Town Maria Square number one. Between the floors the group of Blue Men stops. The plastic bag of a homeless man who has warmed himself here, torned open while passing the stair-rail. The content is now distributed across the stairs. Muttering to himself, the about 60-year-old collects his clothes, puts them back into the bag and disappears into the bitter cold, out to the streets.

To where also prominent works of the 38-year-old Kristof Kintera have their existence. For his to a memorial converted street lamp, with the title „Of One’s Own Volition – Memento Mori“, at the Nusle Bridge in Prague’s Folimanka Park, Kintera was now been honored with the Art Award „Personality of the Year 2011“. Going back to the initiative of Cheb’s Municipal Gallery Director Marcel Fiser the prize has been awarded for already 10 years. That the installation convinced the ten jury members, appointed by the magazine Art & Antique and the Art Portal artalk.cz, is also because of its social relevance, focussing on a sad and largely repressed chapter of Prague’s daily life. It is estimated that since 1973, the year of construction of the bridge in Prague Nusle, 200 to 300 people took their lifes by jumping to the depth.

„It is positive that a realization has won in the public domain. Kinteras statue is very interesting and important because it points to the problem of the Prague monument”, says jury member Hana Rousová. Kintera already proved the usually rigidly road course following streetlamp as a means for artistic purposes several years ago in the Dutch city of Tilburg, where he modified a street lamp into a Spotlight of a saint statue.

Without the consent of the authorities Kinteras installations were not of great duration. „That has also been the biggest problem with the installation in Nusle“ says Kintera. „Without my personal acquaintance with a person in the city government it would not have worked out.“ To test the limits of what is permissible and to expand the limitis of art, is part of Kinteras self-understanding, which can be recognized also during the preparations for his exhibition at the Prague Municipal Library. Thankfully, however, unimpressed by the size and quality of the exhibition space, Kintera requires the management of the gallery to make a hidden corridor behind plasterboard walls accessible for visitors. In order to emphasize his desire, he already made a hole in the wall.

Testing and expanding the limits of arts

„Here I would like to make a breakthrough, but a few days ago, a security officer was here, and raised concerns. He also asked if I have a safety certificate for my art works.“ Kintera smiles for a moment, but immediately makes sure that it’s serious. To confront him with safety concerns now is absurd, because the gallery knows for a long time that he would also issue a 50 000 volt art work. Nonetheless he shows openess towards a compromise: „We will find a solution, if necessary, we will block off a side room, then the visitor can not enter, but watch.“ To require a safety certificate for works of art, sounds, politely said, restrictive. At the same time Kintera uses such concerns and objections as an incentive and legitimacy for his specific artistic ways.

Kintera, who is one of the most successful artists in the Czech Republic and was also envolved in „Entropa,“ David Cerny’s scandalous art work for the Czech EU Presidency in 2009, emphasizes his independence. „If I should be forced to abandon certain works from the exhibition for security reasons, then we’ll move my stuff away form here, and that’s it. I don’t need this exhibition.“ Kintera points to a cabin made of lead, which will be the home of his character invention „Plumbuman“ during the exhibition. „What can I do if someone wants to check with his tongue, how the lead lining tastes? That’s not my problem.“

Back in 1996 Kintera commented gallery and museum conventions with his work „Do not touch“, three concrete embedded buzzsaws, which blades rotated threatening and without any protective device. For the exhibition at the public library, he wants to remodel the entrance area. „Usually you step in and directly have to swallow, because it’s so subdued – the payment counter on the right, the guards in front. To change this we will lower the ceiling and rebuild a Prague typical Vietnamese grocery store, through which the visitor will have to pass through.“

When he was young Kintera would have almost become a professional athlete. Thanks god he didn’t. To seek and overcome obstacles has nonetheless also become a motive for his artistic work. If the security officer unsheathes and wants to prohibit exhibition pieces, Kinteras team is prepared. Pointing to a four meters high chandelier made of street lamps Kintera says: „Here in the top of the steel tube, we have deposited a 100-Crown note. Not much, but a gesture that will be understood.”

Kristof Kintera – Results of the analysis, 29.2. to 13.5.2011, City Gallery Prague (City Library, 2nd floor, Marianske namesti 1, entrance via Valentinská), open: daily 10-18 o’clock, Admission: 120 CZK (reduced 60 CZK), www.ghmp.cz, www.kristofkintera.com

Migration ins Unterbewusstsein // Tschechiens Surrealisten zu Zeiten des sozialistischen Regimes

„Du musst deine Augen schließen, sonst siehst du gar nichts.“ Mit diesen Worten beginnt Jan Švankmajers Film „Alice“ aus dem Jahr 1988. Der für seine skurrilen Animationsfilme bekannte Filmemacher, der noch so unbelebte Alltagsobjekte auf virtuose und verstörende Weise zum Leben erweckt, liefert mit seiner freien Adaption des Kinderbuchklassikers Alice im Wunderland indirekt auch die Arbeitshypothese der surrealistischen Kunst: der menschliche Erfahrungsbereich geht weit über die unmittelbare Wahrnehmung und die Grenzen des menschlichen Verstandes hinaus, er schließt das Unwirkliche, das Traumhafte und Unterbewusste mit ein.

Besonders ist an den tschechischen Surrealistengruppen um Karel Teige und Vlatislav Effenberger, dass der Künstlerbewegung durch den politischen Terror und die Zensur der Nachkriegsjahre auch eine gegenrevolutionäre Funktion zukam, während die Bewegung in Paris etwas an Fahrt verlor. Dass auch die Ausstellung „Surrealistische Ausgangspunkte (1948 – 1989) – Aufbrüche, Kehrtwenden, Überschneidungen“, die zur Zeit im Museum der Tschechischen Literatur, im historischen Hvězda-Sommerpalast (Letohradek Hvězda) im Tiergarten des Prager Stadtteil Liboc zu sehen ist, die Schaffensphase der Surrealisten zu Zeiten des sozialistischen Regimes beleuchtet, ist daher von großer Bedeutung, da es besonders die Nachkriegs- und nicht allein die 1930er Jahre waren, die dem tschechischen Surrealismus sein Alleinstellungsmerkmal gaben.

Fliegende Brüste und innerer Widerstand

Das Programm der tschechischen Surrealisten kann zwar auch unabhängig von den Beschränkungen konkreter politischer Doktrinen verstanden werden, da es sich schon gegen das Normalverständnis von Realität und eine rein rationale Interpretation von Welt richtet. Zugleich aber geben Werke wie Václav Tikals „Rabbi Löw – Denkmal der zu Tode Gefolteren“ nicht nur Einblicke in tieferliegende Befindlichkeiten und Ängste, sondern zeugen von einer in dieser Kunstrichtung häufig anzutreffenden, impliziten moralischen Haltung, die auch Josef Istlers Skulptur „Fisch voller Zähne“ kennzeichnet. Istlers stählerne Skulptur, die einen gestrandeten Fisch mit nach innen gerichteten Zacken zeigt, kann als Ausdruck einer inverten Phänomenologie gelesen werden, die sich mit den Selbstzerfleischungstendenzen des unterdrückten Individuums beschäftigt.

Als stilbildend für die surrealistische Bearbeitung erotischer Motive können zudem die Fotocollagen Karel Teiges und Albert Marenčin gelten. In Traumlandschaften schweben vom Körper abgelöste weibliche Rundungen. Rätselnd steht man vor Schwarz-Weiß-Kompositionen, deren mehr oder weniger uneindeutige Objektbeziehungen und Magie sich langsam vor dem inneren Auge entfalten. Psychoanalytisch beobachtet, sieht man, dass hier nicht nur unterdrückte politische, sondern auch erotische Phantasien, einen künsterlischen Ausdruck gefunden haben.

Besonders die Aktivitäten der Gruppe UDS, zu dessen Mitgliedern auch der Kurator der Ausstellung, Stanislav Dvorský zählte, bildeten in den Vorwehen des Prager Frühlings eine wichtige Gruppe des intellektuellen und künsterlischen Widerstands. Mit der Ausstellung „Symbole des Monströsen“ wandten sich Künstler wie Alois Nožička, Věra Linhartová und Jaroslav Hrstka erstmals an eine breitere Öffentlichkeit, verbanden sich mit der nach Andre Brétons Tod neugegründeten Pariser Surrealistengruppe und organisierten im Frühling des Jahres 1968 eine dreiteilige internationale Ausstellung surrealistischer Kunst in Prag, Brünn und Pressburg.

Sämtliche Informationen der Ausstellung sind in tschechischer Sprache.

Hvězda Sommerpalast

Orbora Hvězda, Prag 6 (Liboc), geöffnet: 10 bis 18 Uhr (außer montags), ab Oktober 10 bis 17 Uhr, Eintritt: 90 Kronen (ermäßigter Eintritt 45 Kronen), www.pamatniknarodnihopisemnictvi.cz, bis 30. Oktober 2011