Signalfeuer gegen das Vergessen // Museum Montanelli würdigt verfemte Kunst des 20. Jahrhunderts

Zwar weiß man heute, dass Künstler während des Nationalsozialismus aufgrund ihrer Herkunft, ihres Stils, ihrer politischen Überzeugung oder ihres Menschenbildes Berufsverbot hatten und für Abweichungen von der geltenden Doktrin nicht selten mit dem Leben bezahlten. Weniger bekannt ist jedoch, was aus jenen Werken geworden ist, die den nationalsozialistischen Bildersturm überstanden haben. Beschämt stellt man bei der Betrachtung der Exponate des Zentrums der verfolgten Künste des Solinger Kunstmuseums fest, dass die von den Nazis beanspruchte künstlerische Deutungshoheit, wie sie sich spätestens in der 1937er Ausstellung “Entartete Kunst” in Münchens Hofgarten-Arkaden ausdrückte, bis heute nachwirkt. Viele der damals verfemten Werke, die nicht vernichtet oder ins Ausland verkauft wurden, wurden nie wirklich rehabilitiert und sind damit auch wenig bekannt. Ausgehend von der Frage, warum es so gute Künstler gibt, von denen man gar nichts weiß, sind es vor allem Privatsammler wie Gerhard Schneider, aus dessen Sammlung ein Großteil der zu sehenden Exponate stammt, die dafür sorgen, dass vormals verfemte Künstler wieder in ihr Recht gesetzt werden.

Dem Anliegen ebendieser Rehabilitierung ist die neue Ausstellung im Museum Montanelli gewidmet. Insgesamt finden sich hier 68 der auf der Münchener Ausstellung von den Nazis diffamierten 118 Ausstellungsstücke wieder. Gerade die Künstlergeneration Mitteleuropas, die nach 1900 geboren wurde und sich vor der Machtübergabe an die Nationalsozialisten keinen Namen machen konnte, wird von den meisten Ausstellungsmachern bis heute weitesgehend übergangen. “Wir sind das einzige Institut”, so Rolf Jessewitsch vom Solinger Zentrum der verfolgten Künste, “das sich um diesen Teil der künstlerischen Zeitgeschichte kümmert.” Jessewitsch betont, was die Künstler neben ästhetischen und thematischen Merkmalen untereinander eint und für die Beleuchtung im außerdeutschen Kontext, und somit auch in Tschechien, interessant macht: ”Die Ausstellung zeigt, dass die Künstler dieser Zeit vernetzt waren. Die Künstler dieser Zeit hatten einen Nationalismusgedanken völlig überwunden.” Bildhauerin Milly Steger, eine Freundin der deutsch-jüdischen Schriftstellerin und Avandgardistin des literarischen Expressionismus Else Lasker-Schüler, unterhielt beispielweise intensive Beziehungen nach Prag und Wien.

Auch wenn die Ausstellung sich nicht als historisch begreift, erhält der Besucher Antworten auf die Frage, wie Künstler den erlebten Wahnsinn künstlerisch umsetzten. Es zeigt sich, neben Meisterwerken von Carl Rabus und Eric Isenburger, die eindeutig in den Bildkosmos der Modernen Malerei und Druckgrafik gehören, dass die Betonung der Zeitgeschichte in Georg Netzbands Kohlezeichnungen und in Otto Herrmanns Lithographien die künstlerische Eigenständigkeit berührt. Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, gab Theodor W. Adorno zu denken. Für den heutigen Betrachter besitzen die im Museum Montanelli nachzuvollziehenden künstlerischen Bezüge zur menschenverachtenden Realität der Jahre 1933-1945 jedoch auch einen geschichtspädagogischen Wert, weil sie helfen, sich mit der Düsternis dieser Zeit zu konfrontieren.

Wie die wiederzuentdeckende Moderne Kunst in den 1930er Jahren zwischen Impressionismus und Neuer Sachlichkeit oszillierte, zeigt sich zudem an der Gegenüberstellung Otto Nagels “Berliner Straßenszene” und Teo Gebürschs “Berliner Gartenhäuser”. Die zur gleichen Zeit sehr verbreitete künstlerische Betätigung im Bereich Druckgrafik, die etwa zwei Drittel der Ausstellung ausmacht, erklärt der Solinger Museumsdirektor Jessewitz damit, dass sich Künstler hiermit “nicht nur gegen den Stil, sondern auch gegen die soziale Funktion von Kunst gestellt” haben. Dies bestätigt auch die vom deutsch-jüdischen Philosophen Walter Benjamin begründete Kunsttheorie, die der Reproduktionstechnik und der mit ihr assoziierten Kunstformen eine demokratische Funktion zuschreibt. Kunstwerke der Druckgrafik waren Flugblatt, Zeitung und Appell zugleich. Benjamin starb 1940 im spanischen Portbou auf der Flucht vor der Gestapo.

Dreams and Nightmares, bis 22.5., Museum Montanelli (Nerudova 13), geöffnet: dienstags bis samstags 12-18 Uhr, sonntags 12-16 Uhr, Eintritt 80 CZK (ermäßigt 40 CZK), www.muzeummontanelli.com

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Interventionen gegen das Einerlei // 5. Prag-Biennale regt zu Bewegung in der Murmel an

> Friederike Feldmanns „Inline“ im Ausstellungsteil „Erweiterte Malerei“. Foto: praguebiennale.org

Selbstbewusst präsentiert sich die derzeitige Kunst- und Fotografieschau im Süden der Stadt und verspricht nicht weniger als die Abkehr vom Event-Einerlei jener Biennalen, die sich über die Jahre in politisch korrekte Gruppenschauen mit aufgeblasenen Budgets in zweistelliger Millionenhöhe verwandelt haben. Dass die früher in der Karliner Ausstellungshalle anzutreffende Prag-Biennale hier einen Unterschied macht, signalisiert auch der Umzug in das etwas außerhalb, unweit der Moldau gelegene Hochhaus des früheren Flugzeugmotorenherstellers Microna.

Über drei Stockwerke erstreckt sich die von Giancarlo Politi, Helena Kontova, Nicola Trezzi und 14 weiteren Kuratoren betreute, in drei Haupt- und 13 Untersektionen gegliederte Ausstellung, die, wie bereits 2009, zusammen mit der Prag-Foto-Biennale stattfindet und Werke von über 170 Künstlern zeigt. Besondere Beachtung erfahren hierbei Vertreter der italienischen und der indischen Kunstszene, wobei der Ausstellungsteil „Crossroads: India Escalate“ den gesellschaftlichen Wandel Indiens auf sensible Weise erfahrbar macht und sich auch als Referenz auf die erstmalige Teilnahme Indiens an der diesjährigen Venedig-Biennale versteht.

Wenig Licht, viel Tunnel

Im Kellergeschoss befindet sich der vorwiegend von tschechischen und slowakischen Künstlern bespielte und über massive Eisentüren zu begehende Ausstellungsteil „…wahrzunehmen im Dunkel der Gegenwart…“. Den ironischen Ausweichmanövern vieler künstlerischer Zeitgenossen wird hier, wie auch in großen Teilen der Ausstellung, mit einem manchmal finsteren, verstörenden, aber immer überzeugenden Blick auf die Gegenwart entgegnet – ohne dabei belehrend zu sein.

Schon am Eingang erwartet den Besucher eine Audio-Installation, die durch die Simulation von Trittschall und SMS-Empfangstönen mit den gewöhnlichen Hörerfahrungen bricht und in positiver Weise für Verunsicherung sorgt. Denn die nun beginnende Reise reicht von der Abgrunderfahrung, wie sie Ladislav Vondráks in einem Kohlenkeller gedrehte Videoperformance vermittelt, über Eva Koťátkovás „Parallele Biographie“ bis hin zu Alexandra Vajds und Hynek Alts Höhlenaufnahmen, die das Thema dieses Ausstellungsteils auf den Punkt bringen.

Anders als eine Prager Filiale, die mit der Losung „Pizza Go Home“ mit unfreiwilliger Komik für den eigenen Lieferservice wirbt, besticht der Ausstellungsteil „Fokus Italien“ durch die Eloquenz seiner unter dem Titel „Die Krise der festen Überzeugung“ vereinten Ton- und Videoinstallationen. Rudina Hoxhajs „Il Narratore“, Luca Bolognesis „Who we are“ und Marco Strappatos Remake des Dokumentarfilms „Blind Child“ zeigen wie intelligent und anschaulich zugleich konzeptionelle Kunst sein. Bolognesi ließ die in der ersten Person Plural verfassten Unternehmensleitbilder verschiedener multinationaler Konzerne von einem professionellen Sprecher einsprechen und vereint die Wohlfahrtsversprechen des höheren Managements so zu einem höchst absurden Mantra. Auch Davide Valentis „Cirriculum Vitae“, das den eigenen Lebensweg der Jahre 2011 bis 2073 skizziert, besticht durch eine allen Werken immanente Wendung, die leicht daherkommt und das Gewohnte in einen völlig neuen Kontext stellt.

Figur & Abstraktion 

Unter dem Ausstellungstitel „Erweiterte Malerei“ unternimmt die 5. Prag Biennale zudem eine Standortbestimmung der zeitgenössischen Malerei und stellt vor allem Werke von jungen internationalen Künstlern zur Schau, die nicht ausschließlich in der Malerei verhaftet sind, sondern sich mit dem medialen Erbe dieser Kunstgattung auseinandersetzen und hierbei das Verhältnis von Figuration und Abstraktion neu ausloten. In „Die Notwendigkeit der Abstraktion“ präsentieren sich Berliner Künstler wie Friederike Feldmann und Frank Nitsche stellvertretend für die neueren Ansätze der zeitgenössischen deutschen Malerei.

www.praguebiennale.org

> Polens höchstgelegenes Schwimmbecken. Foto: Adam Lach / Napo Images 

In der zweiten Ausgabe der zeitgleich stattfindenden Prag Foto-Biennale sind die Bildbeiträge junger Fotografen aus aller Welt vertreten, die sich unter dem Arbeitstitel „Romantisches Konstrukt“ mit der Geschichte und der Tradition der Fotografie beschäftigen. Schwerpunkt der diesjährigen Fotografieausstellung bildet die polnische Fotografie, vertreten durch Künstler wie Adam Lach, Krysztof Pijarski und Albert Zawada.

Fast unmöglich ist es, alle vertretenen Künstler gleichermaßen mit einem einzigen Besuch zu würdigen. Wahrhaft Kunstinteressierten empfiehlt es sich daher durchaus ein zweites Mal zu kommen und sämtliche Perlen dieser ungeschminkten Kunstschau in Augenschein zu nehmen. Alle Texthinweise sind ins Englische übersetzt.

Prag Biennale 5 & Prag Biennale Foto 2

Československého exilu 4, Prag 4 (Modřany), geöffnet: mittwochs bis sonntags 12 bis 19 Uhr (montags und dienstags nur nach telefonischer Vereinbarung +420 774 572 689), Eintritt: 150 Kronen (ermäßigt 70 Kronen), www.praguebiennale.org, bis zum 11. September (Finissage)

Im Hindernisparcour der Kunst // Ein Treffen mit Krištof Kintera (der vor Kurzem den tschechischen Kunstpreis „Persönlichkeit des Jahres“ erhalten hat)

Ausgerüstet mit Stichsäge und Aluminiumprofilen bewegt sich ein Handwerkstrupp durchs Treppenhaus der Stadtbücherei Prag. Es sind die Vorbereitungen für Krištof Kinteras Solo-Ausstellung, die in diesen Tagen für vermehrtes Material- und Personenaufkommen sorgen, am Altstädter Marienplatz Nummer eins. Zwischen den Stockwerken kommen die Blaumänner zum stehen. Die Plastiktüte eines Obdachlosen, der sich hier aufgewärmt hat, ist beim Abgang am Geländer aufgerissen. Deren Inhalt liegt nun über sämtliche Stufen verteilt. Vor sich hin murmelnd, liest der etwa 60-Jährige ein paar dreckige Kleidungsstücke auf, steckt sie zurück in die Tüte und verschwindet in die klirrende Kälte, hinaus auf die Straße.

Dorthin, wo auch prominentere Werke des 38-jährigen Krištof Kintera zuhause sind. Für seine zum Gedenkobjekt umfunktionierte Straßenlampe, mit dem Titel “Willensprobe – Memento Mori”, an der Nuslebrücke im Prager Folimanka Park, wurde Kintera nun mit dem Kunstpreis “Persönlichkeit des Jahres 2011” geehrt. Seit 10 Jahren wird der auf die Initiative des Egerer Stadtgaleriedirektors Marcel Fiser zurückgehende Preis vergeben. Dass die Installation die zehnköpfige, vom Magazin Art & Antique und dem Kunstportal artalk.cz ernannte Fachjury überzeugt hat, liegt vor allem an ihrer gesellschaftlichen Relevanz, thematisiert sie doch ein trauriges und weitgehend verdrängtes Kapitel des Prager Alltags. Schätzungen zufolge haben sich seit 1973, dem Jahr der Errichtung der Brücke im Prager Stadtteil Nusle, 200 bis 300 Menschen durch den Sprung in die Tiefe das Leben genommen.

“Es ist positiv, dass eine Realisation im öffentlichen Raum gewonnen hat. Kinteras Statue ist sehr interessant und wichtig, weil sie auf das Problem des Prager Monuments verweist”, so Jurymitglied Hana Rousová. Für welche künstlerischen Zwecke sich die üblicherweise rigide an Straßenverläufe angepasste Straßenbeleuchtung eignet, hat Kintera schon vor Jahren im holländischen Tiburg für sich entdeckt, wo er eine handelsübliche Straßenlampe zum Spotlight einer Heiligenstatue umbaute.


Ohne das Einverständnis der Behörden wären Kinteras Installationen jedoch nicht von großer Dauer. “Das war auch das größte Problem mit der Installation in Nusle”, so Kintera. “Ohne meine persönliche Bekanntschaft zu einer Person in der Stadtverwaltung hätte das nicht geklappt.” Die Grenzen des Erlaubten zu testen und die der Kunst zu erweitern, gehört fest zu Kinteras künstlerischem Selbstverständnis, was sich auch während der Vorbereitungen zu seiner Ausstellung in der Prager Stadtbücherei zeigt. Dankbar, aber unbeeindruckt von der Größe und Qualität des Ausstellungsraums, verlangt Kintera von der Galerieverwaltung einen hinter Rigipswänden verborgenen Korridor für Besucher zugänglich zu machen. Um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, hat er bereits mit dem Hammer ein Loch in die Wand geschlagen.

“Hier möchte ich einen Durchbruch machen, aber vor einigen Tagen war ein Sicherheitsbeauftragter von der Stadt da und hat Bedenken angemeldet. Der hat auch gefragt, ob ich ein Sicherheitszertifikat für meine Kunstwerke habe.” Kintera grinst für einen Moment, macht aber sofort deutlich, dass es ihm ernst ist. Ihn jetzt mit Sicherheitsbedenken zu konfrontieren sei absurd, weil die Galerie schon lange wüsste, dass er zum Beispiel ein unter 50 000 Volt Spannung stehendes Werk ausstellen werde. Ganz so kompromisslos wolle er sich jedoch nicht zeigen. “Wir werden eine Lösung finden, notfalls sperren wir einen Seitenraum ab, den Besucher dann zwar nicht betreten, aber anschauen können.” Ein Sicherheitszertifikat für Kunstwerke zu verlangen, klingt tatsächlich etwas restriktiv. Zugleich scheint Kintera jedoch gerade solche Bedenken und Einwände als Ansporn und Legitimierung für seine künstlerischen Sonderwege zu nutzen.

Kintera, der zur den erfolgreichsten Künstlern Tschechiens zählt und unter anderem an “Entropa”, David Černýs skandalösem Werk für die tschechische EU-Ratspräsidentschaft 2009, beteiligt war, betont seine Unabhängigkeit. “Wenn ich in der Ausstellung auf bestimmte Werke aus Sicherheitsgründen verzichten soll, dann werden wir meine Sachen hier wieder abtransportieren, dann war’s das. Ich brauche diese Ausstellung nicht.” Kintera zeigt auf eine aus Blei gefertigte Kabine, die während der Ausstellung das Zuhause seiner Filmfigur “Plumbuman” (zu deutsch Klempnermann) sein wird: “Was kann ich dafür, wenn jemand mit seiner Zunge überprüfen will, wie die Bleiverkleidung schmeckt? Das ist nicht mein Problem.”

Schon 1996 kommentierte Kintera das gängige Anfassverbot in Galerien und Museen mit seinem Werk “Do not touch”, drei in den Betonboden eingelassene Kreissägen, deren Sägeblätter bedrohlich und ohne jede Schutzvorrichtung rotierten. Für die Ausstellung in der Stadtbücherei hat er sich vorgenommen den Eingangsbereich umzubauen. “Normalerweise kommt man hier durch die Eingangstür und schluckt erstmal, weil die Stimmung so gedämpft ist, rechts der Bezahltresen, vorne das Wachpersonal. Um das zu ändern werden wir die Decke etwas abhängen und einen für Prag typischen, vietnamesischen Kaufladen nachbauen, durch den sich der Besucher ersteinmal durchzwängen muss.”

Fast wäre Kintera Berufsathlet geworden, Hürdenläufer. Das war ihm jedoch zu langweilig. Hürden zu suchen und dann zu überwinden, hat sich jedoch auch als Motiv für sein künstlerisches Schaffen bewährt. Für den Fall, dass der Sicherheitsbeauftragte ernst machen und tatsächlich Ausstellungsstücke verbieten will, hat er bereits vorgesorgt. Schmunzelnd deutet Kintera auf einen über vier Meter hohen, aus Straßenlampen gefertigten Kronleuchter: “Hier in dem Stahlrohr haben wir einen 100-Kronen-Schein deponiert. Nicht viel, aber die Geste zählt.”

Krištof Kintera – Ergebnisse der Analyse, 29.2. bis 13.5., Galerie der Hauptstadt Prag (Stadtbücherei, 2. Stock, Mariánské náměstí 1, Eingang Valentinská), geöffnet: täglich 10-18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), www.ghmp.cz, www.kristofkintera.com

> find the fast-and-humpy-translated english version below:

In the obstacle course of arts // A Meeting with Krištof Kintera – Czech Republic’s art personality of the year 2011

Equipped with a jigsaw and aluminum profiles, a group of handcrafts moves through the stairway of the Prague Municipal Library. Where the preparations for Kristof Kinteras solo exhibition take place these days, providing increased material and passenger traffic, at the Old Town Maria Square number one. Between the floors the group of Blue Men stops. The plastic bag of a homeless man who has warmed himself here, torned open while passing the stair-rail. The content is now distributed across the stairs. Muttering to himself, the about 60-year-old collects his clothes, puts them back into the bag and disappears into the bitter cold, out to the streets.

To where also prominent works of the 38-year-old Kristof Kintera have their existence. For his to a memorial converted street lamp, with the title „Of One’s Own Volition – Memento Mori“, at the Nusle Bridge in Prague’s Folimanka Park, Kintera was now been honored with the Art Award „Personality of the Year 2011“. Going back to the initiative of Cheb’s Municipal Gallery Director Marcel Fiser the prize has been awarded for already 10 years. That the installation convinced the ten jury members, appointed by the magazine Art & Antique and the Art Portal artalk.cz, is also because of its social relevance, focussing on a sad and largely repressed chapter of Prague’s daily life. It is estimated that since 1973, the year of construction of the bridge in Prague Nusle, 200 to 300 people took their lifes by jumping to the depth.

„It is positive that a realization has won in the public domain. Kinteras statue is very interesting and important because it points to the problem of the Prague monument”, says jury member Hana Rousová. Kintera already proved the usually rigidly road course following streetlamp as a means for artistic purposes several years ago in the Dutch city of Tilburg, where he modified a street lamp into a Spotlight of a saint statue.

Without the consent of the authorities Kinteras installations were not of great duration. „That has also been the biggest problem with the installation in Nusle“ says Kintera. „Without my personal acquaintance with a person in the city government it would not have worked out.“ To test the limits of what is permissible and to expand the limitis of art, is part of Kinteras self-understanding, which can be recognized also during the preparations for his exhibition at the Prague Municipal Library. Thankfully, however, unimpressed by the size and quality of the exhibition space, Kintera requires the management of the gallery to make a hidden corridor behind plasterboard walls accessible for visitors. In order to emphasize his desire, he already made a hole in the wall.

Testing and expanding the limits of arts

„Here I would like to make a breakthrough, but a few days ago, a security officer was here, and raised concerns. He also asked if I have a safety certificate for my art works.“ Kintera smiles for a moment, but immediately makes sure that it’s serious. To confront him with safety concerns now is absurd, because the gallery knows for a long time that he would also issue a 50 000 volt art work. Nonetheless he shows openess towards a compromise: „We will find a solution, if necessary, we will block off a side room, then the visitor can not enter, but watch.“ To require a safety certificate for works of art, sounds, politely said, restrictive. At the same time Kintera uses such concerns and objections as an incentive and legitimacy for his specific artistic ways.

Kintera, who is one of the most successful artists in the Czech Republic and was also envolved in „Entropa,“ David Cerny’s scandalous art work for the Czech EU Presidency in 2009, emphasizes his independence. „If I should be forced to abandon certain works from the exhibition for security reasons, then we’ll move my stuff away form here, and that’s it. I don’t need this exhibition.“ Kintera points to a cabin made of lead, which will be the home of his character invention „Plumbuman“ during the exhibition. „What can I do if someone wants to check with his tongue, how the lead lining tastes? That’s not my problem.“

Back in 1996 Kintera commented gallery and museum conventions with his work „Do not touch“, three concrete embedded buzzsaws, which blades rotated threatening and without any protective device. For the exhibition at the public library, he wants to remodel the entrance area. „Usually you step in and directly have to swallow, because it’s so subdued – the payment counter on the right, the guards in front. To change this we will lower the ceiling and rebuild a Prague typical Vietnamese grocery store, through which the visitor will have to pass through.“

When he was young Kintera would have almost become a professional athlete. Thanks god he didn’t. To seek and overcome obstacles has nonetheless also become a motive for his artistic work. If the security officer unsheathes and wants to prohibit exhibition pieces, Kinteras team is prepared. Pointing to a four meters high chandelier made of street lamps Kintera says: „Here in the top of the steel tube, we have deposited a 100-Crown note. Not much, but a gesture that will be understood.”

Kristof Kintera – Results of the analysis, 29.2. to 13.5.2011, City Gallery Prague (City Library, 2nd floor, Marianske namesti 1, entrance via Valentinská), open: daily 10-18 o’clock, Admission: 120 CZK (reduced 60 CZK), www.ghmp.cz, www.kristofkintera.com

Plusminus 15 Minuten Berühmtheit // Designakademie kürt die Preisträger des 6. Großen Tschechischen Designpreises

Seile mit viel Glitzer – süffisant mag derlei Beschreibung der jüngst mit dem Grossen Tschechischen Designpreis prämierten Schmuckkollektion „Virus“ der Designer Zdeněk Vacek und Daniel Pošta klingen. Und nicht nur das: sie greift zu kurz. Was das von Jiří Macek mit dem Begriff „Schmuck-Bauern“ keineswegs herablassend bezeichnete Designer-Duo in ihrem hauseigenen Chemielabor umtrieb, war die Erforschung und Nutzbarmachung eines natürlichen Bauprinzips, das sie erstmals in einem Hafen an herrenlos gewordenen Bootstauen beobachtet haben. Über einen langen Zeitraum hatten sich die an Seilen befindlichen Meersalze und Muscheln in schillernde Kristallformationen verwandelt. Diesen Prozess machten sich Vacek und Pošta mit Kochsalzen aus der eigenen Küche zu eigen und „züchteten“ auf Marineseilen Alaun-Kristalle mit ihren charakteristischen Oktaederformen. Hätten die beiden Preisträger die als Dekolletés konzipierten Schmuckstücke nicht noch mit Rotgold und Rohdiamanten bestückt, hätten sie neben der künstlerischen Innovation auch noch eine krisenkompatible Form des Luxus etablieren können.

In insgesamt elf Kategorien und drei Wahlgängen ermittelte die 51-köpfige Jury mit Vertretern aus Wissenschaft, Fachjournalismus und Ausstellungswesen die diesjährigen Gewinner des Grossen Tschechischen Designpreises. Für Designpreisroutinees hielt die bereits sechste Preisverleihung im Prager Ständetheater (Stavovské divadlo) einige Überraschungen bereit. Diejenigen, die sich wie gewohnt auf einen von Schauspieler Marek Eben gekonnt moderierten Spaziergang durch die zu feiernden Designdisziplinen freuten, dürften von den kurzangebundenen Ansagen und Rückfragen der an diesem Samstagabend durch das Programm führenden Schauspieler Tereza Voříšková und Kryštof Hádek überrascht gewesen sein. Hilflos wirkende Fragen, wie die nach der Schulnote im Fach Chemie veranlassten nicht nur die Gewinner des Hauptpreises zu mehr als knappen Antworten. Auch auf Voříškovás Frage, was denn zuerst da gewesen sei, Huhn oder Ei, erwiderte der vom Tschechischen Kulturministerium zum Designer des Jahres 2011 ernannte Rony Plesl lediglich mit einem knappen Verweis auf sein Markenzeichen: die eiförmige Glatze. Aber warum sollte nicht auch das Gerede über Design ikonisch sein dürfen? Eben.

Dass Tschechiens In-Design-Szene personell überschaubar ist und sich gut kennt, dafür sprechen die offenkundigen Beziehungen einiger Preisträger und Juroren untereinander und die nominelle Mehrfachverwertung von Preisträgern der Veranstaltungen Designblok und des Studentischen Designpreises. Zwar schaffte es die für ihr Sexspielzeug mit dem Studentenpreis gekrönte Designerin Anna Marešová es in der Kategorie „Entdeckung des Jahres“ nicht ganz auf den vordersten Rang. Dafür räumten die für die Darbietung ihrer Schmuckkollektion auf der internationalen Designausstellung Designblok 2011 gekürten Designer Zdeněk Vacek und Daniel Pošta nun auch den ersten Grossen Tschechischen Preis in der Kategorie Schmuckdesign und den Hauptpreis „Grosse Designer des Jahres 2011“ ab. Zudem zeigt sich der für seine eliptischen Weingläser und Kronleuchter – und unter Pragern Kinogängern durch seine im Bio Oko moderierten TED-Lectures – prämierte Designer Rony Plesl zugleich mitverantwortlich für wesentliche Schöpfungen des ebenso gefeierten Unternehmens Lasvit.

Wohl keine andere Kunstrichtung steht aufgrund ihrer angewandten Ausrichtung auch für die besondere Nähe zum Handel und zum produzierenden Gewerbe. So verwundert es nicht, dass sich das Tschechische Industrie- und Handelsministerium auch in der Kategorie „Industriedesign des Jahres 2011“ mit einem Preis an der Verleihung beteiligt hat. Dass das über die Landesgrenzen hinaus bekannte Glasmanufakturwesen Tschechiens – nicht zwangsläufig zu verwechseln mit dem in der Prager Innenstadt bis zum Erbrechen beworbenen Bohemian-Crystal-Ramsch – auch im 21. Jahrhundert international anschlussfähig sein kann, bestärkt der nun auch mit dem Grossen Tschechischen Designpreis gekrönte Erfolg des Milovicer Unternehmens Lasvit. Das in Europa, Nordamerika, im Mittleren und Fernen Osten agierende Unternehmen des Gründers Leon Jakimičs kooperierte 2011 sehr erfolgreich mit tschechischen und internationalen Designern wie Fabio Novembre, Mathieau Lehanneur und Nendo. Gewinner des Grossen Preises für das herausragendste Shop-Design wurde das auf Bürobedarf spezialisierte Trio um Kateřina Šachová von Papelote.

Als „Grosse Entdeckung des Jahres“ gilt seit Samstagabend Klára Šumovás Serie „Besiedelte Landschaften“ – eine spielerische, in Naturholzoptik gehaltene Möbelkollektion für den Aussengebrauch. Mit der fotografischen Inszenierung der an Terry Gilliams Märchenfiguren erinnernden Modekollektion „Air Force“ von Hana Zárubová wurde Bára Prášilová zur Fotografin des Jahres 2011 gekürt. Mode-Designerin des Jahres 2011 wurde Zuzana Kubíčková mit einer minimalistischen Sommer-Kollektion, während Štěpán Malovec die Jury mit seinen Plakaten und Katalogen für Ausstellungen in der Galerie Rudolfinum und im Prager Museum für Angewandte Künste in der Kategorie Grafik-Design von sich überzeugt haben muss. Den Preis für ihr Lebenswerk erhielt die bereits 1981 verstorbene Designerin Libuše Niklová, die mit ihren Gummifiguren und aufblasbaren Plastiktieren das Freizeitverhalten von Generationen tschechischer Kinder geprägt hat. Stellvertretend für seine Mutter bedankte sich der bekannte tschechische Künstler – und Spielkind – Petr Nikl bei den Juroren.

Wer die Preisverleihung, wie die Hälfte aller Besucher, von den höheren Rängen des Ständetheaters verfolgt hat, konnte die zur Vorstellung der Nomminierten gedachten Einspieler nicht mitverfolgen, da ein überdimensionales Scheinwerferreck die Sicht auf die Leinwand versperrte. Zahlreiche Objekte der Preisträger und Nomminierten des Grossen Tschechischen Designpreises 2011, in den Disziplinen Grafik-Design, Fotografie, Mode, Schmuck, Produkt- und Industriedesign, sind jedoch noch bis zum 29.4. im Nationalen Technikmuseum und in der Fenstergalerie der Tschechischen Sparkasse, Melantrichova – Prag 1, zu sehen. Die TV-Aufzeichnung der Preisverleihung wird am 17. März im Zweiten Tschechischen Fernsehen ausgestrahlt.

Weitere Informationen unter www.czechgranddesign.cz

Spurensuche mit Zwerg // Kulturprojekt „Bohemica“ belebt historische Handelsroute zwischen Bautzen und Prag

Böhmisches Bier ist in aller Munde und erfreut sich nicht nur in deutschen Szene-Kneipen erhöhter Nachfrage. Wie steht es umgekehrt um die Salonfähigkeit deutscher Kulturgüter in Tschechien? Was verbindet Tschechien einschlägig mit dem deutschem Kulturkosmos? „Der Gartenzwerg“, lautet die Antwort der Lausitzer Künstlerinitiative „obART“, die mit ihrem Projekt „Bohemica“ einen mobilen Teil der 3. Sächsischen Landesausstellung „Via Regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung“ bildet. Auf einem in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Nebenzweig der historischen Königsstrasse, die Sachsen mit dem Rheinland und Schlesien verband, entlang des Böhmischen Steiges und der Alten Prager Strasse, beschäftigt sich die Vereinigung unter dem Stichwort „grenzART“ mit den verschiedenen kulturellen Grenzziehungen Deutschlands und Tschechiens.

In Gestalt eines Gartenzwergs und auf zwei historischen Traktoren legte der kleinwüchsige, tschechische Schauspieler Josef Zeman die von Bautzen nach Prag führende Strecke, zusammen mit einem Team von Fotografen und Dokumentarfilmern, zurück. Den Endpunkt der insgesamt vierwöchigen Reise bildet die bis zum 11. September in der Trafacka-Galerie zu sehende Ausstellung „Bohemica“, die neben den museumsreifen Traktoren, und einem zum Bohemica-Info-Center umfunktionierten Bauwagen, Videos über die menschlichen und landschaftlichen Begegnungen der Etappe zeigt. Es wird deutlich, dass die im tschechischen Grenzbereich so häufig anzutreffende Figur des Gartenzwergs tatsächlich einen Dienst für die Kulturvermittlung leisten kann – vorausgesetzt man versteht es, wie Schauspieler Zeman, diese mit trockenem Witz und Tatendrang zu verkörpern.

An der Reise durch über 16 deutsche und tschechische Städte und Landschaftsräume beteiligte sich zudem der Leipziger Künstler Julius Popp mit seiner eigens für das Projekt entwickelten Installation „bit.course“, deren Funktionsweise es ermöglicht, Sätze aus Wasser auf die Strasse zu schreiben. Zusammen mit seinem bekannteren Werk „bit.fall“, einem Wort-Wasserfall, der seine Begriffe aus den Schlagwortsystemen des Internet bezieht, ist auch diese technisch wie künstlerisch einmalige Erfindung Teil der laufenden Ausstellung. Kultur – ihre Gegenwart und auch die Erinnerung an sie – ist, wie Popps Installationen verdeutlichen, vergänglich. Es wird daher empfohlen sich diese Ausstellung anzuschauen – bevor das Projekt „Bohemica“ im Internet fortlebt.

Bohemica, Trafačka, Kurta Konráda 1, Prag 9 (Vysočany), geöffnet: täglich 13 bis 19 Uhr, Eintritt: frei, www.bohemica.info, bis 11. September

Migration ins Unterbewusstsein // Tschechiens Surrealisten zu Zeiten des sozialistischen Regimes

„Du musst deine Augen schließen, sonst siehst du gar nichts.“ Mit diesen Worten beginnt Jan Švankmajers Film „Alice“ aus dem Jahr 1988. Der für seine skurrilen Animationsfilme bekannte Filmemacher, der noch so unbelebte Alltagsobjekte auf virtuose und verstörende Weise zum Leben erweckt, liefert mit seiner freien Adaption des Kinderbuchklassikers Alice im Wunderland indirekt auch die Arbeitshypothese der surrealistischen Kunst: der menschliche Erfahrungsbereich geht weit über die unmittelbare Wahrnehmung und die Grenzen des menschlichen Verstandes hinaus, er schließt das Unwirkliche, das Traumhafte und Unterbewusste mit ein.

Besonders ist an den tschechischen Surrealistengruppen um Karel Teige und Vlatislav Effenberger, dass der Künstlerbewegung durch den politischen Terror und die Zensur der Nachkriegsjahre auch eine gegenrevolutionäre Funktion zukam, während die Bewegung in Paris etwas an Fahrt verlor. Dass auch die Ausstellung „Surrealistische Ausgangspunkte (1948 – 1989) – Aufbrüche, Kehrtwenden, Überschneidungen“, die zur Zeit im Museum der Tschechischen Literatur, im historischen Hvězda-Sommerpalast (Letohradek Hvězda) im Tiergarten des Prager Stadtteil Liboc zu sehen ist, die Schaffensphase der Surrealisten zu Zeiten des sozialistischen Regimes beleuchtet, ist daher von großer Bedeutung, da es besonders die Nachkriegs- und nicht allein die 1930er Jahre waren, die dem tschechischen Surrealismus sein Alleinstellungsmerkmal gaben.

Fliegende Brüste und innerer Widerstand

Das Programm der tschechischen Surrealisten kann zwar auch unabhängig von den Beschränkungen konkreter politischer Doktrinen verstanden werden, da es sich schon gegen das Normalverständnis von Realität und eine rein rationale Interpretation von Welt richtet. Zugleich aber geben Werke wie Václav Tikals „Rabbi Löw – Denkmal der zu Tode Gefolteren“ nicht nur Einblicke in tieferliegende Befindlichkeiten und Ängste, sondern zeugen von einer in dieser Kunstrichtung häufig anzutreffenden, impliziten moralischen Haltung, die auch Josef Istlers Skulptur „Fisch voller Zähne“ kennzeichnet. Istlers stählerne Skulptur, die einen gestrandeten Fisch mit nach innen gerichteten Zacken zeigt, kann als Ausdruck einer inverten Phänomenologie gelesen werden, die sich mit den Selbstzerfleischungstendenzen des unterdrückten Individuums beschäftigt.

Als stilbildend für die surrealistische Bearbeitung erotischer Motive können zudem die Fotocollagen Karel Teiges und Albert Marenčin gelten. In Traumlandschaften schweben vom Körper abgelöste weibliche Rundungen. Rätselnd steht man vor Schwarz-Weiß-Kompositionen, deren mehr oder weniger uneindeutige Objektbeziehungen und Magie sich langsam vor dem inneren Auge entfalten. Psychoanalytisch beobachtet, sieht man, dass hier nicht nur unterdrückte politische, sondern auch erotische Phantasien, einen künsterlischen Ausdruck gefunden haben.

Besonders die Aktivitäten der Gruppe UDS, zu dessen Mitgliedern auch der Kurator der Ausstellung, Stanislav Dvorský zählte, bildeten in den Vorwehen des Prager Frühlings eine wichtige Gruppe des intellektuellen und künsterlischen Widerstands. Mit der Ausstellung „Symbole des Monströsen“ wandten sich Künstler wie Alois Nožička, Věra Linhartová und Jaroslav Hrstka erstmals an eine breitere Öffentlichkeit, verbanden sich mit der nach Andre Brétons Tod neugegründeten Pariser Surrealistengruppe und organisierten im Frühling des Jahres 1968 eine dreiteilige internationale Ausstellung surrealistischer Kunst in Prag, Brünn und Pressburg.

Sämtliche Informationen der Ausstellung sind in tschechischer Sprache.

Hvězda Sommerpalast

Orbora Hvězda, Prag 6 (Liboc), geöffnet: 10 bis 18 Uhr (außer montags), ab Oktober 10 bis 17 Uhr, Eintritt: 90 Kronen (ermäßigter Eintritt 45 Kronen), www.pamatniknarodnihopisemnictvi.cz, bis 30. Oktober 2011

Snoozle-Raum auf der Rollbahn // Alan Parkinsons begehbare Luftskulpturen auf dem Flughafen Letňany

Bereits 37 Länder haben die per Druckluft betriebenen Skulpturen Alan Parkinsons seit 1992 bereist und damit so manches Kinder- und Erwachsenenherz höher schlagen lassen. Seine aufblasbaren Zeltkonstruktionen, die über Höhlengänge verschiedener Größen, Formen und Farben miteinander verbunden sind, laden den Besucher zum Verweilen und zum Genießen des dargebotenen Farbrausches ein. Auch zur Meditation nutzen Gruppen die ruhige und warme Atmosphäre der „Mirazozo“ genannten Leuchtkörper, die in allen erdenklichen Farben strahlen und den einen oder anderen Besucher an die innenarchtitektonischen Wunschträume der 1970er Jahre erinnern.

Der 1970 auf der Kölner Möbelmesse gezeigte Entwurf „Visiona II“ des dänischen Designers Verner Panton, der einzelne Raumkomponenten zu einer einzigen farbenfrohen Wohnlandschaft zusammenfließen lässt, scheint hier Pate gestanden zu haben. Unterscheidungen zwischen Sitz- und Entspannungsflächen sind auch in den aufblasbaren Höhlensystemen Alan Parkinsons nicht mehr möglich. So oder so ähnlich muss die visuelle Realität Albert Hoffmanns in seinem LSD-Selbstversuch und mit ihm einer ganzen Generation von Drogenprobanden ausgesehen haben. Parkinsons Objekt gewordene Vision macht hierbei jedoch einen erfreulichen Unterschied: sie entfaltet ihre Wirkung auch ohne die Einnahme bedenklicher Präparate und überbietet die Ästhetik psychedelischer Tapetenmuster bei Weitem. Denn „Mirozozo“ ist begehbar und möchte erkundet werden.

Ein wenig erinnert dies an den biblischen Jona, der vom Wal verschlungen wurde und die Zeit im Inneren des Wals zur Einkehr und zum Gebet nutzte, um am dritten Tag wieder an Land ausgespien zu werden. So kann es auch kein Zufall sein, dass zwei weitere Konstruktionen Parkinsons die Namen Levity II und Levity III tragen – Namen, die sowohl Leichtigkeit und Ungezwungenheit bedeuten, aber zugleich auch an den Leviathan, das Seeungeheuer der jüdisch-christlichen Mythologie erinnern. „Was mich motiviert zu entwerfen, ist die Schönheit des Lichts und der Farben in den Beleuchtungskörpern, die mich immer wieder umhaut. Diese Strukturen erzeugen ein Bewusstsein, das unserer Alltagswahrnehmung auf angenehme Weise zuwiderläuft und den menschlichen Sinn für Wunder weckt“, so der Erfinder Alan Parkinson, Kopf der selbsternannten „Architekten der Luft“.

Für die fünf verschiedenen, aus Spezialkunststoff hergestellten Zeltstädte, die ähnlich wie eine Hüpfburg mit Druckluft aufgeblasen und auf Spannung gehalten werden, sammeln Parkinson und sein Team Inspirationen aus der Natur und der gothischen und islamischen Baukunst. Schneckenformen treffen hier auf das kontemplative geometrische Design einer Moschee. Ferner entdecken Kenner die Verwandtschaft zum sogenannten „Snoezelen-Raum“, einem Raumkonzept, das auf die Erfindung holländischer Zivildienstleistender der 1970er Jahre zurückgeht und heute zu Therapie- und Entspannungszwecken in Kindergärten und Altersheimen eingesetzt wird. Wer trotz ausgezogener Schuhe und trotz der Tatsache, dass sich immer nur 80 Personen gleichzeitig im Inneren des „Luminariums“ aufhalten dürfen, nicht zur Ruhe kommt, sollte es mit Bauchatmung versuchen. Empfohlen wird die Anreise mit öffentlichen Vekehrsmitteln. Zudem ist „Quix Luminarium“ mit dem Rollstuhl befahrbar.

Quix Luminárium

Hůlkova 16, Prague 9 (Kbely), geöffnet: 10 bis 20 Uhr, Eintritt: 160 Kronen (ermäßigter Eintritt für Familien: 2 Erwachsene + 2 Kinder 500 Kronen), www.luminarium.cz, 15. bis 18. Juli 2011