Krypten der Moderne // Das Ökotechnische Museum in Prag-Bubeneč

Beim Anblick des Mutterschiffs, dem Hauptgebäude der ehemaligen Abwasserreinigungsanlage in Bubeneč, fällt auf, dass seinen Erbauern kein reiner Funktionsbau vorschwebte als es um die Unterbringung der verschiedenen Klärstufen ging. Es muss ihnen bewusst gewesen sein, dass hier Geschichte geschrieben und das um 1900 modernste Klärwerk Europas gebaut wird. Ein solches Selbstbewusstsein widerspricht jedoch dem gewöhnlicherweise etwas demütigen Ingenieursgeist – lauert doch bereits der nächste Fehler im Detail.

Auch der in England geborene Konstrukteur Sir William Heerlein Lindley, der 1882 in Frankfurt am Main eine ähnlich wegweisende Anlage in Betrieb genommen hatte, entdeckte solche Details und nutzte die Fehleranalyse, um der Entsorgungswissenschaft einen lange Zeit uneingeholten Innovationsschub zu verpassen. Dass mit der wenige Jahre später in Bubeneč einsetzenden Elektrifizierung die meisten der überdimensionalen und surreal anmutenden Riemensysteme hinfällig wurden, liest sich heute als Fußnote in der Geschichte der vom Fortschritt überholten Anlage.

Die zwei funktionstüchtigen Dampfmaschinen wurden seit der Elektrifizierung lediglich für den Betrieb der Hochwasserpumpen eingesetzt. Heute bewegen sich ihre Kolben, Pleuel und Schwungräder nur noch zu Anschauungszwecken – insektenhaft mutet das Zusammenspiel von Gliedmaßen, Schmierung und Riemen an.

Sperrlich, aber effektvoll beleuchtete Wendeltreppen führen den Besucher in den unterirdischen Ostflügel. Hier wurde ankommendes Abwasser aus der Stadt genutzt, um ein meterhohes Wasserrad zum Drehen zu bringen. Dieses wiederum übertrug die Drehung auf einen Ventilator, mit dessen Sog der bestialische Gestank über den Klär- und Sammelbecken abgesaugt und in einen der beiden Backsteintürme abgeleitet wurde. Diese auch dem Laien einleuchtende, weil rein mechanische Form der Kraftübertragung findet sich in verschiedenen Anlagebereichen wieder – auch wenn die im Original Lindleys über Riemen erfolgte Kraftübertragung inzwischen gekappt ist.

In der unterirdischen Haupthalle, deren Wände von dem darüberliegenden Gebäude gehalten werden, liegen zwei der insgesamt drei mechanischen Klärstufen. Der zunächst manuell, später mit einem elektrisch betriebenen Rechenkamm beseitigte grobe Unrat wurde in einem ersten Klärgang aufgenommen und auf Schienenwaggons verladen. Hierbei handelte es sich um nicht weiter zu verarbeitbaren Restmüll – dem einzigen, den die gegen Ende der 1920er Jahre für 300.000 Prager zuständige Anlage auszusortieren hatte.

In einem zweiten Becken wurde der zu Boden gesunkene Sandschlamm abgepumpt und konnte nach dem Trocknen für die Bauwirtschaft verwendet werden. In den sich hieran anschließenden 90 Meter langen Sedimentationsbecken kamen die bis dahin im Wasser schwebenden Fäkalien zur Ruhe und konnten abgepumpt, auf Schiffe verladen und als Dung an die Landschaftwirtschaft verkauft werden. Hierin bestätigt sich, dass die Abwasserwirtschaft um 1900 für die dringend notwendige Verbesserung der Hygiene und die gewinnbringende Lösung von Entsorgungsproblemen bahnbrechend war.

Keineswegs lässt sich der Aufenthalt in den Katakomben des Museums jedoch auf den technischen Teil der Abwasserbeseitigung reduzieren. Vielmehr herrscht hier eine besondere Atmosphäre, die von den backsteinernen Tunnels und Schächten ausgeht. Hier wurden nicht einfach Stoffwechselendprodukte durch irgendwelche Becken und Kanäle geleitet. Der technischen Innovation entsprechend hat man auf eine aufwendige architektonische Form gesetzt, die sich, neben einem mehrdimensionalen Tunnelsystem, gemauerte Rundbögen als auch Simse leistet.

Wie den Kirchen oder Speichern der Backsteingotik mutet der Unterwelt etwas Sakrales an, deren Wirkung das Museum einmal jährlich durch den Verzicht auf elektrische Beleuchtung und das Aufstellen tausender Teelichter verstärkt. Wer wissen möchte, warum der vierte Teil von Mission Impossible unter anderem in den Mauern des Ökotechnischen Museums in Bubeneč gedreht wurde, sollte selbst einmal dort vorbeischauen.

www.ekotechnickemuseum.cz

Werbeanzeigen